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„Wir wissen, was Glück ist“

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Von: Maja Yüce

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Auf dem Foto sind drei Menschen zu sehen.
Wieder knapp einem halben Jahr wieder vereint: Zoriana Krupa, ihre Töchter Milana und Diana mit Mann und Vater Marian (Bild links). Sowie Uliana Vyhovska mit ihrer Tochter Zlata in den Armen von Mann und Vater Alexander. © Nina Kempe

Kurz nach Kriegsbeginn hat Nina Kempe aus Homberg Familienmitglieder aus der Ukraine aufgenommen und ihnen Schutz geboten. Nun sind sie wieder zurück in ihrer Heimat.

Homberg/Lemberg – Ihre Sehnsucht nach der Familie war größer als der Wunsch nach Sicherheit: Uliana Vyhovska (31) und Zoriana Krupa (36), die mit ihren Kindern in Homberg Schutz vor dem Krieg in der Ukraine suchten, sind wieder zurück in ihre Heimatstadt Lemberg gereist – in ein Land im Krieg.

„In eine unsichere Zukunft“, sagt Nina Kempe. Die Hombergerin hatte die Frauen und ihre insgesamt drei Kinder Ende Februar bei sich aufgenommen. Ihnen Zuflucht vor Krieg, Angst und Bomben geboten. Denn sie waren gleich zu Beginn des russischen Angriffskriegs geflohen. Sie wollten ihre Kinder in Sicherheit wissen: Zlata, Milana und Diana.

Krieg in der Ukraine: Der Wunsch, bei der Familie zu sein, war einfach übergroß

Ihre Männer Alexander und Marian sind in der Heimat geblieben, um ihr Land zu verteidigen. „Die Heimat passt nicht in einen Koffer“, sagte Zoriana Krupa kurz nach der Ankunft in Homberg im HNA-Gespräch. Und noch etwas war letztlich übergroß – der Wunsch, bei der Familie zu sein. Bei ihren Männern, ihren Eltern und Geschwistern. Sie leben alle in Lemberg.

„Die Entscheidung haben sie sich nicht leicht gemacht, aber letztlich war es zu quälend für sie, hier zu sein, und nur abwarten zu können, was passiert“, übersetzt Nina Kempe, was ihre Verwandten zur Rückkehr bewegte. „Sie wurden krank. Hatten oft Kopf- und Rückenschmerzen“, sagt Kempe und ist überzeugt, dass das vor allem psychische Gründe hatte. „Kaum waren sie zuhause, ging es ihnen besser.“ Und das obwohl zu ihrem Alltag in Lemberg jetzt auch die Alarmierungen vor möglichen Bomben-Angriffen gehören.

Krieg in der Ukraine: Die Unsicherheit gehört zum Alltag der Familie Kempe und ihren Verwandten

„Wir haben uns über all die Monate des Krieges eine Art inneren Schutzmechanismus aufgebaut. Wir leben im Heute. Wenn ein Tag endet, an dem nichts Gravierendes passiert ist, also alle Familienmitglieder noch leben, war es ein guter Tag“, sagt Kempe. Gedanken an die Zukunft verdränge man. So geht es Nina Kempe, die aus der Ukraine stammt und seit 25 Jahren in Homberg lebt, und so gehe es auch ihren Verwandten in der Ukraine. Die Unsicherheit gehört zu ihrem Alltag. Insgesamt waren sogar acht von Kempes Familienmitgliedern aus der Ukraine in Homberg – nicht nur Uliana Vyhovska und Zoriana Krupa sind zurück in die Ukraine gefahren. Auch eine Tante, deren Schwiegertochter und ihr 17-jähriger Sohn sind wieder in der Ukraine. „Sie hatten bereits ein Visum bis 2024 und hätten hier einen Sprachkurs besuchen können“, sagt Nina Kempe. Doch auch sie wurden immer unglücklicher – trotz des Lebens in Frieden.

