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Virtuelles Gründerzentrum Schwalm: Tanja Damm über gute Ideen und Hürden bei Firmengründungen

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Von: Maja Yüce

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Eine kreative Idee: Gründerin Amelie Dörnberg (links) bietet Hängematten-Touren an. Cordelia Fehrenbacher testete gleich mal eine der Hängematten aus.
Eine kreative Idee: Gründerin Amelie Dörnberg (links) bietet Hängematten-Touren an. Cordelia Fehrenbacher testete gleich mal eine der Hängematten aus. © Uwe Dittmer/nh

Weder Apple noch Google, weder Facebook noch Alibaba: Deutschland spielt in der Gründerszene eine eher unauffällige Rolle. Trotzdem sind die Gründer aktiv – auch im Schwalm-Eder-Kreis.

Homberg – Wie es um die Gründerszene im Landkreis steht, weiß Tanja Damm, Geschäftsführerin des Virtuellen Gründerzentrums Schwalm. Sie und ihre Kollegen beraten Menschen, die Ideen für Firmengründungen haben. Und das mit Erfolg: 80 Prozent der einstigen Gründer sind noch auf dem Markt. Zum Vergleich: Deutschlandweit liegt der Schnitt der Start-ups, die nicht scheitern bei 20 Prozent. Ein Interview über gute Ideen, Hürden auf dem Weg zur Selbstständigkeit, Erfolgsgeschichten und „Die Höhle der Löwen“.

Frau Damm, wann hat Ihnen ein Gründer zum letzten Mal eine wirklich gute Idee präsentiert?

In all den Jahren waren so viele tolle Sachen dabei. Gerade gibt es interessante Projekte wie zum Beispiel der Vertrieb von nachhaltiger Kleidung in Kombination mit Stilberatung. Es gibt auch richtig gute touristische Projekte: Eine Gründerin, die bei den Homberger Pionieren dabei war, will zum Beispiel Hängemattentouren anbieten. Und ganz aktuell gibt es eine tolle Idee eines Gründers aus dem Landkreis, die aber noch nicht ganz spruchreif ist.

Reicht eine brillante Idee aus, um Erfolg zu haben?

Leider nein. Es kann durchaus sein, dass eine brillante Idee am Zeitpunkt scheitert. Denn viele Gründer sind ihrer Zeit voraus und die Gesellschaft noch nicht bereit. Ein Gründer wollte vor einigen Jahren mal ein Trauerbuch im Verlagswesen auf den Weg bringen, bekam keine Finanzierung dafür. Die Bank war damals nicht offen dafür und die Idee traf noch nicht den Zeitgeist. Das wäre heute anders. Mit dem Wissen von heute wäre ein Crowdfunding möglich gewesen und wir hätten ihn dahingehend beraten.

Welche weiteren Hürden gibt es?

Das Wort selbstständig sagt schon einiges aus: selbst und ständig. Bedeutet, die Gründer müssen viel Zeit in ihr Unternehmen stecken. Und das bedeutet wiederum, dass die Familie voll und ganz dahinter stehen sollte. Wenn sie der Idee nicht positiv gegenübersteht, scheitert meist das ganze Unternehmen. Besonders oft ist das bei Frauen der Fall. Deshalb sprechen wir auch darüber bei unseren Beratungen. Es sind ganz offene Gespräche.

Gibt es auch die eine große Erfolgsgeschichte, von der Sie berichten können?

Ja, auf jeden Fall. Die Größte ist vermutlich die der Firma ReMax direkt GmbH aus Frielendorf. Sie haben vor 12 Jahren gegründet und hatten sich zu diesem Zeitpunkt auf die Beseitigung von Feuchtigkeitsschäden spezialisiert. Was die Gründer, Zwillingsbrüder, damals in einem acht Quadratmeter großen Kinderzimmer begonnen haben, ist heute eine Firma mit rund 70 Mitarbeitern und einem großen Gebäude im Gewerbegebiet.

Wie viele Gründungen wurden von Ihnen und Ihren Kollegen begleitet?

