Serie Schlafende Orte

Puppenbühne Wernswig: Marionettentheater im Dornröschenschlaf

Zwischen ungezählten Marionetten: Stefan und Christiane Kunze sitzen zwischen den selbstgebastelten Figuren der Puppenbühne Wernswig.
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Zwischen ungezählten Marionetten: Stefan und Christiane Kunze sitzen zwischen den selbstgebastelten Figuren der Puppenbühne Wernswig.

Der Corona-Lockdown zwingt viele Orte im Kreisteil Fritzlar-Homberg in eine Art künstliches Koma. Wir besuchen in unserer neuen Serie diese schlafenden Orte. Heute: die Puppenbühne in Wernswig.

Wernswig – 2000 Besucher pro Saison, jede Menge Handarbeit und Spielfreude – die Puppenbühne begeistert mit selbst geschriebenen Marionettentheatern die Zuschauer. Bis weit über die Region hinaus ist der Verein bekannt, sagen Stefan und Christiane Kunz.

Im Zuschauerraum der Wernswiger Puppenbühne ist es ruhig. Die Plätze der bis zu 60 Zuschauer, die in normalen Zeiten dort sitzen, lachen, mitfiebern, haben Kulissen eingenommen. Sorgsam aufgereiht stößt Fachwerkhäuschen an Fachwerkhäuschen, in der Ecke blitzt ein selbst gebastelter Thron hervor. Einen Monat hat Stefan Kunz in die zahlreichen Häuser und Dekorationen investiert. Das neue Stück „Das blaue Licht“ war geschrieben, passende Musik aufgenommen, Stimmen vertont. Doch es bleibt still im Vorstellungsraum.

Die Coronakrise legt alle Aktivitäten auf Eis. Alle, bis auf eine. Denn an dem Werkstattanbau wird weiter eifrig gearbeitet. Im Frühjahr soll er fertig sein, nur der Estrich fehlt noch, bis es an den Innenausbau geht, erzählt Kunz. Dann gibt es mehr Platz für Kulissen, Technik und Marionetten. Die werden derzeit noch mühevoll im heimischen Wohnzimmer der Kunzes angefertigt.

„Unsere Pudel-Marionette haben wir auch schon mit in den Urlaub genommen, um sie fertigzumachen“, sagt Christiane Kunz, während ihr Mann den kleinen weißen Hund wie durch Zauberhand tänzeln lässt. Schritt für Schritt trippelt die Marionette vorwärts, mit einer Handbewegung bringt Stefan Kunz sie dazu, ihren Kopf zu drehen. Etwa 160 Marionetten hat der Wernswiger bereits für die Puppenbühne gebaut.

Schlafende Orte: Marionetten der Puppenbühne Wernswig mit viel Liebe gefertigt

Es steckt viel Liebe in den kleinen Kunstwerken. Von einigen musste sich der Verein trotzdem trennen: „Die meisten von diesen Figuren haben wir gegen Spenden verkauft“, sagt Christiane Kunz beim Blick in den großen Aufenthaltsraum. Überall hängen Figuren von der Decke, an manche haben sie einen Zettel geheftet. „Verkauft“ steht da drauf. „Der Verein brauchte Spenden, um den Werkstattanbau zu finanzieren“, erzählt das Ehepaar, das seit 19 Jahren bei der Puppenbühne aktiv ist.

Normalerweise hätte der Verein das Geld aus den Vorstellungen dafür verwendet. Durch die Coronakrise und die damit verbundenen Einschränkungen mussten sie kreativ werden. Für ein Stück sind in der Regel zehn Spielerinnen aktiv, wechseln sich hinter der engen Bühne ab, lassen die Puppen zur Musik, zu den Stimmen und den Lichteffekten von A nach B tanzen. Jetzt ist die Bühne dunkel. „Den geforderten Abstand könnten wir hier ohnehin nicht einhalten“, sagt Christiane Kunz.

Und trotzdem ist da dieser Moment, in dem wirklich jedem klar wird, wie viel Herzblut die Wernswiger in ihren Verein stecken. Nicht nur in einem Augenpaar schwimmen plötzlich Tränen. „Wir wissen nicht, wie es weitergeht“, sagt Christiane Kunz. Der Antrieb, die letzten Figuren für das geplante Stück fertigzustellen, fehle. Ratte, Pudel, König und Prinzessin warten auf ihren Auftritt. Das „Blaue Licht“ jedoch liegt im Wohnzimmer der Kunzes – unvollendet.

„Es ist so schade, dass wir keine Vorstellungen anbieten können. Wir hatten hier immer so tolle Begegnungen“, berichtet Vorsitzender Udo Schröder, der mit Ewald Feld vorbeigekommen ist, und dabei zusieht, wie sich die Kunzes für ein Foto in eine winzige Kammer quetschen. Unzählige Marionetten baumeln darin. Ein Raum, den sie liebevoll „Asservatenkammer“ nennen. Es sind kleine „Asservate“, die nur darauf warten, endlich wieder auf der Bühne zu stehen. (Chantal Müller)

puppenbühne-wernswig.de

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