Infowanderung 

Wald kämpft ums Überleben: Forstämter stehen vorm Wettlauf gegen die Zeit 

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Ein Blick in die Baumkronen enthüllt das Ausmaß der Katastrophe: Das Forstamt Neukirchen zeigte bei einer Wanderung in Lichte, wie es um die Gesundheit des Waldes bestellt ist. 

Das Sterben des Waldes sahen 50 Teilnehmer einer Infowanderung des Forstamtes Neukirchen durch das Waldgebiet Lichte mit eigenen Augen.

Vorsichtig arbeiten sich die zarten Wurzeln durch das Erdreich. Sie sind auf der Suche nach dem Elixier, welches das Grün über ihnen seit Jahrtausenden am Leben erhält: Wasser. Immer häufiger ist die Suche erfolglos, und es folgt der Tod. Für den Menschen oft nicht sichtbar, sterben die jungen Triebe der Bäume in den hohen Kronen ab, gefolgt von Ästen, bis der ganze Baum schließlich den Kampf aufgibt und stirbt. Dieses Szenario

Der Leiter des Forstamtes, Florian Koch, blickt mit Revierleiter Norbert Hänel und Betriebsassistent Martin Bartsch-Stucke sorgenvoll in die Zukunft. Sie müssen die Zukunft des Waldes unter Randbedingungen gestalten, die es in dieser Form noch nicht gegeben hat und die in keinem Lehrbuch stehen. Hänel erinnert an das Jahr 2018, in dem bis Mai über 200 000 Festmeter Sturmholz entstanden sind. Dieses Holz liegt in den Flächen und kann nur nach und nach verarbeitet werden. Ein gefundenes Fressen für die Borkenkäferarten, die sich dank der Wärme und Trockenheit explosionsartig vermehren.

In einem gesunden Wald wehren die Bäume sich durch Harz gegen die Schädlinge, für dessen Produktion sie Wasser benötigen. Doch die Bäume sind durch die Trockenheit geschwächt. Besonders betroffen sind die Eschen, die reihenweise absterben, auch am Homberger Schlossberg, sagt Forstamtsleiter Koch. Buchen und Eichen leiden unter Komplexkrankheiten, Ahorn unter der Reißrindenkrankheit und von Südhessen zieht mit der Trockenheit der Diplodia-Pilz herauf, der die Triebe der Kiefer abtötet.

Auch die oftmals als Baum der Zukunft angepriesene Douglasie schwächelt und Pionierpflanzen, wie die Birke, vertrocknen. Die Vegetationsperiode 2019 ist so gut wie abgeschlossen. Um die Wasserspeicher wieder auf ein Mindestmaß aufzufüllen, wären drei bis vier Wochen Landregen nötig und nicht Wasserfluten, die direkt wieder ablaufen, schätzt Koch grob.

Der Wald ist nicht nur als Klimaregulator und Erholungsort, sondern auch als Wirtschaftsfaktor in Gefahr. Wälder bringen den Eigentümern erstmals keinen Ertrag. Das Land Hessen und private Eigentümer müssen neue Strategien entwickeln, soll der Wald erhalten werden. Neue Ansätze bauen auf Risikostreuung durch neue Mischungen. Diese enthalten auch Arten, die nicht zur FSC-Auswahl gehören, einem Zertifizierungssystem für nachhaltige Forstwirtschaft. Das war zumindest für das Land Hessen bisher ein Tabu.

Welche Mischung auf welchem Boden unter veränderten klimatischen Bedingungen erfolgreich wächst, muss getestet werden. In der Forstwirtschaft wird in Zyklen von 40 bis 100 Jahren gedacht, viel Zeit für Tests bleibt also nicht mehr.

2018 war ein Katastrophenjahr für den Wald 

Wälder prägen das Landschaftsbild in Hessen. Das Bundesland ist mit 42 Prozent bewaldeter Fläche deutschlandweit Spitzenreiter. Von 750 000 Hektar Wald gehören 450.000 Hektar dem Land Hessen. Neben Trockenheit und Dürre sorgte der Jahrhundertsturm Friederike 2018 für katastrophale Zustände in den heimischen Wäldern. Aufgrund des Überangebots ist der Preis für Nadelrundholz in den vergangenen zwölf Monaten um bis zu 50 Prozent gesunken.

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