Abschiedsporträt

Nachruf: Dr. Frank Seidensticker starb an Corona - es bleibt eine große Lücke

Er reißt eine große Lücke: Dr. Frank Seidensticker starb an Corona.
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Er reißt eine große Lücke: Dr. Frank Seidensticker starb an Corona.

Das ist ein Nachruf, der Jahrzehnte zu früh geschrieben werden muss. Dr. Frank Seidensticker ist tot. Der Homberger Hausarzt und Internist starb im Alter von 57 Jahren an Corona.

Der Nachruf ist ein Abschiedsporträt von einem Mann, den nicht nur seine Familie und Freunde, sondern auch hunderte Patienten vermissen werden: Dr. Frank Seidensticker ist tot. Der Hausarzt und Internist starb am 6. März im Alter von 57 Jahren an Corona.

Diese Nachricht hat viele Menschen erschüttert. So sehr, dass sie noch immer jeden Tag Dutzende Blumen, Kerzen, Karten vor der Homberger Praxis ablegen. Denn wer Frank Seidensticker als Arzt hatte, konnte sich auf seine ruhige Kompetenz und klare Diagnosen verlassen, wer ihn zum Freund hatte, wusste sich mit einem Mann verbunden, auf den Verlass war. Der mit ihnen Feiern, Reisen, Konzerte genießen konnte und sie beim Sport forderte.

Homberg: Nachruf für Hausarzt Dr. Frank Seidensticker

Der 57-Jährige war Sportler aus Leidenschaft, Skifahrer, Radfahrer, Bergsteiger, Läufer, absolvierte allein drei Mal den 250 Kilometer langen Transalpin-Marathon. Atemnot war kein Thema für ihn, der oft die Mittagspause nutzte, um in der Homberger Lichte eine Runde zu drehen.

Beim Laufen bekam er den Kopf frei, sortierte seine Gedanken. Genau wie beim Bergsteigen. Diese Leidenschaft vererbte der Homberger an Tochter Katharina und Sohn Christian, ging mit ihnen schon erste Touren, als er ihnen noch die Wanderschuhe schnüren musste.

Die Berge wurden im Laufe der Jahre höher, die Touren länger, die Seilschaft zwischen den Seidensticker-Bergsteigern immer enger. Wie wichtig sie war, lässt die Todesanzeige der Familie erahnen: Sie zeigt das Gipfelkreuz des höchsten Berges Nordtirols, der Wildspitze.

Homberg: Abschied von Dr. Frank Seidensticker

Seine Freunde kannten seine große Ausdauer, fragten vor Wanderungen besorgt, wie lang und steil denn die von ihm geplante Wegstrecke sei. „Zwei Stunden, immer flach“, hatte Seidensticker geantwortet. Eine Geschichte, die später oft unter großem Lachen erzählt wurde. Aber erst, nachdem alle wieder Luft holen konnten, denn natürlich war der Weg alles andere als kurz und eben gewesen.

Doch auch das war ein Talent des 57-Jährigen: Andere zu motivieren, sie zum Durchhalten bewegen, sie für das zu begeistern, für das er sich selbst begeistern konnte.

Begeisterung ist immer eng mit Freude verbunden. Frank Seidensticker hatte an vielem im Leben tiefe Freude, vor allem an seiner Familie. Seine Frau Gudrun hatte er im Studium an der Uni Göttingen kennengelernt, sie war seine große Liebe. Mit der kleinen Tochter Katharina auf dem Schoß hatte er damals für die Promotion gelernt, mit beiden Kindern und deren Partnern vor wenigen Jahren den Kilimandscharo in Tansania bestiegen. Die wichtigen Erlebnisse in seinem Leben waren immer untrennbar mit seiner Familie verbunden.

Homberg: Dr. Frank Seidensticker war 1998 in das Städtchen gezogen

Zu viert war sie 1998 nach Homberg gezogen, wo Seidensticker in die Hausarzt-Praxis seines Vorgängers Dr. Gerhard Grebe einstieg und sie 2003 übernahm. Nicht ganz ohne Bedenken: „Aber was mache ich, wenn kein Patient kommt?“, hatte er damals, am Abend vorm ersten Arbeitstag, seine Frau gefragt.

Dass diese Sorge völlig unbegründet war, stellte sich schnell heraus. Über Patientenmangel hat sich Frank Seidensticker tatsächlich nie beklagen können, sein Ruf als freundlicher, zugewandter Arzt sprach sich schnell in der Region herum. Genau wie sein Tod, der bis heute für viele noch immer nicht denkbar ist.

Am 25. Dezember erkrankte der, der als einer der ersten im Landkreis hätte geimpft werden sollen, weil er zum Team gehörte, das ab dem 27. Dezember den ersten Senioren in Altersheimen das Vakzin verabreichte, an Covid-19.

Die Krankheit nahm einen schlimmen Verlauf. Es folgten für Seidensticker mehr als zwei Monate auf den Intensivstationen der Kliniken in Fritzlar und Kassel, für seine Familie und Freunde eine Zeit, in der Hoffen und Bangen ständig wechselten. So viele am neuen Virus erkrankte Menschen sind genesen – der 57-Jährige nicht. So viele Ärzte haben um sein Leben gekämpft – vergebens.

Homberg: Dr. Frank Seidensticker starb am 6. März 2021

Dr. Frank Seidensticker, der in allem, was er tat und liebte, einen langen, tiefen Atem hatte, starb am 6. März an der Lungenkrankheit Corona. Dass ausgerechnet der Mann, der so viele Kranke geheilt oder gar gerettet hat, selbst nicht zu heilen und zu retten war, birgt eine große Tragik.

Die Familie macht kein Geheimnis um die Todesursache von Dr. Frank Seidensticker. Sie ist sicher: „Die meisten Menschen begreifen erst dann, wie gefährlich Corona wirklich ist, wenn sie ein solches Schicksal sehen“, sagt Gudrun Seidensticker. „Wenn dieses Wissen jemanden davon abhalten kann, leichtfertig mit dem Virus umzugehen, wäre das in Franks Sinne.“

„Wir haben so viel Schönes gemeinsam erlebt“, schrieb seine Familie in der Todesanzeige. Die Dankbarkeit für gute Zeiten, schöne Erlebnisse, inspirierende Begegnungen ist groß. Die Trauer um den Mann, Menschen und Mediziner Frank Seidensticker, der viel zu früh gehen musste, noch größer.

Von Claudia Brandau

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