Die Last des Lockdowns

Weltfrauentag: Frauen übernehmen in der Coronakrise noch mehr Verantwortung

Frauen haben im Lockdown noch mehr Verantwortung für Kontakte und Familie übernommen: Viele haben diese Zeit als große Last empfunden.
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Symbolbild: Frauen haben im Lockdown noch mehr Verantwortung für Kontakte und Familie übernommen: Viele haben diese Zeit als große Last empfunden.

Der 8. März ist der Weltfrauentag. Für Frauen waren die Wochen des Lockdowns eine meist noch härtere Zeit als für Männer. Ein Interview mit Expertinnen aus dem Landkreis.

Schwalm-Eder – Der 8. März ist nicht nur der Weltfrauentag – es ist auch der erste Tag, an dem das Leben nach dem Lockdown wieder Fahrt aufnimmt. Für die Menschen waren diese Wochen eine harte Belastungsprobe – für Frauen eine meist noch härtere als für Männer. Das sagen Bärbel Spohr, Frauenbeauftragte des Landkreises, Heidemarie Lange, Leiterin des Frauenhauses, und Michaela Laudenbach, Vorsitzende des Frauennetzwerkes Schwalm-Eder.

Was macht denn Corona mit Frauen so anderes als mit Männern?
Bärbel Spohr: Die Pandemie nimmt Frauen deutlich mehr in die Pflicht – gerade jene, die neben der Erziehungsarbeit auch einer Erwerbsarbeit nachgehen. Jetzt kam noch Homeschooling mit den Kindern und die Sorge um die oft einsamen Großeltern hinzu. Zudem saßen die meisten Familien jetzt über einen langen Zeitraum zu Hause fest.
Keine Frage, das hat Eltern viel abverlangt.
Heidemarie Lange: Es kümmern sich aber nicht immer die Paare gleichermaßen: Es sind meist Frauen, die das Gefüge zusammenhalten. Die Druck aus dem Kessel nehmen, die alles dafür tun, dass bei Auseinandersetzungen nicht das ganze Konstrukt explodiert, nicht die Männer.
Für Sie ist Corona also ...
Bärbel Spohr: ... ein Brennglas, das Ungleichheiten sichtbar macht. Und es sind Frauen, die das ausgleichen. Sie betreuen das Kindergartenkind, beschulen das Schulkind, besorgen die Impftermine für die Großeltern – während die meisten Männer zur Arbeit gehen oder hinter verschlossenen Türen im Homeoffice sitzen. Das sagen nicht nur wir, das ist eine gesamtgesellschaftliche Beobachtung.
Das klingt, als hätte sich seit der Emanzipationsbewegung der 1980er-Jahre rein gar nichts mehr getan in Sachen Gleichstellung.
Heidemarie Lange: Hat sich tatsächlich nicht. Frauen fühlen sich verantwortlich, laden und bürden sich deshalb viel auf, um die Balance im Alltag zu halten. Frauen haben zwar mehr Rechte als früher, sind aber immer noch fest in ihren alten Rollen verankert. Corona ist ein Rückschlag für die Gleichstellungsbewegung.
Das mag man nicht glauben, denn Frauen haben in jeder Hinsicht viel erreicht, haben Führungspositionen, sitzen in Chefetagen.
Michaela Laudenbach: Und gleichen dennoch ihre Lebensentwürfe meist an die Notwendigkeiten des Familienlebens an. Wenn es gar nicht anders geht, Kinder über längere Zeit krank, ohne Aufsicht sind, kündigen auch Arbeitnehmerinnen, um sich den Spagat zwischen Sorge und Erwerbsarbeit zu ersparen. Frauen denken oft in sozialen Bezügen und in der „Wir“-Form  – Männer in wirtschaftlichen Aspekten und der „Ich“-Form.
Jetzt sagen Sie doch mal, woran Sie das denn festmachen.
Bärbel Spohr: An vielen Fakten. Schauen Sie selbst: Wer ruft denn die Großeltern an, die allein oder zu zweit zu Hause und in der Isolation hocken, wer kauft für sie ein, wer sorgt sich um deren körperliche Gesundheit und um die Kontakte der Kinder, die monatelang weder tanzen noch Fußball spielen konnten? Das sind meist Frauen. Sie klären, fragen, regeln in alle Richtungen.
Ist denn Kommunikation tatsächlich eher weiblich?
Lange: Ich denke schon. Frauen investieren mehr Zeit in lange Gespräche, tiefe Beziehungen und gute Kontakte, auch außerhalb der Familie. Deshalb bedeutet der Lockdown mit sozialen Einschränkungen auch großen Stress für sie. Zumal für viele Frauen noch ein weiteres Thema hinzukam, das vielen Kopfzerbrechen bereitete.
Und zwar?
Lange: Die Digitalisierung. Ich merke, wie schwer sich viele Frauen damit tun, eine Beratung im Internet anzunehmen. Einem Link zu folgen, sich in Onlinekonferenzen einzuloggen – dafür muss so manche ihre Angst überwinden. Aber es gibt keine Alternative, Corona hat uns digital nach vorne geworfen.
Laudenbach: Das stimmt, das ist ein zusätzlicher Load.
Ein was?
Spohr: All diese Zusatzlasten und Bürden bezeichnet man als „Mental Load“, also als mentale Last. Und zu den sozialen, familiären, beruflichen Lasten kommt die digitale Herausforderung dazu.
Das klingt, als kämen Männer besser am Rechner klar.
Lange: Nein, das liegt nicht an einem Technikgen, das Frauen fehlt, das liegt an der Fehlerfreundlichkeit, die Männer haben: Sie haben weniger Angst als Frauen, Dinge auszuprobieren. Wenn bei der Arbeit am Computer etwas nicht klappt, sagen Frauen: „Ich bin zu dumm dafür“. Und was sagen Männer? „Da stimmt was mit der Technik nicht, ich muss mal alle Kabel prüfen.“ Frauen beziehen Scheitern auf sich. Männer auf die widrigen Umstände.
Eine Frage zum Schluss: Wissen Frauen eigentlich, was sie alles in der Krise und im Alltag leisten? Können sie es sehen?
Laudenbach: Ich fürchte nein. Für die meisten ist es selbstverständlich, dass der Alltag läuft, auch wenn es noch so anstrengend ist, ihn am Laufen zu halten.
Lange: Und für viele war die Last des Lockdowns eine Bestätigung, dass sie unentbehrlich sind, gebraucht werden. Das gilt auch im Job: Die Statistik über die Zahl der Frauen, die Bildungsurlaub in Anspruch nehmen, ist niederschmetternd. Auch da denken viele: Ohne mich geht es nicht. Weder zu Hause, noch im Büro. Dabei ...
Spohr: ... dabei ist Selbstfürsorge erste Pflicht. Nur das wissen wirklich die wenigsten.

Von Claudia Brandau

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