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Glocken läuten für den Frieden: Homberg ist als Glockengießerstadt deutschlandweit einmalig

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Von: Manfred Schaake

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Bekannt für ihren ausgezeichneten Klang: Die beiden großen Kortrog-Glocken im Harler Kirchturm mit Glockenexperte Dennis Willershausen und Pfarrerin Iris Nebe-Wenderoth. Beide Glocken sind mehr als 500 Jahre alt, wie auch ein Kortrog-Werk in Felsberg.
Bekannt für ihren ausgezeichneten Klang: Die beiden großen Kortrog-Glocken im Harler Kirchturm mit Glockenexperte Dennis Willershausen und Pfarrerin Iris Nebe-Wenderoth. Beide Glocken sind mehr als 500 Jahre alt, wie auch ein Kortrog-Werk in Felsberg. © Manfred Schaake

Wenn heute Weihnachten beginnt, dann klingen auch viele Glocken, die einst in Homberg gegossen wurden. Wir haben mit dem Glockenexperten Dennis Willershausen gesprochen.

Fritzlar-Homberg – Süßer die Glocken nie klingen, als zu der Weihnachtszeit. So beginnt ein beliebtes und sehr bekanntes Weihnachtslied aus dem 19. Jahrhundert, das erstmals 1860 gedruckt und veröffentlicht worden ist. „S’ ist als ob Engelein singen, wieder von Frieden und Freud“, hat einst der Theologe und Pädagoge Friedrich Wilhelm Kritzinger gedichtet.

Nach Recherchen des Glockenexperten Dennis Willershausen läuten in Nordhessen, Niedersachsen, Thüringen und Westfalen heute noch 130 bis 140 Glocken aus Homberger Werkstätten, davon über 80 im Schwalm-Eder-Kreis. Willershausen hat seit 2005 in Nord-, Ost- und Oberhessen, Südniedersachsen, Westthüringen und Nordrhein-Westfalen weit über 2500 Glocken in mehr als 800 Gebäuden – Kirchen, Rathäusern, Friedhofskapellen, Schlössern, Dorfgemeinschaftshäusern und Museen – analysiert.

Glockengeläut erinnere besonders in der Advents- und Weihnachtszeit an den Gesang der Engel von Bethlehem

Glocken laden zum Gottesdienst und Gebet ein. „Sie mahnen zum Frieden und ermutigen, neue Wege des Miteinanders und der Verständigung zu suchen“, sagt Dekanin Sabine Tümmler im HNA-Gespräch. Glockengeläut erinnere besonders in der Advents- und Weihnachtszeit an den Gesang der Engel von Bethlehem.

Glocken aus Homberg: „Diese Bitte um Frieden ist in diesem Jahr besonders aktuell“, so Tümmler. Der Krieg im Osten Europas fordere viele Menschenleben: „Er bringt viel Leid und Trauer über die unmittelbar Betroffenen und lässt auch uns spüren, wie kostbar der Frieden für alle Menschen auf dieser Erde ist.“ Darum erinnert das Glockengeläut unserer Kirchen, so betont Tümmler, in diesem Jahr besonders daran: „Wenn wir trotz aller unterschiedlicher Perspektiven und Interessen gemeinsam einstimmen in die Worte der Engel, hat der Friede eine neue Chance.“ Die Dekanin ist beeindruckt, dass Glocken aus Homberg bereits über Jahrhunderte diese wichtige Aufgabe in unserer Heimatregion erfüllen.

„Homberg ist als ehemalige Glockengießerstadt deutschlandweit einmalig, da über 400 Jahre lang – allerdings mit Unterbrechungen – der Glockenguss von unterschiedlichen Gießer-Familien betrieben wurde“, sagt Dennis Willershausen. Die erste Glockengießer-Familie von Gebelen goss 1429 und 1434 Glocken für die Stadtkirche Hersfeld und die Dreifaltigkeitskirche in Neustadt. Hans Kortrog goss 1495 die erste Glocke für Rauischholzhausen, die letzte 1532 für die Stadtpfarrkirche in Marburg.

An Kortrogs Wirken in der hessischen Reformationsstadt erinnert der Kortrogweg in Homberg

Kortrog-Glocken, sagt Willershausen, „zählen definitiv zu meinen Lieblingsglocken, da sie in der Zeit vor 500 Jahren entstanden sind und heute noch funktionieren, zudem meistens sehr schön klingen und über eine saubere Gestaltung verfügen“. Damit meint er die Beschriftungen und Bildnisse.

Glocken in Harle: Die beiden Harler Glocken aus 1520 und 1521 sind seit 2006 Bestandteil eines mächtigen Fünfer-Geläuts, das laut Willershausen über eine filigran geregelte Läuteordnung verfügt. Die große Evangelist Johannes-Glocke erklingt jeden Freitag um 15 Uhr zur Todesstunde Jesu sowie morgens am 27. Dezember. Das Gedenktagsläuten der Märtyrer Kilian-Glocke ist am 8. Juli.

Kortrogs Gießerzeichen, eine Schaf- beziehungsweise Kupferblechschere, ist auf fast jedem seiner Produkte zu sehen. An Kortrogs Wirken in der hessischen Reformationsstadt erinnert der Kortrogweg in Homberg.

In Deutschland gibt es nur noch vier Glockengießereien

Fritzlarer Dom: Interessante Details und viel Wissenswertes entdeckte Willershausen auch bei Glockenbesichtigungen im Fritzlarer Dom sowie in Gilserberg, Homberg, Niedergrenzebach und Wabern. Zuckerhutglocken gibt es in Lohne, Densberg, Berge, Haarhausen, Elbersdorf, Rückershausen und Frielendorf. Interessant seien auch die historischen Geläute in Schrecksbach und Obergrenzebach und viele historische Glocken wie zum Beispiel in Lohre und Altenbrunslar.

Gemeinschaftswerk: Als ein wichtiges Dokument der Homberger Glockengießergeschichte bezeichnet Willershausen die 1772 von Christoph und Conrad Peter gegossene Glocke im Turm der alten Dorfkirche an der Elzestraße in Altmorschen. Die Kirchengemeinde hat vier weitere kleinere Glocken. Drei läuten seit 1951 in der Klosterkirche und wurden wie die Friedhofsglocke von 1973 in der Werkstatt Rincker in Sinn gegossen. Das 1590 gegründete Unternehmen wird im nächsten Jahr zwei neue Glocken für Borken gießen. In Deutschland gibt es nur noch vier Glockengießereien.

Glockenherstellung: Beim Herstellen der großen Glocke und beim Transport von Homberg nach Altmorschen – vermutlich mit einem Kuhgespann – wurde gut gegessen und getrunken und alles in Rechnung gestellt. Das geht aus den Originalunterlagen hervor, deren Kopie der Heimathistoriker Heinrich Heinzerling vor dem Wegwerfen gerettet hat. Danach hat der Glockentransport 86 Reichsthaler, 28 Albus und acht Heller gekostet. Die Glocke selbst kostete mit Naturalien 160 Reichsthaler, 22 Albuis und zwölf Heller. Allein „bei dem Accord“ des Gießens seien 14 Albus „an Speisen und Trank draufgegangen.“ (Manfred Schaake)

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