Diskussion in Homberger Stadtkirche um die Arbeit der Tafeln – scharfe Kritik am Bundesverband

Zwischen Hilfe und Deckmantel

Die Arbeit der Tafeln ist umstritten: Das wurde bei einer Diskussion in Homberg deutlich. Das Foto zeigt Brot, das in der Bremer Tafel für Bedürftige bereit liegt. Foto: dpa

Homberg. Harald Würges formuliert seinen Anspruch an die Tafelarbeit so: „Wenn wir nur Essen ausgeben sollen, dann hören wir auf.“ Mit seinem Zitat wurde eine Podiumsdiskussion in Homberg eingeleitet.

Dazu hatten unter dem Titel „Armut überwinden oder Lebensmittel retten?“ das Diakonische Werk im Schwalm-Eder-Kreis, die Evangelische Akademie Hofgeismar und das Evangelische Forum Schwalm-Eder eingeladen.

Dabei sollten soziale und politische Orientierung der Tafelarbeit diskutiert werden. Als „Christ und Staatsbürger“ bevorzuge er eine bestimmte Art der Tafelarbeit, sagte Würges, Diakon und Leiter der Wetzlarer Tafel.

Selber aktiv werden

Für ihn sei es „das richtige Modell, dass Bedürftige selber aktiv werden.“ Gegenseitige Beratung in Wohnungsfragen, Ämterbegleitung und die Möglichkeit zu Begegnung gehörten zum Tafelleben dazu.

Politiker und Unternehmen würden die Tafeln für ihre Zwecke instrumentalisieren, kritisierte Holger Schoneville (Sozialwissenschaftler Uni Dortmund). Er hat wissenschaftliche Interviews mit Tafelnutzern geführt. Schoneville äußerte Respekt vor dem Engagement der Tafel-Mitarbeiter, beim Betrachten der Tafel als System entstehe aber ein anderes Bild, sagte er.

Es sei beschämend für die Betroffenen, zur Tafel zu gehen, ist seine Schlussfolgerung: „ Menschen gehen nicht freiwillig zur Tafel.“ Dafür erhielt Schoneville kräftige Zustimmung von den 50 Gästen der Diskussion. Scharf ging er mit dem Bundesverband der Tafeln ins Gericht, der gemeinsam mit konservativen Politikern die Tugend des Ehrenamtes preise, aber dem Sozialstaatsabbau das Wort rede. Unter dem Deckmantel von Hilfe und Nächstenliebe werde „schon mal Tschüss zum Sozialstaat“ gesagt.

Johannes Imhäuser berichtete vom „Fairteiler“ im Gemeindehaus der Universitätskirchengemeinde Marburg. Dabei handelt es sich um eine Anlaufstelle, an der einmal in der Woche Lebensmittel weitergegeben und getauscht werden.

Foodsharing, also das Teilen von Lebensmitteln, passiere bisher vor allem im privaten Bereich; man gehe zu Freunden oder Nachbarn oder annonciere per E-Mail im Bekanntenkreis überzählige Lebensmittel. Vordringliches Ziel sei, die Vernichtung von Lebensmitteln zu verhindern.

Zum Schluss appellierte Würges leidenschaftlich an die Verantwortlichen in der Kirche, für die Rechte derer zu kämpfen, die ihnen anvertraut sind und sich der Armut anzunehmen. Pfarrer Dierk Glitzenhirn (Evangelisches Forum) hatte zu Beginn in Interviews die Tafelarbeit in der Region vorgestellt. (ode)

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