Neuer Kurs startet 

Im Schwalm-Eder-Kreis gibt es zu wenig Tagesmütter - ein Programm soll das nun ändern 

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Tagesmutter Sladjana Fischer mit von links Madita, Sophia, Olivia, Julia und Anna.

179 Tagesmütter zählte der Landkreis 2011 - Inzwischen ist die Zahl der selbstständigen Betreuerinnen auf 106 gesunken. Der Bedarf aber steigt. 

383 Kinder im Landkreis werden von Tagesmüttern betreut, gebraucht werden für die Betreuung etwa 150 Tagesmütter. In der Betreuung von Kindern unter drei Jahren seien derzeit aber nur 106 Frauen selbstständig tätig, sagt der Leiter des Jugendamtes, Björn Angres. Besonders im südlichen Landkreis fehlten Tagesmütter. 

Mütter gehen früher nach der Geburt wieder arbeiten

Das Jugendamt möchte die Betreuung ausbauen und das Vertretungskonzept verbessern. Die Nachfrage nach Tagesmüttern steige stetig, sagt Angres. 2011 habe es 179 Tagesmütter im Landkreis gegeben. Mit dem Ausbau der U3-Betreuung in den Kindergärten sei die Zahl zurückgegangen. Da aber Mütter immer früher nach der Geburt wieder arbeiten gingen, steige der Bedarf, sagt auch Renate Glebe, zuständig für die Kinder-Tagespflege im Kreis. 

Alle Tagesmütter sind voll ausgelastet

Die Kommunen hätten den politischen Auftrag, für die frühkindliche Förderung von Kindern ab einem Jahr zu sorgen. Viele kämen mit dem Ausbau der Kindergärten aber nicht nach, sagt Kreissprecher Stephan Bürger. Tagesmütter seien deshalb eine Hilfe für die Kommunen. Außerdem gebe es Eltern, die ihre Kinder im familiären Rahmen unterbringen möchten. Doch da komme man an Grenzen. Derzeit seien alle Tagesmütter ausgelastet. 

Neues Bundesprogramm soll helfen 

Die Politik hat nun darauf reagiert: Der Landkreis hat sich am Bundesprogramm Pro Kindertagespflege beteiligt und als Erster in Nordhessen Zuschüsse für eine Qualifizierungsoffensive erhalten. Wie Angres sagt, startet im August ein Kurs mit 300 Unterrichtsstunden. So soll eine speziellere Ausbildung der Tagesmütter ermöglicht werden, bereits Ausgebildete könnten sich mit dem Programm weiter qualifizieren. 

Tagesmütter dürfen bis zu fünf Kinder betreuen. Bei einer Ganztagsbetreuung erhält eine Tagesmutter monatlich zwischen 650 und 1030 Euro pro Kind. Der Landkreis übernimmt die Hälfte der Sozialversicherung und es gibt für die Tätigkeit Steuerfreibeträge.

Hintergrund: Qualifizierung zur Kindertagespflege

Der Landkreis bietet einen neunmonatigen Kurs an Wochenenden an. Nach einem Kolloquium darf man Kinder bei sich aufnehmen. Daran schließt sich eine sechsmonatige Wochenendausbildung an, an deren Ende das Zertifikat ausgehändigt wird. Die Teilnahme ist kostenlos. Eine Tagesmutter benötigt ausreichend Platz in den eigenen Räumen. Kontakt: Jugendamt des Landkreises, Renate Glebe, Tel. 0 56 81/77 55 74; E-mail: jugendamt@schwalm-eder-kreis.de 

Sladjana Fischer arbeitet als Tagesmutter

Die fünf Kinder nennen sie Nana — das klingt wie Mama. Und tatsächlich ist es fast so. Sladjana Fischer ist die Tagesmutter der Mädchen, die zwischen einem und drei Jahren alt sind. Seit eineinhalb Jahren kommen die Kinder jeden Tag in der Woche zu ihr in die Dachgeschosswohnung. Das Obergeschoss des Einfamilienhauses ist ein Kinderparadies mit Küche, Spielecken, Tafeln, Büchern und Spielzeug für jeden Geschmack. Dort fühlen sich die Mädchen wohl und bleiben, bis die Eltern sie abholen.

Sladjana Fischer hat vor knapp zwei Jahren beschlossen, ihren Beruf als Tagungs- und Verkaufsleiterin in einem Hotel in Kassel an den Nagel zu hängen. Der Grund waren ihre eigenen Zwillinge, die ständig krank waren. Sie musste sie aus dem Kindergarten nehmen, wollte sich um die damals Vierjährigen selbst kümmern und fuhr mit den Zwillingen erst einmal zur Kur. Doch sie musste und wollte auch wieder arbeiten.

Eine Freundin brachte sie auf die Idee, Tagesmutter zu werden. Fischer besuchte den Qualifizierungskurs beim Schwalm-Eder-Kreis zur Kindertagespflege, schaffte sich Mobiliar an und nutzt seitdem die Dachwohnung quasi als Mini-Kindergarten.

Die Kinder sind ihr ans Herz gewachsen. „Sie sind wie meine eigenen“, sagt die 44-Jährige. „Die Arbeit entspannt mich und macht mich glücklich.“ Vier der Kinder kommen bis zu 25 Stunden in der Woche ins Haus, eines betreut sie den ganzen Tag, bis zu 40 Stunden in der Woche, je nach Bedarf.

Um acht Uhr gibt es Frühstück und mittags ein frisch zubereitetes Mittagessen. Die Betreuungszeiten können auch variieren. „Ich kann sehr flexibel auf die Bedürfnisse der Eltern eingehen,“ sagt sie. Wenn die Eltern krank sind, oder aus beruflichen Gründen später kommen, springe sie ein.

Das komme vielen Eltern entgegen. Man spreche sich ab, alles sei familiär, der Umgang mit den Eltern locker. Auch wenn die Kinder krank sind, können sie kommen, sofern sie kein Fieber hätten. Man müsse das Kind nicht bei jedem kleinen Schnupfen zu Hause lassen, sagt sie. Denn das sei für viele arbeitende Eltern ein Problem.

Als Tagesmutter könne sie intensiv auf jedes Kind eingehen. Dies sei für einen Teil der Eltern der Grund gewesen, ihr Kind zunächst in einer kleineren Gruppe betreuen zu lassen. Ab August wechseln die ersten Mädchen in den Kindergarten. Doch für Nachwuchs in der kleinen Gruppe in Werkel ist bereits gesorgt. „Ich kann mich vor Anfragen nicht retten“, sagt Fischer.

Der steigende Bedarf an Plätzen für die Betreuung von Kindern unter drei Jahren und der gesetzliche Anspruch trage dazu bei, dass die Nachfrage nach Tagesmüttern steige, sagte Renate Glebe, verantwortlich für die Kindertagespflege im Schwalm-Eder-Kreis. Und die Tätigkeit lohne sich auch.

Für die Betreuung der fünf Kinder bekomme Fischer etwa 2500 Euro monatlich. Allerdings müsse sie als Selbstständige die Sozialversicherung tragen, wobei der Kreis die Hälfte der Kosten anteilig übernehme. Für Renovierung und Einrichtung des Kinderbereichs habe sie Zuschüsse erhalten. Als Tagesmutter hat sie drei Wochen bezahlten Urlaub und wird im Krankheitsfall drei Wochen weiter bezahlt.

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