Das Konkurrenzdenken wächst

Nach Aufhebung der Impf-Priorisierung: Termin-Ansturm in Homberger Praxis

Gehen so oft wie möglich ans Telefon: von links Kerstin Freud, Dajana Fischer-Diehl und Ute Pfalzgraf. Sie arbeiten als Medizinische Fachangestellte in der Praxis von Katharina Plünnecke in Homberg.
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Gehen so oft wie möglich ans Telefon: von links Kerstin Freud, Dajana Fischer-Diehl und Ute Pfalzgraf. Sie arbeiten als Medizinische Fachangestellte in der Praxis von Katharina Plünnecke in Homberg.

Seit dem Wegfall der Impf-Priorisierung hat der Ansturm auf die Corona-Schutzimpfungen noch mal zugenommen. Die Telefone in der Homberger Praxis von Katharina Plünnecke läuten in einer Tour. 

Homberg – Die Telefone in der Homberger Hausarztpraxis von Katharina Plünnecke klingeln ununterbrochen. Doch im Bereich des Empfangtresens ist davon nichts zu hören. Denn die Geräte sind stumm. Dass trotzdem ständig Patienten anrufen, zeigen die rot blinkenden Lichter der Telefone an.

Die Medizinischen Fachangestellten rund um Praxismanagerin Ute Pfalzgraf nehmen die Anrufe so oft wie möglich entgegen, doch sie haben währen der Sprechstunde noch zahlreiche andere Aufgaben zu erledigen. Und so brauchen die Menschen am anderen Ende der Leitung wohl viel Geduld.

Ende der Impf-Priorisierung: Viele junge Menschen wollen sich registrieren

Die Impf-Priorisierung in Hessen ist seit Montag, 7. Juni, aufgehoben. Das macht sich in der Homberger Praxis bemerkbar. „Jetzt rufen viele jüngere Menschen an“, sagt Pfalzgraf. Da es schwierig ist, telefonisch durchzukommen, schreiben viele Patienten eine Mail, um sich für eine Impfung gegen das Coronavirus in der Praxis von Plünnecke zu registrieren.

Die Medizinischen Fachangestellten Dajana Fischer-Diehl und Kerstin Freud sind routiniert und behalten trotz der vielen an sie gestellten Anforderungen die Ruhe. Fischer-Diehl macht mit einem Patienten einen neuen Termin aus. Er nutzt seinen Besuch in der Praxis und lässt sich auch gleich für eine Corona-Schutzimpfung registrieren. „Wollen sie Johnson & Johnson oder Biontech?“, fragt Fischer-Diehl ihn.

Es gibt viel zu tun in der Homberger Arztpraxis

Nachdem er gegangen ist, geht die Medizinische Fachangestellte zur Eingangstür der Praxis und lässt zwei weitere Patienten herein. Da nicht so viele wie sonst im Wartezimmer Platz nehmen können, warten immer rund drei bis vier Leute draußen.

Dann ruft Fischer-Diehl den nächsten Patienten auf und lotst ihn in eines der Sprechzimmer. „Kommen Sie mit.“ Ein anderer soll schon mal im Verbands-Zimmer Platz nehmen. Um ihn kümmert sich Freud. „Heute ist viel zu tun“, sagt Fischer-Diehl. Dass eine Kollegin fehlt, mache sich deutlich bemerkbar.

Zurück am Empfang druckt Fischer-Diehl ein Rezept aus und legt es bereit für Plünnecke, die es zwischen den einzelnen Gesprächen mit den Patienten unterschreibt.

Die Aufhebung der Impf-Priorisierung bedeutet nicht, dass alle gleich geimpft werden

„Heute bräuchte ich Rollen unter den Füßen“, sagt Dajana Fischer-Diehl und greift zum Telefonhörer. Auch ihre Kolleginnen Freud und Pfalzgraf haben keine ruhige Minute. Sie wechseln fließend zwischen dem Empfangsbereich, dem Labor und dem Verbands-Zimmer hin und her.

Auch Freud hat einen Patienten am Hörer, der sich für eine Corona-Schutzimpfung registrieren lassen möchte. „Wann es so weit sein wird, kann ich Ihnen noch nicht sagen. Wenn es so weit ist, rufe ich Sie an“, sagt sie. Außerdem raten Plünnecke und ihr Team ihren Patienten, sich nicht nur in der Praxis, sondern auch im Impfzentrum in Fritzlar anzumelden.

Das sagt Ärztin Katharina Plünnecke über das Ende der Impf-Priorisierung

Es sei wichtig, dass die Impfungen voranschreiten, so Plünnecke. Doch die Aufhebung der Impf-Priorisierung habe nichts daran geändert, dass weiterhin ein Mangel an Impfstoff bestehe. „Diese Woche können wir nur sechs Leute mit Biontech versorgen“, sagt die Ärztin.

Diese Zahl entspricht dem Inhalt eines Fläschchens des mRNA-Impfstoffs. „Dafür lohnt sich der Aufwand kaum“, sagt Plünnecke, die bemängelt, dass Impfstoff nach wie vor knapp ist. „Wir würden gerne mehr impfen, als wir derzeit können“, sagt sie. Das in Aussicht gestellte „mehr“ an Impfstoff sehe sie noch nicht.

Wie lange auf die Erstimpfung gewartet werden muss, hänge davon ab, wie viel Impfstoff geliefert wird. In ihrer Praxis werden die Vakzine von Biontech und Johnson & Johnson angeboten. Bei dem Vektor-Impfstoff von Johnson & Johnson sei der Aufklärungsbedarf größer. Besonders junge Leute hätten Angst vor Thrombosen.

„Dass die Priorisierung aufgehoben ist, hindert mich nicht daran, zu schauen, wer genau auf der Liste steht“, sagt sie. Denn Patienten, die über 60 sind oder Vorerkrankungen haben, bräuchten die Impfung am dringendsten. Prinzipiell befürwortet sie die Aufhebung der Priorisierung. Allerdings habe die Freigabe auch zur Folge, dass das Konkurrenzdenken untereinander wachse: „Warum ist der schon geimpft, aber ich nicht?“ würden sich viele fragen. (Christina Zapf)

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