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„Ich habe furchtbare Angst“: Geflüchtete aus Krisengebieten über den Krieg in Europa

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Von: Christina Zapf

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Ein Teil einer Rakete liegt vor dem Gebäude des ukrainischen Sicherheitsdienstes (SBU) nach einem russischen Raketenangriff in Charkiw, der zweitgrößten Stadt der Ukraine.
Bittere Kriegsrealität: Ein Teil einer Rakete liegt vor dem Gebäude des ukrainischen Sicherheitsdienstes (SBU) nach einem russischen Raketenangriff in Charkiw, der zweitgrößten Stadt der Ukraine. © Andrew Marienko/dpa

Während für viele der Krieg in der Ukraine eine ganz neue Situation ist, wissen Flüchtlinge ganz genau, was in den Ukrainern derzeit vorgehen muss.

Fritzlar-Homberg – Der Krieg in der Ukraine bewegt die Menschen, die im Schwalm-Eder-Kreis leben – unter ihnen viele Frauen und Männer, die im Landkreis Zuflucht gesucht haben, weil auch in ihren Heimatländern Krieg oder Terror herrscht. Andere sind vor Armut, bewaffneter Gewalt, politischen Unruhen oder Naturkatastrophen geflohen. Aufgrund ihrer Vorgeschichte belastet der Krieg, der gerade in der Ukraine herrscht und somit mitten in Europa stattfindet, diese Menschen, die bereits schon einmal in ihrem Leben auf der Suche nach Frieden geflohen sind, extrem.

Silvia Scheffer, Ethnologin und Sozialtherapeutin beim Diakonischen Werk des Kirchenkreises Schwalm-Eder, hat täglich mit Geflüchteten aus zu tun. Sie berät sie bei Asylverfahren, bei Problemen ihren Aufenthalt betreffend und wenn sie Erfahrungen mit Diskriminierung machen. Scheffer hat mit einigen Geflüchteten, die im Schwalm-Eder-Kreis leben, über den Krieg in der Ukraine gesprochen und auch darüber, was die Berichte und Bilder in ihnen auslösen. Die Frauen und Männer wollen anonym bleiben.

Ein Somalier, mit dem Scheffer sprach, habe ihr berichtet: „Ich denke an meine somalischen Freunde, die mit Aufenthaltserlaubnis in Kiew gelebt haben. Sie sind jetzt mit ihren Familien geflohen.“ Einige von ihnen seien inzwischen in der polnischen Hauptstadt Warschau angekommen, andere in Rumänien oder Moldawien. „Ich weiß noch nicht, was sie weiter planen – ob sie dort bleiben oder hierher nach Deutschland kommen wollen. Wir telefonieren täglich. Es ist alles schwierig.“

Ein Mann aus Afghanistan, der im Schwalm-Eder-Kreis lebt, kritisierte gegenüber Scheffer das Scheitern der Diplomatie: „Nach meiner Erfahrung können Menschen alles durch Verhandlungen erreichen, wenn sie es wollen.“ Und er macht sich Sorgen, denn: „Menschen vergessen nie, von wem sie angegriffen worden sind“, sagt er.

In Afghanistan gebe es das Sprichwort: „Wenn ein Wald brennt, zerstört das Feuer alles. Gleichgültig ob alt oder jung, gesund oder krank.“ Krieg bedeute tote und verängstigte Menschen sowie zerstörte Krankenhäuser, Fabriken, Kraftwerke und Infrastruktur. „Es dauert mindestens eine Generation, das alles wiederaufzubauen“, sagt der Afghane.

„Krieg ist etwas sehr Schlimmes“, sagt der Mann, dessen Heimatland am Hindukusch schon seit Jahrzehnten keine Ruhe findet. Ein Krieg lasse zwischen den Bevölkerungsgruppen tiefe Gräben und tiefes Misstrauen entstehen. Beides zu überwinden, und das Land wieder aufzubauen, sei schwierig. „Ich befürchte, dass nach dem Krieg terroristische Gruppen in die Region der Ukraine kommen werde. Das wäre eine Bedrohung für Europa, aber auch für Russland“, sagt der Afghane gegenüber Scheffer.

„Ich habe furchtbare Angst. Wir haben schlaflose Nächte. Die Bilder von allem, was wir selbst erlebt haben, kommen wieder hoch“, sagt eine Frau aus Kamerun, mit Blick auf den Krieg in der Ukraine im Gespräch mit der Ethnologin und Sozialtherapeutin beim Diakonischen Werk.

„Wir dachten, in Deutschland seien wir sicher. Wir wollten hier in Frieden leben und arbeiten, helfen, dieses Land zu stärken und unsere Kinder hier aufwachsen sehen“, sagt die aus Kamerun geflüchtete Frau. „Jetzt hoffe ich nur noch, meine Familie um mich zu haben, damit wir zusammen sind, wenn wir sterben müssen.“ (Christina Zapf)

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