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Vortrag und Debatte in Homberg: Einsamkeit und die Folgen für die Gesundheit

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Von: Claudia Brandau

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Der Vortrag zum Thema Einsamkeit zog viele Besucher in die Stadthalle Homberg: von links Bürgermeister Nico Ritz, 1. Beigeordneter Jürgen Kaufmann, Christine Foerster, Dr. Edgar Franke, Bernd Foerster, Dr. Dirk Pörschmann, Regionalmanager Markus Exner.
Der Vortrag zum Thema Einsamkeit zog viele Besucher in die Stadthalle Homberg: von links Bürgermeister Nico Ritz, 1. Beigeordneter Jürgen Kaufmann, Christine Foerster, Dr. Edgar Franke, Bernd Foerster, Dr. Dirk Pörschmann, Regionalmanager Markus Exner. © Claudia Brandau

Die Coronapandemie hat den Scheinwerfer auf ein Problem gelenkt, das viel zu lange fast unbemerkt im gesellschaftlichen Halbschatten vor sich hin dämmerte: Einsamkeit. Dieses Thema stand bei einem Vortrag und einer Diskussion in Homberg im Fokus.

Homberg – Einsamkeit ist keine Krankheit, kann aber schnell zu einer führen: Das ist nur ein Fazit aus dem Vortrag mit Diskussionsrunde in der Stadthalle Homberg.

Die Gruppe Dasein – ein Projekt im Homberger Kulturring – hatte zu dem Themenabend eingeladen, bei dem Dr. Edgar Franke, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister das Impulsreferat „Einsamkeit und Einsamkeitsschäden in der Gesellschaft“ hielt. Später folgte die Diskussion mit Vize-Landrat Jürgen Kaufmann, Bernd Foerster (Dasein), Dr. Dirk Pörschmann, Sepulkralmuseum Kassel, und Regionalmanager Markus Exner.

Alle Altersgruppen sind vom Gefühl der Einsamkeit betroffen

Es war alles andere als ein leichtes Thema, das Franke da gewählt hatte. Doch es ist eines, dem Politik und Gesellschaft mehr Aufmerksamkeit denn je widmen müssen: Inflation, steigende Preise für Lebensmittel und Energie, die noch nicht überwundene Pandemie und der Ukrainekrieg: All das sorge nicht nur für materielle Not bei vielen, sondern auch für Angst und Isolation, so Franke.

Vom Gefühl der Einsamkeit seien alle Altersgruppen betroffen – auch wenn das so mancher abstritte: „Einsamkeit ist stigmatisiert: Kaum jemand gibt gerne zu, dass er nicht 1000 Freunde und Bekannte und damit eben kein buntes soziales Leben hat.“

Es sei Zeit zu erkennen, dass Einsamkeit die Ursache und der Beginn vieler Krankheiten, beispielsweise von Demenz, sei.

Manche Länder hätten darauf längst reagiert: England und auch Japan haben „Minister für Einsamkeit“ berufen. Was hierzulande noch belächelt werde, habe man dort bereits verstanden: „Einsamkeit, also ein Leben ohne starke soziale Beziehungen, macht krank: Man geht sozial vor die Hunde“, so Franke.

Thema Einsamkeit: Ideen und Verantwortung aller gefragt

Vor Corona, so die von Franke zitierte nicht näher benannte Statistik, hätten sich zehn Prozent der Menschen im Land einsam gefühlt, nun seien es 30 bis 40 Prozent, die unter dem Alleinsein litten. Auch das sei wohl eine Folge von Schulschließungen, Lockdowns, harten Isolationsmaßnahmen, gab Franke zu: „Vieles hätten wir besser nicht getan, das sehen wir heute im Rückblick – die sozialen Auswirkungen stehen in keinem Verhältnis zu den Schutzmaßnahmen.“

Doch das Thema Einsamkeit spiegele auch oft die hohen Erwartungen und Ansprüche mancher an sich selbst: Wer immer nur schöner, erfolgreicher, beliebter sein wolle, fühle sich nicht liebenswert, sondere sich ab. „Wir alle aber gehören zur Gemeinschaft.“ Und genau die sei nun gefordert, Lösungen zu suchen.

Weder Landkreis noch Seniorenbeiräte alleine könnten das Problem lösen, sagte Sonja Weidel vom Pflegestützpunkt des Kreises: „Auch die Bürgermeister und Kommunen müssen es erkennen, Koordinierungsstellen schaffen, Geld geben“.

Der finanzielle Aspekt aber sei sekundär, so Luca Fritsch, Bürgermeister von Willingshausen: „Es gibt nicht die eine Lösung, die die Einsamkeit verpuffen lässt“. Jetzt seien die Ideen und die Verantwortung aller gefragt.

