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Interview: Dekan Norbert Mecke über die Hoffnung in Krisenzeiten

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Von: Maja Yüce

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Spannung beim Öffnen des Adventskalenders.
Spannung beim Öffnen des Adventskalenders: Auch die HNA Fritzlar-Homberg öffnet ab heute in der Print-Ausgabe wieder täglich ein symbolisches Adventskalendertürchen. © Mascha Bell/dpa

Anlässlich der Vorweihnachtszeit spricht Dekan Norbert Mecke im Interview über die Hoffnung in Krisenzeiten und über den Advent.

Schwalm-Eder – In der Vorweihnachtszeit haben viele Menschen ihre Rituale. Ein Adventskalender und das Öffnen der 24 Türchen gehören oft dazu. Dekan Norbert Mecke spricht im HNA-Interview über den Advent und die Hoffnung in einer Zeit der Krisen..

Herr Mecke, Pandemie, Krieg, Wirtschaftskrise: Es sind schwere Zeiten. Woraus kann man da Hoffnung in diesem Advent schöpfen?

Im Advent steckt Trotzkraft: Trotz der genannten Krisen werden Wohnungen und Straßen dekoriert, wird gebacken und vorbereitet. Blickt man zurück: Selbst in Lockdown-Zeiten wurde höchst kreativ Weihnachten gefeiert. Der Dichter von „O du fröhliche“ hatte in ärmlichen Verhältnissen vier seiner Kinder verloren und schrieb dennoch ein solches Lied. Aus Kriegen gibt es Berichte vom Einstellen der Kämpfe rund um Weihnachten. Es gibt also mindestens eine Ahnung, dass mit dem Advent Hoffnungsvolles in unsere Zeit hinein- und aus uns herausbricht.

Viele Menschen treiben Sorgen und Ängste um. Was bedeutet das alles für Ihren Blick auf das bevorstehende Weihnachtsfest?

Das weckt sehr gemischte Gefühle. Das Fest soll die Existenzsorgen nicht für ein paar Stunden oberflächlich unter Glitzer verstecken. Das wird weder den Nöten von Menschen noch der Botschaft von Weihnachten gerecht. Ich wünsche mir beim Blick auf die Krippe weniger Romantik und mehr Staunen: Gott scheut sich offenbar nicht, in die Tiefe der einfachsten, widrigsten und unkomfortabelsten Verhältnisse zu kommen. Das macht Mut. Deshalb ist es ein „frohes Fest!“ und steckt an, sich gegenseitig zu beschenken und Nöten abzuhelfen.

Interview über Krisen, Hoffnung und Advent

Was ist für Sie persönlich in der Adventszeit anders als in anderen Monaten?

Ich will eigentlich unabhängig von der Jahreszeit eine Antenne für Glaube, Liebe und Hoffnung haben. Aber im Advent wird mit Märkten, Kerzen, Kalendern und Feiern so unüberhörbar ein Countdown runtergezählt, dass ich mich der schönen Aufregung hin zum Weihnachtsfest gar nicht entziehen kann. Es macht mich wach für die Frage, wie Gott bei mir eigentlich ankommt. Was und wie glaube ich so mitten im Alltag? Und wie klasse: Gefühlt alle um mich herum bleiben von dem, was da um sich greift, nicht unberührt.

„Fürchtet Euch nicht“ – dieser Satz kommt in der Bibel öfter vor. Wie aktuell ist er in diesen Zeiten und was kann man daraus lernen?

Furcht ist ein schlechter Lebensberater. Die Bibel ermutigt: Sieh nicht schwarz, sondern rechne mit Gott. Der wünscht sich keine vor Zittern erstarrten Untertanen, sondern Vertraute, die etwas bewegen – ohne Befürchtung vor Fehlern. Das ist top-aktuell: Vor wem knicken wir ein, wo wir aufstehen müssten – mit oder ohne Kapitänsbinde? Wie gehen wir mutige Schritte für ein auch in Zukunft in jeglicher Hinsicht gutes Klima, ohne zu fürchten, wir allein kämpften „als letzte Generation“ für diese Welt? „Furcht ist nicht in der Liebe!“, weiß die Bibel zu sagen. Und mit und für Liebe will uns Glaube gewinnen. Es lohnt sich, das lebenslang zu lernen und zu üben.

Gedankenspiel: Wenn Gott seinen Sohn noch einmal auf die Erde senden würde, wo würde er dann hingehen?

Vielleicht würde er in einem Slum von Mumbai geboren. Übersehbar, aber darin das Unscheinbare und Elende wichtig- und großmachend. Hier bei uns würde er die sehen und aufsuchen, die Heilung brauchen: mit verwundetem Herz als aus ihrer Heimat Geflohene, verletzte Seelen missbrauchter Kinder oder durch Egoismus Verkümmerte. Wir würden staunen, wo er sich zum Essen einlädt: bei denen, an die wir kaum noch rankommen, ob politikverdrossen, verschworen in ganz eigene Theorien oder sogar andern gegenüber hasserfüllt. Er wüsste Worte und Zeichen, die Herz und Verstand erreichen und verändern: getränkt in Farben von Gottes Reich.

Und was würde er von uns verlangen?

Verlangen würde er, dass wir einfach mitkommen und uns etwas abgucken: weitherzig und risikobereit. Denn ein Spaziergang würde es auch diesmal nicht.

Mecke über die Vorweihnachtszeit: „Wir glühen vor“

Was lässt Sie Hoffnung haben?

Vielleicht werden Sie lachen: Dass ich glaube, Jesus Christus ist genauso heute mitten unter uns unterwegs – und kommt am Ende ans Ziel. Sogar mit mir. Und das, obwohl er mich kennt!

Warum ist es wichtig, den Advent bewusst zu feiern?

Frühere Generationen hätten geantwortet: Es ist eine Fastenzeit vor dem großen Fest zum Geburtstag von Jesus. Vier Wochen Verzicht, lassen mich auch innerlich spüren, dass es Gott ernsthaft um etwas geht mit mir und steigern zugleich die Vorfreude. Heute ist Advent anders. Modern gesprochen: Wir glühen schon vor. Auf die Plätzchen fertig los! Auch das hat Gutes, denn wer das Feiern nicht gelernt hat, ist schlecht für Gottes Reich vorbereitet. Bewusster Advent hält den Grund des Feierns wach: Gott ist im Kommen. Nach wie vor.

Wenn Sie sich für den Advent 2022 etwas wünschen dürften - was wäre das?

Mehr Wohlwollen, wenn wir andere erleben, ihnen zuhören, wenn wir diskutieren und kritisieren: dass wir einander mehr aufbauen als runtermachen. Das wäre eine prima Advents-Übung für eine gute Weihnachtshaltung. (Maja Yüce)

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