In vielen Baugebieten im Schwalm-Eder-Kreis blüht nichts mehr

Nein zu Schottergärten: Immer mehr Städte verbieten Anlegen von Kies- und Schottergärten

Schottergarten mit Kies und einzelnen Plfanzen.
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Vermeintlich pflegeleicht: Schottergärten wie diese sind vielen Stadtplanern ein Dorn im Auge.

In unserer Frühlingsserie „Endlich Frühling“ berichten wir über Frühlingsgefühle und Frühlingsboten, über Tipps und Trends in der schönsten Jahreszeit. Heute: Schottergärten.

Schwalm-Eder – Wer demnächst in Niedenstein bauen und dem Trend folgen will, seine Außenflächen vor dem Haus mit Steinen zu belegen, der kommt zu spät: Der neue Bebauungsplan verbietet Schottergärten. Das Verbot wirkt sich dann auf die 30 Grundstücke aus, die im Frühherbst erschlossen werden.

Damit zählt Niedenstein zu jenen wenigen Kommunen im Landkreis, die sich für mehr Naturschutz und weniger Schotterflächen einsetzen: „Wir wollen und müssen ein anderes Bewusstsein für das Klima, für Umwelt- und Artenschutz entwickeln“, sagt Bürgermeister Frank Grunewald. Das soll auch in der Stadt sichtbar werden: Die kommunalen Areale entlang von Straßen und auf Verkehrsinseln, die die Stadt vor Jahrzehnten gekieselt hat, werden nun in naturnahe Flächen verwandelt, Kies und Kiesel entfernt.

Der Grund: Die Flächen, die angeblich so pflegeleicht seien, hätten sich als ungeheuer arbeitsaufwendig erwiesen. Jeder Unrat, den der Wind antrage, setze sich zwischen den Steinen fest, müsse mit der Hand entfernt werden, wenn man auf Pflanzenschutzmittel verzichten wolle – was selbstverständlich sei. Natürlich komme ein Verbot der Schottergärten nicht bei allen Bauherren gut an, weiß Grunewald, die Stadt wolle deshalb auch den Naturschutz in den Fokus rücken: „Wir setzen darauf, dass immer mehr Menschen erkennen, dass jeder Garten zählt.“

Das will auch Marcel Pritsch erreichen. Der Borkener Bürgermeister hält ein Verbot von Schottergärten für baurechtlich fragwürdig, setzt aber wie Frank Grunewald auf Aufklärung: „Wir wollen die Leute dafür sensibilisieren, der Natur mehr Raum zu geben.“ Auch wenn die Hessische Bauordnung von Bauherren mehr Grünflächen fordere, bringe das allein die Natur auch nicht voran. „Ein englischer Rasen trägt nicht unbedingt zur Biodiversität bei“, sagt Pritsch.

Die hessische Bauordnung lasse viel Spielraum, doch Konflikte mit den Bürgern und gar eine Rückbauforderung seien alles andere als der richtige Umgang mit den Einwohnern. „Wir müssen die Menschen von dem großen Wert überzeugen, den es hat, wenn sich die Natur entwickelt“, findet der Borkener Bürgermeister.

„Wir unterstellen, dass die Menschen so sensibel sind und das erkennen“, sagt Bürgermeister Markus Boucsein. In den Melsunger Bebauungsplänen sei für neue Vorhaben die Formulierung verankert, dass „das Grün einen hohen Anteil“ haben müsse: „Heute ist eine nachhaltige Lebensweise gefordert“, sagt Boucsein. Nicht umsonst habe die Stadt Melsungen Blühwettbewerbe ausgeschrieben und städtische Grünflächen mit Insektenhotels versehen. „Naturschutz ist uns ein Anliegen.“

Das ist er auch der Gemeinde Wabern. Sie verbietet künftig – in Absprache mit den Ortsbeiräten – aus ökologischen Gesichtspunkten Bauherren das Anlegen von Schotterflächen. Wabern will umweltfreundlichere Standards schaffen: „Wir wollen solche Flächen nicht mehr“, sagt Bürgermeister Claus Steinmetz. Die Steine speicherten im Sommer die Hitze, erhöhten ohnehin steigende Temperaturen, versiegelten Flächen, nähmen den Tieren den dringend benötigten Lebensraum und verringerten die Artenvielfalt. „Wir appellieren deshalb an alle Gartenbesitzer, einen Beitrag zum Umweltschutz zu leisten. Jeder einzelne zählt“, sagt Steinmetz.

Wabern und Schwalmstadt wollen Schottergarten-Verbot kontrollieren

Maria Beier vom Natur- und Umweltschutzbund (Nabu) Schwalm-Eder kann die Debatten in den Kommunen um eventuelle Verbote von Schottergärten nicht nachvollziehen.

Die Melsungerin findet klare Worte für den Trend, der sich seit Jahren bei der Außengestaltung von Flächen durchsetzt: „Schottergärten sind scheußlich und schädlich, versiegeln Böden und tragen dazu bei, dass Insekten fehlen, Bienen und Vögel keine Nahrung mehr finden, dass Arten verschwinden,“ sagt Beier.

Sie bedauert, dass es kein bundesweites, einheitliches Verbot dieser Flächen gibt, so wie in Baden-Württemberg. Dort hat der Landtag das Landesnaturschutzgesetz geändert, seinen Willen im Naturschutzrecht verankert und damit seine Absicht unterstrichen, gegen Schottergärten vorzugehen und gegebenenfalls auch Eigentümer zu zwingen, diese zurückzubauen. Den Anstoß dazu hatte ein Volksbegehren mit dem Titel „Rettet die Bienen“ gegeben.

Doch eigentlich brauche es für eine solche gesetzliche Vorgabe weder ein Volksbegehren noch weitere Diskussionen, sagt Beier und verweist auf die Hessische Bauordnung, die schwarz auf weiß das Abkippen von Steinen auf privaten Flächen verbietet. In Paragraf 8 dieser Verordnung heißt es zusammengefasst, dass nicht überbaute Flächen auf bebauten Grundstücken wasserdurchlässig zu belassen, zu begrünen und zu bepflanzen sind.

Eine klare Vorgabe, die alles andere als einen großen Interpretationsspielraum bietet. „Aber es ahndet ja niemand“, bedauert Maria Beier. „Das traut sich keiner.“

Die Stadt Schwalmstadt traut sich: Sie will kontrollieren, dass Bauherren künftig keine Schottergärten mehr anlegen, sagt 1. Stadtrat Lothar Ditter. „Die Hessische Bauordnung verbietet sie bereits. Es ist an uns, das Verbot im Auge zu behalten“, sagt Ditter. Künftig gelte in Schwalmstadt, dass in Neubaugebieten Schottergärten verboten seien. „Wer sich nicht an die Regeln hält, muss sie dann zurückbauen.“ Auch Bürgermeister Claus Steinmetz kündigt Kontrollen in Waberns neuen Baugebieten an. „Das nennt man dann Konsequenz.“ (Claudia Brandau)

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