„Jetzt schlafen sie immer wieder im Keller aus Sorge vor Bombenangriffen und dennoch sagen sie, dass das Leben nicht so schlimm sei“, sagt Nina Kempe. „Wir wissen beim Einschlafen nicht, ob wir wieder aufwachen“, schildern Uliana Vyhovska und Zoriana Krupa. Das sei für sie in den ersten zwei Wochen nach ihrer Rückkehr ein schlimmes Gefühl gewesen. Angst pur – vor allem um die Kinder. Doch auch das Gefühl sei vergangen. Denn: „Wir sind alle zusammen – auch wenn wir getötet werden.“ Für Uliana Vyhovska und Zoriana Krupa steht fest, sie haben für sich, ihre Kinder und Männer die richtige Entscheidung getroffen. „Wir wissen jetzt, was Glück ist“, sagen sie. Dazu gehöre die Familie und auch das eigene Zuhause – selbst ein noch so schlimmer Krieg könne daran nicht rütteln. Letztlich hätten sie in Deutschland sogar mehr Angst gehabt als nun in der Ukraine. „Wir haben in Homberg immer nur die Nachrichten verfolgen können und auch mitbekommen, wenn mal wieder Alarm ausgelöst wurde“, sagen sie. Und darauf sei stets eine bange Zeit der Ungewissheit gefolgt – mit quälenden Fragen: Sind Bomben eingeschlagen? Geht es den Familienmitgliedern gut? Steht das Haus noch? Warum dauert es so lange, bis sich jemand meldet? Fragen über Fragen – auf die Ungewissheit und Angst folgten. „Und viele Tränen“, erinnert sich Nina Kempe an die gemeinsame Zeit in Homberg.

Auf dem Foto sind mehrere Menschen zu sehen.
Ostern in Deutschland: Diana Krupa (rechts) sowie Zlata Vyhovska (links) gemeinsam mit Jana Kempe. © Maja Yüce

„Sie konnten sich einfach nicht vorstellen, länger hier zu bleiben. Und das vielleicht für die nächsten Jahre“, sagt Kempe. Auch, wenn ihnen ihre Männer bei vielen Telefonaten zum Bleiben geraten hätten, seien jetzt alle froh und erleichtert, wieder vereint zu sein. „Lemberg gilt ja zum Glück auch noch als relativ sichere Gegend“, sagt Kempe. „Es gibt dort kaum militärische Strukturen, aber man spürt den Krieg dennoch auch dort überall.“ Jeder Mensch in der Ukraine habe mittlerweile bereits einen Menschen durch den Krieg verloren. „Es sind unglaublich viele Ukrainer gefallen.“

Der Krieg habe vieles zerstört, nur eines nicht: Den Zusammenhalt der Ukrainer und der Familien

Nina Kempe versucht zu beschreiben, wofür ihr eigentlich die Worte fehlen. Zu gerne hätte sie ihre Familienmitglieder in Homberg behalten. „Wir sind zusammengewachsen und haben alle beim Abschied geweint“, sagt sie. Denn es sei nicht klar, ob und wann sie sich wiedersehen werden.

Dann erzählt Nina Kempe von den den drei Mädchen Zlata, Milana und Diana, die jetzt das Spiel „Lotti Karotti“ statt mit ihr im Homberger Wohnzimmer bei jedem Luftangriff-Alarm im Keller des Hauses in Lemberg spielten. Davon, dass die Kinder ihre Väter so sehr vermisst haben. Und davon, dass viele Familien kaum mehr genug Geld hätten, um über die Runden zu kommen. „Aber wir Ukrainer sind flexibel. Viele bauen jetzt wieder Obst und Gemüse an und bereiten Lebensmittelkonserven zu, um im Winter nicht hungern zu müssen“, sagt sie. Auch hätten sich viele Familien in Lemberg Hühner angeschafft. „Sie bereiten sich auf einen wohl leider noch lange andauernden Krieg vor“, sagt Nina Kempe. Es sei ein Krieg, der in sechs Monaten vieles zerstört habe, aber eines nicht: „Den Zusammenhalt der Ukrainer – der Familien.“ (Maja Yüce)

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