Minutenlang ohne Hilfe

Die meisten fuhren einfach vorbei: 80-Jähriger lag am Straßengraben

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Ist seinen Helfern dankbar: Walter Fritsch steht an der Landstraße vor dem Ortseingang Lendorf, wo er kürzlich stürzte und nicht mehr auf die Beine kam. Die meisten Autofahrer fuhren am hilflos am Straßenrand liegenden Mann vorbei.

Mühlhausen. Nachdem ein 80-Jähriger am Straßenrand in Mühlhausen gestürzt war, lag er hilflos auf dem Rücken. Zehn Minuten lang fuhren mehrere Autos an ihm vorbei. Dafür, dass ihm schließlich doch junge Männer halfen, ist er sehr dankbar.

Als junger Mann fuhr Walter Fritsch aus Mühlhausen fast 400 Kilometer mit dem Fahrrad nach Stuttgart. Doch die Beine des heute 80-Jährigen versagen ihm nun zunehmend. Zum Verhängnis wurde ihm das kürzlich auf der Landstraße zwischen Homberg-Mühlhausen und Lendorf: Dort stürzte Walter Fritsch – die meisten Autofahrer kümmerten sich nicht um den hilflos am Straßengraben liegenden Mann.

Vor Kurzem wurden kurz vor dem Ortseingang Lendorf Weiden in einem Graben am Straßenrand gestutzt, erzählt Fritsch. Die teils kräftigen Äste fielen dem Mühlhauser auf einer Besorgungsfahrt nach Wabern ins Auge. Weil Fritschs Beine immer schwächer würden, schnitze er sich aus Holz eigene Gehstöcke. „Ich hielt an und fragte einen der Arbeiter, die die Bäume schnitten, ob ich einen Ast haben darf“, sagt Fritsch.

Nachdem man ihm grünes Licht gab, entschloss sich der Rentner, den Regenschauer des Morgens abzuwarten. Er kehrte am Nachmittag zum besagten Graben zurück und versuchte mit seinem Gehstock einen besonders geraden Ast aus der Böschung zu ziehen.

„Ich beugte mich ein wenig vor und zog, aber anstatt den Ast hervorzuziehen, gaben meine Beine nach“, sagt Fritsch. Der 80-Jährige stürzte und blieb auf dem Rücken im noch nassen Gras liegen. Aus eigener Kraft konnte sich der etwa 80 Kilogramm schwere Mann nicht mehr auf die Beine stellen: Vergeblich versuchte er sich auf die Seite zu drehen und ein Stück aus dem Graben zu krabbeln.

Hilfe konnte ihm niemand leisten: Die Arbeiter vom Morgen hatten ihre Tätigkeit schon längst beendet, das Handy in seiner Tasche konnte der Senior in seiner misslichen Lage nicht erreichen. Besonders enttäuschte Werner Fritsch aber eines: „Ich lag für alle vorbeifahrenden Autofahrer sichtbar neben der Straße. Aber erst nach über zehn Minuten hielt ein Mann mit seinem Auto an und fragte, ob er mir helfen könne“, sagt Fritsch.

„Ich bin den jungen Männern so dankbar, dass sie mir geholfen haben.“
Walter Fritsch

Sein Abenteuer im Straßengraben war damit allerdings noch nicht beendet. Trotz dass der Autofahrer ihn stützte, konnte er Fritsch nicht aufrichten. Glücklicherweise bemerkten zwei weitere Autofahrer das Treiben am Straßenrand. „Ich bin den jungen Männern so dankbar, dass sie mir geholfen haben“, sagt Fritsch und strahlt.

Das sei nicht das erste Mal gewesen, dass er gestürzt sei. Bislang hatten ihm die Beine immer in der Nähe seines Wohnhauses in Mühlhausen versagt. Er wolle sich nicht ausmalen, was passiert wäre, wenn kein Autofahrer stehen geblieben wäre. „Danke“, sagt Walter Fritsch daher noch einmal nachdrücklich.

Ein Kommentar dazu von Margarete Leissa: Ja zur Verantwortung

Es geht mich nichts an  – ich habe keine Zeit – irgendwer wird schon helfen: Es gibt viele Gründe, weshalb Menschen Fremden in Not nicht helfen. Im Falle des gestürzten Mühlhäusers im Straßengraben fuhren erst mehrere Autos an dem Mann vorbei, bis ein Autofahrer Hilfe leistete. Unfassbar, denkt man da, aber wenn man ehrlich ist, besteht eine große Chance, dass man selbst an dem Mann, der auf dem Rücken liegend neben der Straße lag, vorbeigefahren wäre. Es fällt uns oft schwer, hilfsbereit zu sein und Verantwortung für einen anderen, fremden Menschen zu übernehmen. Man möchte nicht involviert werden, möglicherweise einen Fehler machen. Dabei ist Hilfe leisten nie ein Fehler, Hilfe zu unterlassen dagegen schon.

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