20 Fälle im Landkreis 2020

Vergewaltigungen im Schwalm-Eder-Kreis: Gang zur Polizei ist für Opfer große Hürde

Symbolbild Vergewaltigung
+
Symbolbild Vergewaltigung

Eine 36-Jährige konnte in Fritzlar einer Vergewaltigung gerade noch entgehen. Viele andere haben nicht so viel Glück.

Schwalm-Eder - Allein im Jahr 2020 verzeichnete die Polizei 20 Anzeigen im Schwalm-Eder-Kreis. Die Dunkelziffer dürfte weitaus höher liegen. Nicht alle Frauen zeigen eine Vergewaltigung an. Tun sie es doch, ist eine Verurteilung des Täters längst nicht sicher. Genau das passierte einer Frau aus dem Landkreis.

Monatelang erlitt die Mutter dreier Kinder emotionale Zusammenbrüche, weinte beim Geschlechtsverkehr mit ihrem Partner. „Ich habe mich wirklich wie eine Irre verhalten“, erzählt sie. Den eigentlichen Grund für ihre Ängste jedoch kannte sie nicht. Sie hatte eine Vergewaltigung verdrängt. So erzählt sie es. Erst während einer Therapie habe sich herausgestellt, was ihr wirklich passiert ist. Was folgte, waren Aufenthalte in einer psychiatrischen Einrichtung, Kuren, Erholungsaufenthalte. Sie habe ihren Job kündigen, neu anfangen müssen, erzählt sie. „Ich habe so viel geweint.“ Ihre Kinder wissen nichts von dem Erlebten, sie sind zu jung, sie will sie schützen.

Nur langsam habe sie ihr Leben wieder aufnehmen können. Begann eine Ausbildung, die ihr sehr geholfen habe. „Meine ganze Welt hat sich verändert.“ Zwei Jahre ist das jetzt her. So lange hat sie gebraucht, um den Mut aufzubringen, den Mann, der ihr das angetan haben soll, anzuzeigen. Die Staatsanwaltschaft hat das Ermittlungsverfahren eingestellt. Das Schreiben liegt der HNA vor. Der Beschuldigte schweigt. Es werde sich kein hinreichender Tatverdacht begründen lassen, lautet die Erklärung. Die vom Gesetz verlangten Merkmale der Tat könnten nicht durch genügend Beweismittel belegt werden.

Für die Frau war die Nachricht wie ein Schlag ins Gesicht. „Das war schlimm. Es hat lange gedauert, zu akzeptieren, dass ich keine Schuld habe“, sagt sie. Sie hätte sich eine bessere Nachforschung gewünscht, nicht umsonst habe sie eine sehr ausführliche Aussage bei der Polizei abgegeben. „Ich hatte das Gefühl, dass mein Anliegen nicht wichtig ist. Dass dem Mann gesagt wird: Es war okay, was du getan hast.“

Was die Frau schildert, bestätigt auch Annette Müller vom Verein Kasseler Hilfe, der seit knapp drei Jahrzehnten Opfer von sexualisierter Gewalt, Vergewaltigung, Missbrauch und Stalking berät und begleitet. Für Frauen sei der Schritt hin zu einer Anzeige oft eine gewaltige Kraftanstrengung. „Sie werden angefeindet, müssen sich erklären.“ Ganz wichtig aber sei, dass Betroffene selbst bereit sind, über das Erlebte zu sprechen. Wer sich doch zu einer Anzeige entschließt, muss lange durchhalten. Bis zu zwei Jahre könne es von einer Anzeige bis zur Hauptverhandlung dauern – bei Erwachsenen, erklärt Müller. Bei Jugendlichen laufe der Prozess schneller ab. „Das ist nicht einfach für Frauen.“ Was können die Frauen dann tun? „Sie sollen alles machen, was ihnen gut tut. Sie sollen ihr Leben leben“, betont die Diplom-Sozialarbeiterin.

Der Verein macht Opfern Mut, erklärt Vorgänge, begleitet auch ins Gericht. Dass die Frau aus dem Landkreis die Schuld bei sich suchte, sei keine Seltenheit. „Das ist psychologisch nachvollziehbar.“ Die Beraterinnen machen aber klar: Nicht die Frau ist schuld. „Rechtlich hat der Mann eine Straftat begangen. Ohne Wenn und Aber“, sagt Müller.

Kommt es zur Hauptverhandlung, könne das wie ein Befreiungsschlag auf die betroffenen Frauen wirken. Trotz aller Wut, Trauer und Panik: Sobald eine Betroffene das Gefühl habe, ernstgenommen zu werden, gewinne sie an Selbstvertrauen. „Dann ist sie plötzlich einen Kopf größer. Dann erst kann der Vorfall wirklich verarbeitet werden“, weiß Müller. Könne man in dem Wissen leben, dass ein Gericht die Sache klargestellt hat, „dann ist das wie eine Wundversorgung“.

Die junge Frau aus dem Schwalm-Eder-Kreis wird diese Art der Wundversorgung nicht erfahren. Sie will jetzt studieren. „Das ist der positive Weg für mich da raus.“ (Chantal Müller)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.