Friedhof in Morschen bietet alternative Bestattungsformen an

"Der Name ist Identität": Warum das Erinnern so wichtig ist

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Alternative zum Friedhof: Menschen können sich auch in sogenannten Ruhewäldern in Urnen bestatten lassen. Unser Bild zeigt einen solchen im Reinhardswald. Er ist 116 Hektar groß. Archivfoto: dpa

Homberg. Bereits heute sind 70 Prozent aller Bestattungen Urnenbeisetzungen. Ganz anders war es noch vor 20 Jahren: damals wurden 70 Prozent der Menschen im klassischen Erdggrab beigesetzt. Alternative Bestattungsformen werden immer beliebter. Ein Interview.

Wir sprachen mit Barbara Heuerding und Dr. Carmen Berger-Zell über alternative Formen der Bestattung, und darüber, wieso das Erinnern so wichtig ist. Sie stellten ihr Praxisbuch zum Thema „Niemand soll vergessen sein. Bestatten – Gedenken – Erinnern“ in Homberg vor.

Welche Formen alternativer Bestattungen gibt es?

Carmen Berger-Zell: Der Trend geht eindeutig zu Gemeinschaftsgräbern. Viele Menschen identifizieren sich nicht mehr über die Familie, sondern über ihre Lebensstile mit anderen Gruppen. Angehörige müssen dann nicht mehr die Pflege der Gräber gewährleisten. Das übernehmen zum Beispiel Friedhofsbetreiber.

Baumgräber auf Friedhöfen sind durch Friedwälder entstanden. Auch Bestattungen auf Kirchhöfen sind eine Alternative. In der katholischen Kirche gibt es Aufbahrungen in Kolumbarien. Das heißt, n alten Kirchen, werden Urnen untergebracht.

Wieso interessieren sich so viele Menschen dafür?

Berger-Zell: Das große Problem heute ist, das viele Familien überall hin verstreut sind und die Grabpflege gar nicht mehr gewährleisten können. Es gibt einen großen Bedarf an pflegelosen Gräbern.

Barbara Heuerding: Viele haben früher eine anonyme Bestattung gewählt, weil sie wussten: „Da ist niemand, der sich kümmern kann“. Bei den alternativen Formen, müssen sie sich nicht mehr anonym bestatten lassen.

Sie beschreiben in Ihrem Buch ein Erlebnis, bei dem ein mittelloser Mann ohne Trauerfeier beerdigt wurde. Wieso sind würdevolle Bestattungen so wichtig?

Barbara Heuerding:Es geht darum, den Menschen eine Heimat zu geben. Sowohl im Leben, als auch im Tod. Deshalb endet die Würde des Menschen sogar rechtlich nicht mit dem Versterben. Es ist einfach eine nachträgliche Würdigung des Verstorbenen.

Sprachen über Bestattungsformen: die Autorinnen Barbara Heuerding (links) und Carmen Berger-Zell. Foto: C. Müller

Was macht eine Bestattung würdevoll?

Berger-Zell:Zu einer würdigen Bestattung gehört für uns, dass Menschen nicht entsorgt werden. Oft wird die Asche der Menschen auf Streuwiesen beigesetzt. Für das soziale Umfeld gibt es dann keine Möglichkeit, Abschied zu nehmen. Aber das gehört dazu – den Menschen zu Grabe zu tragen. Nur so bleibt etwas. Was auf jeden Fall bleiben sollte, ist der Name, er ist Identität. Das muss nicht immer ein Grabstein sein. Eine Stele oder ein kleines Schild reichen oft aus – dort, wo der Mensch auch begraben liegt.

Viele Menschen legen vor ihrem Tod fest, wie sie gerne bestattet werden möchten. Inwiefern sollten Angehörige diese Wünsche auch erfüllen?

Heuerding: Ich bin da strikt. Ich bin die Juristin. Ich würde immer sagen, wenn es einen klaren Willen gibt, dann muss der befolgt werden. Man hat vorher die Möglichkeit gehabt, das zu diskutieren.

Berger-Zell: Oft sprechen Menschen aber auch nicht darüber. Man sollte versuchen, Kompromisse einzugehen, um so beide Seiten zufriedenzustellen.

Es wird oft gesagt, Tote leben in der Erinnerung weiter. Warum brauchen Menschen dann einen Ort, an dem sie sich an die Toten erinnern können?

Berger-Zell: Wir brauchen ein Bild, müssen verorten können, wo der Tote ist. Verlieren wir einen Menschen, der für uns ganz bedeutsam war, müssen wir uns an das Leben ohne diesen Menschen anpassen. Menschen spüren Nähe, wenn sie zu einem Grab gehen. Wir brauchen Bilder und einen Ort des Gedenkens.

Breites Angebot in Morschen

Dass es alternative Bestattungsformen nicht nur in der Stadt gibt, zeigt auch ein Beispiel aus dem Schwalm-Eder-Kreis: In Morschen waren viele Menschen mit der Bestattungskultur unzufrieden. Sie wünschten sich pflegeärmere Bestattungsformen, erzählen Heuerding und Berger-Zell. Weil es diese aber nicht gab, ließen sich viele anonym auf einem Waldfriedhof bestatten. Daraufhin sei eine Friedhofskommission gegründet worden. 

Bei einer Befragung kam heraus, dass die Bürger sich neben traditionellen Erd- und Urnengräbern vor allem Rasen-, Gemeinschafts- und Baumgräber wünschten. Der Friedhof wurde in verschiedene Areale eingeteilt, um einem breiten Angebot an Beisetzungsmöglichkeiten gerecht zu werden. Nun gibt es eine pflegelose Urnengrabanlage, Plätze für Baumgräber, Einzel- und Doppelgrabstätten sowie Urnenrasengräber. Auf dem bisherigen Urnenfeld werden inzwischen die anonymen Bestattungen vorgenommen. Und auch Angehörige gefallener Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg haben nun einen Ort zur Erinnerung, erzählt Heuerding: „Es entstand die Idee, Stelen mit den Namen der Männer aufzustellen.“ So gebe es auch für sie einen Erinnerungsort.

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