Zunehmende Kälte erfordert Wärmeinseln

Diakoniepfarrerin Petra Schwermann berichtete von dem Thema, das sie in diesen Tagen umtreibe: der Kälte –sowohl der sozialen als auch der meterologischen Kälte, die in den kalten Monaten drohe: „Ich will mir nicht vorstellen, dass da Menschen allein in ihrer Wohnung sitzen und die Heizung herunter drehen müssen wegen der Energiepreise“, so die Geschäftsführerin des Diakonischen Werks Schwalm-Eder. Ihre Forderung: „Es braucht Orte der Begegnung.“

Es gebe diese Gemeinschaftsräume, so Erster Kreisbeigeordneter Jürgen Kaufmann: Die Dorfgemeinschaftshäuser hätten viele Jahrzehnte als Begegnungsorte gut funktioniert. Der Landkreis biete mit den neuen Gemeindepflegerinnen, dem Pflegestützpunkt und der Leitstelle „Älter werden im Schwalm-Eder-Kreis“ viele Ansprechpartner und Vernetzungsmöglichkeiten: „Wir können als Landkreis viele Anstöße geben – aber nicht alles von oben herunter verordnen.“

Treffpunkte gehen verloren 

Das Herz der Gesellschaft schlägt in der Gemeinschaft: „Wir sind alle soziale Wesen – und entwickeln uns doch in immer individuellerer Form“, so Dr. Dirk Pörschmann, Leiter des Kasseler Museums für Sepulkralkultur.

Noch vor wenigen Jahrzehnten habe jeder neben seinem Zuhause und der Arbeitsstelle auch einen Treffpunkt wie den Sportplatz, das Freibad, Vereine gehabt. Alles Orte, um die sich das Leben drehte und kreiste. „Jetzt aber geht uns dieser dritte Platz verloren“, sagte Pörschmann: Statt ins Freibad gehe man in den eigenen Pool im Garten, statt im Kino Filme zu schauen streame man sie sich bei Netflix, statt in den Sportverein gehe man ins Fitnessstudio. „Viele leben längst nicht mehr in gesellschaftlicher Gemeinschaft, sondern individuell.“

Doch durch diese Art zu leben, gehe den Menschen die Fähigkeit verloren, in Gemeinschaft zu leben: „Der Gemeinschaftsgedanke muss gestärkt werden“, so Pröschmann.

Wer einsam lebt, der stirbt auch einsam

Dr. Dirk Pörschmann, Leiter des Kasseler Museums für Sepulkralkultur

Denn das zunehmend „individuellere Leben“ wirke sich bis in den Tod hinein aus: Bei sieben Prozent aller Beerdigungen, die auf den Berliner Friedhöfen anstehen, handele es sich um so genannte „ordnungsbehördliche Bestattungen“: Das sind Beisetzungen, die das zuständige Gesundheitsamt anordnet, wenn sich keine Angehörigen des Verstorbenen ermitteln lassen und wenn keine Vorsorge zur Bestattung existiert. Sieben Prozent der Verstorbenen sind also derart alleine, dass am Ende nur das Amt bleibt: „Wer einsam lebt, der stirbt auch einsam.“

Aus diesem Grunde appellierte Siegfried Richter aus Homberg an alle, etwas dagegen zu tun: „Jeder von uns kann dazu beitragen, dass die Einsamkeit nicht steigt“, so der langjährige Vorsitzende der AG SPD 60 plus im Bezirk Hessen Nord. „Schon allein die Straße, in der man lebt, sollte ein Netzwerk der Nachbarschaft sein, in dem man sich grüßt, kennt, schätzt.“ Das hatte auch Edgar Franke im Vortrag so ähnlich geschildert: „Wir brauchen in jedem Quartier, in jedem Viertel ein engeres Zusammenleben.“

Genau in diese Nachbarschaften, gehören nach Ansicht von Markus Exner vom Regionalmanagement Nordhessen auch die Seniorenheime: Die seien über viel zu lange Jahrzehnte hinweg an den Stadtrand gebaut worden. „Alte Menschen brauchen keine Ruhe, sie brauchen viele Kontakte“, so Exner. Statt am Waldrand sollten Seniorenheime mitten in den Zentren stehen – dort gehörten sie hin. Donnernder Applaus in der Stadthalle für Exners Worte.

Homberger Gruppe Dasein greift große Themen auf

Die 2018 gegründete Konzeptgruppe „Dasein“ will Menschen dazu anregen sich mit den Themen Leben und Tod auseinanderzusetzen, um so bewusster mit dem Thema der eigenen Endlichkeit umgehen zu können. Die Mitglieder der Gruppe Dasein, von Bernd und Christine Foerster aus der Kreisstadt initiiert, sind unter anderem Künstler, Trauerbegleitern und Psychologen, die Menschen in den Dialog bringen und am sozialen Austausch teilhaben lassen wollen. Sie gehen den Fragen zu Bedürfnissen und Orientierung der Menschen nach – und stellen dabei den vielleicht veralteten, aber doch wunderbaren Begriff des Seelenheils in den Fokus. Die Gruppe Dasein greift damit große Themen des Lebens auf. Die Bedrohung des Seelenheils durch Einsamkeit gehört zweifelsfrei dazu. 

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