So bewahren die Tafeln Lebensmittel vor der Vernichtung

Verteilen statt vernichten: Eine Tour mit Ehrenamtlichen der Tafel Homberg

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Da kommt einiges zusammen: Die roten Kisten für die Tafel stehen an den Abholstellen bereit und sind gefüllt mit Obst und Gemüse. Wittich prüft die Qualität.

Lebensmittelverschwendung gehört zu den kritischen Ernährungsthemen. „Verteilen statt vernichten“ haben sich die Tafeln vorgenommen. Wir haben Helfer der Tafel in Homberg begleitet.

Eine rote Kiste nach der anderen stapeln Wilhelm Wittich und Rolf Meyfarth in den Lieferwagen der Tafel in Homberg. Noch sind sie sauber, genauso wie der Transporter. In den nächsten Stunden wird sich das ändern.

7.30 Uhr: Meyfarth und Wittich sind ein eingespieltes Team. Jeden Freitag fahren die Rentner eine Tour mit festen Anlaufstellen, um Obst und Gemüse für die Nutzer der Tafel Homberg einzusammeln. Supermärkte und Discounter können die Lebensmittel nicht mehr verkaufen und geben die abgeschriebene Ware gern ab. „Ansonsten kostet sie die Entsorgung richtig viel Geld“, sagt Wittich. Der 65-Jährige kennt sich aus, da er selbst im Einzelhandel gearbeitet hat.

8 Uhr: Die erste Anlaufstelle ist erreicht: Lidl bei Holzhausen/Hahn. Während Meyfarth aussteigt und ihr Eintreffen im Discounter meldet, fährt Wittich weiter zur Warenannahme. Dort geben sie Pappkartons von früheren Fahrten ab – der Wertstoff bringt Geld. Dann schauen sie, welches Obst und Gemüse für die Tafel bereitgestellt wurde. Es heißt genau hinsehen. Wittich und Meyfarth sind routiniert. 

Sigrid Wagner und weitere Helferinnen entscheiden, welches Obst und Gemüse von guter Qualität ist.

Ihr geschultes Auge sieht gleich, welche Lebensmittel noch für die Tafel in Frage kommen und mitgenommen werden können. „Die Salatherzen sehen gut aus“, sagt Wittich und legt sie in eine von vier roten Kisten – eine magere Ausbeute. „Hier war heute nicht viel Gutes dabei“, sagt Meyfarth.

Was sie nicht mitnehmen, muss der Supermarkt oder Discounter entsorgen. „Es ist schon heftig zu sehen, was alles in der Tonne landet“, sagt Wittich. Auch Meyfarth sieht die Lebensmittelverschwendung nicht gern. „Ich werfe kaum Lebensmittel weg“, sagt er.

8.30 Uhr: Nach dem Tegut-Supermarkt in Kleinenglis fahren die Ehrenamtlichen zu Lidl und Aldi in Borken. Schnell füllen sich weitere rote Kisten.

Vor jeder Anlaufstelle desinfizieren sich beide die Hände. „Hygiene ist wichtig“, sagt Meyfarth. Die Tafel unterliegt der Lebensmittelkontrolle.

„Die Damen warten schon“, sagt Meyfarth. Damit meint er unter anderem Sigrid Wagner. Die Rentnerin und weitere Ehrenamtliche begutachten das Obst und Gemüse in der Küche der Tafel. Sie entscheiden, was davon an die Nutzer ausgegeben wird.

9.15 Uhr: Der Transporter ist vollgeladen, als Wittich und Meyfarth zurück zur Tafel Homberg fahren – der erste Teil der Tour ist geschafft. Dann entladen sie die befüllten Kisten, die nicht immer leicht sind. „Ich muss beim Heben aufpassen, weil ich schon einen Bandscheibenvorfall hatte“, sagt Wittich. Fauliges und Schimmeliges wird aussortiert. „Wir nehmen nur das, was wir auch selbst essen würden“, sagt Sigrid Wagner.

Sie sind ein eingespieltes Team: von links Wilhelm Wittich und Rolf Meyfarth entsorgen nicht mehr verwertbare Karotten auf der Homberger Kompostierungsanlage.

9.30 Uhr: Zeit für eine kurze Kaffeepause, bevor Wittich und Meyfarth Kisten mit verdorbenem Obst und Gemüse in den Transporter laden.

10.05 Uhr: Der zweite Teil der Tour führt zunächst zur Homberger Kompostierungsanlage. „Luft anhalten und Türen gleich wieder zumachen“, sagt Wittich.

10.30 Uhr: Ankunft beim Herkules-Markt in Homberg. Hier heißt es erneut: sortieren und schleppen. Dann geht es weiter zu Lidl und Aldi in der Kreisstadt. Zufrieden mit der eingesammelten Menge an Lebensmitteln fahren Wittich und Meyfarth ein zweites Mal zurück zur Tafel. Dort wird wieder ausgeladen.

11.30 Uhr: Geschafft! Zum Abschluss greift Wittich zum Besen und kehrt den Laderaum und die Fahrerkabine aus. Jetzt ist alles bereit für die nächste Tour. Auch die roten Kisten werden gereinigt. Die nächste Tour haben die beiden Rentner schon fest eingeplant.

Video: Auf Tour mit der Tafel in Homberg

307 Ehrenamtliche versorgen 830 Kinder

Das Diakonische Werk Schwalm-Eder ist Träger der vier Tafeln, die es im Schwalm-Eder-Kreis gibt. Sie wurden im Jahr 2005 in Homberg, Fritzlar, Melsungen und Schwalmstadt-Ziegenhain geöffnet. Derzeit versorgen die Tafeln im Landkreis über 2000 Menschen mit Lebensmitteln, davon etwa 830 Kinder und Jugendliche. 

Alle Kunden haben einen festen Tag, an dem sie ihre Lebensmittel abholen können, die Ausgaben sind an zwei Tagen der Woche geöffnet. Die Erwachsenen zahlen zum Beispiel in Homberg zwei Euro, Kinder und Jugendliche werden kostenlos versorgt. 

Zurzeit sind es 307 ehrenamtliche Helfer, die für die Tafeln arbeiten. Sie sammeln die Lebensmittel ein, sortieren sie und geben sie an die Bedürftigen aus. Reste bekommt der Wildpark Knüll, Verdorbenes wird als Biomüll entsorgt.

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