Von Beginn an bis heute waren es etwa 250 Gründungen im Landkreis und das mit einer Bestandsquote von über 80 Prozent. Darunter waren Neben- und Haupterwerbsgründungen. Bis 2020 waren wir fast auf den Bereich Schwalmstadt und Frielendorf fokussiert. Seit 2020 wurde das Projekt auf die zehn Gemeinden der Zweckverbände Schwalm und Schwalm-Eder-West ausgedehnt. Seit 2022 sind wir auch für Homberg, Schwarzenborn und Knüllwald zuständig, und somit für den halben Schwalm-Eder-Kreis.

Wie läuft eine Beratung bei Ihnen ab?

Es ist oft mehr als nur eine Beratung. Das Angebot ist bewusst niederschwellig, jeder kann mit einer Idee zu uns kommen und bekommt Informationen rund ums Thema Gründung. Das Angebot wird durch die beteiligten Kommunen und durch Zuschüsse des Landes finanziert und ist für die Gründer kostenlos.

Also gibt es eine Beratung und dann ist man mit seiner Idee auf sich gestellt?

Nein, uns kann man auch mehrfach ansprechen, diese Form der Beratung bieten viele nicht an, das macht uns besonders und bestimmt auch ein Stück unseres Erfolgs aus. Hinzu kommt, dass natürlich auch jeder aus unserem Team sein Netzwerk mit in die Beratung einbringt. Wir setzen dabei auf Langzeitverbindungen und Netzwerken.

Was bedeutet das denn ganz konkret?

Wir helfen zum Beispiel beim Finden der passenden Ansprechpartner. Es kann nämlich sehr frustrierend sein, wenn man nur an Stellen gerät, die nicht für einen zuständig sind. Oft sind die bürokratischen Hürden sehr hoch. Wir arbeiten mit einem großen Netzwerk im Landkreis zusammen, das immer ganz individuell für das jeweilige Gründervorhaben eingesetzt wird. Dazu gehören insbesondere die IHK und die Handwerkskammer Kassel, das RKW Kassel, die WiBank Hessen und nicht zuletzt die Wirtschaftsförderung des Kreises.

„Virtuelles Gründerzentrum“ ist etwas irreführend, oder? Sie beraten doch nicht nur digital?

Wir setzen auf persönliche Gespräche. Leider denken viele Menschen noch, dass wir nur digital beraten. Mit der Namensgebung gemeint war bei der Gründung 2005 eigentlich die Beratung ohne ein klassisches Gebäude dafür, also einem festen Standort. Allerdings war unser Name während der Corona Pandemie durchaus Programm. Aber: Mittlerweile haben wir wieder persönliche Sprechtage. Diese finden rotierend in unseren Mitgliedskommunen statt.

Und woran hakt es bei den Gründer-Ideen, die bei Ihnen keine Chance bekommen?

Man kann grundsätzlich sagen, dass gut die Hälfte derer, die wir beraten, dann auch tatsächlich gründen. Die andere Hälfte sind Beratungen, bei denen wir durchaus auch davon abraten, sich selbstständig zu machen. Wir betrachten dabei die Sachlage ganz nüchtern. Dabei erleben wir auch, dass uns mögliche Gründer dankbar sind, wenn wir offen aussprechen, was wir über die Erfolgsaussichten ihrer Idee denken. Am Ende trifft aber immer der Gründer die unternehmerische Entscheidung, ob er es wagen will oder nicht. Und manch einer kam mit einer überarbeiteten Version seiner Idee wieder und war bereit für die Gründung.

Gerade im Technik-Bereich hinken wir mit Start-ups oft hinter anderen Ländern her. Gleichzeitig nennt Deutschland sich das „Land der Ideen“...

Stimmt, da könnten wir besser sein. Gerade auch im ländlichen Raum, denn hier gibt es die Flächen und auch günstige Konditionen im Verhältnis zu den Ballungsräumen, ob bei der Anmietung von geeigneten Räumen oder auch dem Bau von entsprechenden Gebäuden. Aber auch in diesem Bereich ändert sich einiges – auch durch die Coronapandemie.

Was hat die Coronapandemie denn für eine Auswirkung auf Gründungen?

Die Menschen aus den Ballungsräumen haben bemerkt, dass die Lebensqualität hier hoch ist. Durch die Digitalisierung wird der ländliche Raum immer mehr zu einer echten Alternative, weil es dadurch andere Möglichkeiten etwa für Vertriebswege gibt. Bei der Standortwahl entscheiden sich viele Gründer inzwischen für den ländlichen Raum.

Die Zahl der Gründer sinkt deutschlandweit. Gibt es eine Angst vor der Selbstständigkeit?

