Konzerte müssen Event sein

Musiker im Schoß des Publikums: Darum sind kleine Konzertorte im Trend

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Tolle Atmosphäre: Die Märchenbühne in Gudensberg bietet Konzerte unter freiem Himmel. Unser Archivfoto zeigt einen Auftritt von Chip ’n’ Steel. 

Fritzlar-Homberg. Wer heute ein Konzert besucht, der kommt nicht nur wegen der Musik. Konzertbesucher wollen Party und ein gemütliches Ambiente. Ungewöhnliche Orte sind im Trend.

Zum Auftakt unserer neuen Serie sprachen wir mit Dr. Peter Gries, Leiter der Musikakademie Louis Spohr in Kassel, darüber, was den Reiz solcher Konzertorte ausmacht.

Konzerte werden immer beliebter, und zwar in jeder Musikrichtung. Wieso ist das so?

Die Welt war noch nie so musikalisch wie heute. Audioträger sind immer verfügbar, Musik ist damit selbstverständlich geworden, so steigt das Interesse. Es hat sicher auch etwas mit dem Wohlstand unserer Gesellschaft zu tun. Es stellt für viele Menschen kein großes finanzielles Problem mehr da, ein Konzert zu besuchen. Menschen sind experimentierfreudiger, wenn sie wissen, sie können sich das leisten. Viele sagen sich: Das probiere ich jetzt mal aus.

Die Konzertkultur hat sich aber gewandelt. Wieso muss es für viele gleich das volle Festivalprogramm sein?

Viele wollen mit der Musik mehr verbinden. Deshalb sind Konzertformate erfolgreich, bei denen es noch eine Lesung und etwas zu essen gibt. Man will Zeit mit Freunden und Familie verbringen. Das ist eine positive Entwicklung. Sie ist auch nicht unhistorisch. Im 17. und 18. Jahrhundert war das Musikerlebnis bereits ein gesellschaftliches Event. Damals allerdings nur für ausgewählte Bevölkerungskreise wie den Adel. Dabei hat man nicht immer zugehört. Das, was wir heute als Konzert haben, dass Menschen sich hinsetzen und zuhören und dann wieder gehen, ist erst später entstanden. Wir erleben also eine Entwicklung zurück, um die Musik wieder breiter aufzustellen.

Warum reicht das Konzertevent als solches nicht mehr aus?

Das hat etwas mit Aufmerksamkeit zu tun. In der medialen Welt wird ein Video höchstens eine Minute angeschaut. Eine Reportage ist im Radio nur 90 Sekunden lang. Es ist eine Herausforderung, sich über eine Stunde hinzusetzen und zuzuhören. Musiker brauchen aber auch ein Auskommen. Mit neuen Konzertformaten wollen sie sich eine eigene Zuhörerschaft schaffen und werden experimentierfreudiger. Kulturinstitutionen wie Büchereien und Museen haben aber auch mehr Interesse daran, neues Publikum anzusprechen, um zukunftsfähig zu bleiben.

Besonders kleine Konzertorte sind im Kommen. Was macht den Reiz aus?

Ein Raum kann viele Erlebniswelten erschließen. Außerdem gibt es oft einen thematischen Fokus, bei dem sich Zuhörer andere Welten und Inhalte erschließen können. Es werden andere Sensoren angesprochen, die im besten Fall helfen, neu über die Musik nachzudenken. Wenn dann noch Zeit ist, miteinander ins Gespräch zu kommen, kann tolles entstehen.

Wo liegt die Herausforderung für Musiker, an kleineren, intimeren Orten zu spielen?

Musiker müssen bereit sein, Programme zusammenzustellen, die Interesse wecken. Sie müssen auch bereit sein, der ersten Reihe quasi auf dem Schoß zu sitzen und dabei zu spielen. Oft spielt man auch nicht unter ganz professionellen Bedingungen. Dann muss man bereit sein, Abstriche in der Qualität zu machen. Ansonsten sehe ich nur Vorteile darin, an kleinen Orten zu spielen.

Oft kosten kleine Konzerte keinen Eintritt, es werden nur Spenden verlangt. Lohnt sich das für Musiker überhaupt?

Reich werden freiberufliche Musiker damit wahrscheinlich nicht. Aber da solche Konzerte so häufig stattfinden, zeigt es auch, dass sich für Musiker finanzielle Möglichkeiten ergeben. Es kann sich also lohnen. Für die gastgebenden Institutionen wird es immer ein Zuschussgeschäft sein. Aber dadurch entsteht auch ein Synergie-Effekt. Im Publikum sind Menschen, die ansonsten keine Konzertgänger sind, sondern Bibliotheksnutzer zum Beispiel, oder eben Musikliebhaber, aber keine ausgeprägten Museumsbesucher.

Was können die Orte mit den Musikern machen und umgekehrt die Musik mit den Orten?

Räume können ganz bezaubernd sein. Sie bieten eine große Möglichkeit, Programme zu entwickeln. Man kann sich von Räumen inspirieren lassen. Dazu brauchen Musiker eine Akustikprobe, um festzustellen, wie ein Raum auf die Musik reagiert. Ein toller Raum, der gut ausgeleuchtet ist, kann einen kreativen Prozess in Gang setzen. Außerdem ist der Kontakt zu Menschen angenehm, Musiker können in kleinen und intimen Räumen die Reaktionen des Publikums unmittelbar verfolgen. Wenn man bereit ist, mit den Menschen in Kontakt zu treten, dann kann man als Musiker ganz viel mitnehmen.

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