Einer der letzten seiner Zunft

Nach 135 Jahren ist Schluss: Orthopädie-Schuhtechnik Kniehl aus Homberg schließt

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Nach 135 Jahren ist Schluss: Helmut Kniehl schließt sein Geschäft für Orthopädie-Schuhtechnik in Homberg. Er hatte es mit Ehefrau Doris (links) 33 Jahre lang geführt. Tochter Lena hat ebenfalls im Geschäft mitgearbeitet.

Er ist einer der letzten seiner Zunft: Einlagen, Kompressionsstrümpfe, Schuhe nach Maß – 135 Jahre lang war Orthopädie-Schuhtechnik Kniehl eine Institution in Homberg. Helmut Kniehl führt das Geschäft seit 33 Jahren in vierter Generation.

Doch jetzt ist Schluss. Der 65-Jährige geht in den Ruhestand, sein Geschäft öffnet er am 28. Juni zum letzten Mal.

Mit 14 Jahren angefangen 

„Ich zähle wirklich zum alten Eisen“, sagt Kniehl, der nun der nächsten Generation Platz machen will. Seit 33 Jahren führt er den Familienbetrieb an der Kasseler Straße in Homberg, seit 49 Jahren arbeitet Kniehl bereits als Orthopädie-Schuhmachermeister. Mit 14 Jahren hat er angefangen und in all den Jahren ungezählte Rahmen für Schuhe selbst genäht, Leder zugeschnitten, Einlagen angefertigt und Füße vermessen.

Helmut Kniehl hat darin seine Berufung gefunden. „Schön war immer, am Ende des Tages das Regal voller Einlagen zu sehen, die ich angefertigt habe.“ Das Lob und der Dank der Kunden – das war die Wertschätzung, aus der er die Kraft schöpfte, weiterzumachen. Denn in den Ruhestand hätte sich der 65-Jährige schon vor ein paar Jahren verabschieden können. „Ich habe das aus Spaß und Überzeugung gemacht.“ Das sagt einer, der in 33 Jahren viel erlebt hat.

Es ging nie nur ums Handwerk 

Das Verhältnis zu einigen Kunden sei fast freundschaftlich, bis vor einigen Jahren hätte er noch Menschen bedient, die schon von seinem Großvater versorgt wurden. Dabei ging es nie nur ums Handwerk, erzählt Kniehl. „Man gibt immer auch seelische Unterstützung und gesundheitliche Tipps.“

So ist es auch nicht verwunderlich, dass das Interesse an der Schließung des Geschäfts groß ist: „Ich habe gehört, dass Sie zu machen. Stimmt das wirklich?“, fragt eine Kundin, die nur mal eben nach dem Rechten sehen wollte. Und nach einem kurzen Plausch mit den Kniehls mit vielen guten Wünschen für die Familie auch schon wieder den Laden verlässt.

Dabei befand sich das Geschäft nicht immer an der Kasseler Straße: Gegründet wurde der Betrieb 1884 von August Walther in der Holzhäuser Straße. Mehr als 100 Schuhmacher habe es in dieser Zeit noch in Homberg gegeben, berichtet Kniehl. 1924 übernahm Karl Walther den Betrieb. Er war der Sohn des Gründers, der sich der Orthopädie zuwandte und schließlich das Geschäft an der Kasseler Straße eröffnete.

Vorfreude auf die Ehefrau, den Garten und das Reisen 

1938 begann Willi Kniehl eine Lehre im Laden, verliebte sich in die Tochter seines Meisters und stieg in den Betrieb mit ein, den Helmut Kniehl mit seiner Frau in vierter Generation führt.

Eine fünfte Generation wird es nicht geben. Tochter Lena, die ebenso wie Kniehls Ehefrau im Laden arbeitete, habe dem schon als Kind eine Absage erteilt.

Ihm hingegen wird sicher nicht langweilig. Mit seiner ehrenamtlichen Arbeit im Schützenverein und der Schuhmacherinnung sei er beschäftigt, erzählt der 65-Jährige. Besonders freut er sich aber darauf, Zeit für seinen Garten, das Reisen und seine Ehefrau Doris zu haben. „Es darf gerne ein bisschen ruhiger werden.“

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