In Deutschland ist das Unternehmertum nicht so ausgeprägt wie in anderen Ländern. Viele suchen nach der Ausbildung oft den Weg in ein Beschäftigungsverhältnis, die momentane Arbeitsmarktlage bietet hier gute Möglichkeiten. In einer eher schlechten Wirtschaftslage kommt es häufiger zu sogenannten Notgründungen. In der jetzigen Zeit überwiegen die Qualitätsgründungen, was auch zu einer höheren Bestandsquote der gegründeten Betriebe führt.

Gründerinnen sind in der Start-up-Landschaft extrem unterrepräsentiert. Wie steht es um die Frauenquote im Landkreis?

Wir haben bei uns recht viele Frauen unter den Gründern, etwa 50 Prozent. Der Durchschnitt liegt bei maximal 20 Prozent. Ich denke, unser Beratungsangebot spricht sich rum und die Frauen tauschen sich untereinander aus. Ist eine erfolgreich, motiviert das auch andere Frauen. Deshalb ist es besonders wichtig, gerade Frauengründungen sichtbar zu machen.

Die Gründerszene ist durch das TV-Format „Höhle der Löwen“ in den Fokus gerückt. Sorgt diese für mehr Gründungen?

Sicherlich sorgt das Format dafür, dass Gründungen und Erfindungen in den Fokus rücken und bekannter werden. Vielleicht überlegt der ein oder andere auch nach so einer Sendung, sich mit seiner eigenen Idee selbstständig zu machen und lässt sich beraten. Es ist für die von den Löwen unterstützten Firmen auch eine sehr gute Chance, sich einer breiten Masse vorzustellen und zum Beispiel von den extrem guten Vertriebswegen zu profitieren.

Das hat aber seinen Preis: Neben den Anteilen an der Firma gibt man ein Stück Unabhängigkeit auf...

Dennoch finde ich den Gedanken, sich einen Mentor zu suchen, der sich auch finanziell in das Unternehmen einbringt, gut. Nicht nur in der eigentlichen Gründungsphase, sondern auch beim Wachstum kommt es oft zu einem erhöhten Finanzbedarf, der nicht zwangsläufig durch den klassischen Kredit bei der Bank finanziert werden kann oder soll. Deutschlandweit gibt es etwa das Netzwerk der sogenannten Business Angels, die für solche Fälle gute Ansprechpartner sein können.

Worum geht es beim Gründerfrühstück am Samstag in Homberg?

In erster Linie geht es ganz klassisch um Vernetzung und um Informationsaustausch. Man kommt miteinander ins Gespräch, erhält Tipps und bleibt in Kontakt. Es waren auch schon Teilnehmer dabei, die vor zehn Jahren gegründet haben und trotzdem zum Gründerfrühstück kommen – um Kontakt zu halten.

Gründerzentrum

Das Beratungsgebiet umfasst seit 2022 die Gemeinden Neuental, Borken, Wabern, Jesberg und Bad Zwesten (im Zweckverband Schwalm-Eder-West), Homberg, Knüllwald und Schwarzenborn (im Zweckverband Schwalm-Eder-Mitte) sowie Schwalmstadt, Frielendorf, Gilserberg, Schrecksbach und Willingshausen (im Zweckverband Schwalm). 

Gründerfrühstück am Samstag in Homberg

Das Gründerfrühstück ist die Initiative für Gründer und Gründungsinteressierte, die den Austausch und das Netzwerk suchen und dazu auch aktiv beitragen möchten. Alle Interessierten sind eingeladen zum Kennenlernen, Netzwerken und Austauschen. Neben Existenzgründern sind auch Netzwerkpartner aus dem Bereich der Wirtschaftsförderung SEK, der IHK Kassel, der Handwerkskammer Kassel sowie der WiBank Hessen und Bürgermeister der Mitgliedskommuen eingeladen. „Vielleicht kann hier schon der erste gute Kontakt für ihr Projekt entstehen“, sagt Tanja Damm. Dauer: zwei Stunden – für Essen und Getränkeist gesorgt. Um Anmeldung wird gebeten.

Termin: Gründerfrühstück, Samstag, 15. Oktober, 9 Uhr, Homberg, Kulturknotenpunkt, Marktplatz 5. Anmeldung: vgz-schwalm.de

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