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Interview übers Gendern: Sprache soll alle sichtbar machen

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Von: Claudia Brandau

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Setzen sich für eine Sprache ein, die alle anspricht: Frauenhausleiterin Heidemarie Lange (links) und Frauenbeauftragte Bärbel Spohr.
Setzen sich für eine Sprache ein, die alle anspricht: Frauenhausleiterin Heidemarie Lange (links) und Frauenbeauftragte Bärbel Spohr. © Claudia Brandau

Die Frauenbeauftragte des Landkreises Bärbel Spohr und Frauenhausleiterin Heidemarie Lange sehen das Gendern gelassen, Sprache verändere sich eben.

Schwalm-Eder – Muss man bei Anreden, Aufzählungen und Erzählungen wirklich immer gendern, also sowohl die männliche als auch die weibliche Form nutzen? Verhunzt geschlechtergerechte Sprache tatsächlich den Sprachgebrauch oder verändert sie vielmehr das Bewusstsein?

Frauenbeauftragte Bärbel Spohr und Frauenhausleiterin Heidemarie Lange sehen das Gendern gelassen: Veränderungen haben einfach schon immer für Aufregung gesorgt, sagen sie, die Frauen sichtbarer machen wollen – auch und vor allem in der Sprache.

Warum ist es so wichtig, von „Lehrern und Lehrerinnen“ zu sprechen? Oder gar von Lehrer*innen? So redet doch kein Mensch...

Bärbel Spohr: Doch, so reden alle, die begreifen, dass Sprache sich mit der Zeit verändert, wie jedes andere System auch. Aussprache, Satzbau, Rechtschreibung, Schrift – alles erneuert sich mit der Zeit. Sprache ohne Veränderung gibt es also nicht. Die Zeiten, in denen Luthers Deutsch als modern galt, sind ja auch schon lange vorbei.

Beispiel?

Heidemarie Lange: Wer spricht denn heute noch von einem Backfisch, wenn er einen Teenager meint? Oder von einem Nasenfahrrad statt einer Brille? Dafür sind längst Verben wie „simsen“ oder „googeln“ normal im Sprachgebrauch geworden.

Spohr: Das stimmt. Die Bedeutung vieler Begriffe verändert sich. Früher sagte man „das Fräulein vom Amt“. Heute spricht man mit der Frau vom Call Center. Das Fräulein als Inbegriff der berufstätigen, weil unverheirateten Frau hat seit einem halben Jahrhundert ausgedient. Das wissen alle – und deshalb nutzt auch niemand mehr den Begriff.

Das klingt sachlich. Aber das Gendern an sich ist ja ein eher aufgeregtes Thema. Da scheint ja viel Druck auf dem gesellschaftlichen Kessel zu sein...

Spohr: Ja, natürlich ist da Druck drauf: Weil es auch in der Sprache schlicht um Macht geht. In diesem Fall um männliche Macht. Wir benutzen ja in der Mehrzahl nur die männliche Form. Beim Plural „Lehrer“ oder „Journalisten“ werden die weiblichen Vertreter dieser Berufe gar nicht genannt.

Und damit auch nicht sichtbar. Das mag lange Zeit für alle okay gewesen sein. Ist es aber heute schon lange nicht mehr. Heute wissen wir: Sprache darf und soll nicht länger ausgrenzen. Schon gar nicht die Hälfte der Menschheit.

Da wird sich jetzt wieder mancher kopfschüttelnd fragen: „Darf man denn heutzutage gar nichts mehr sagen?“

Spohr: Doch, man darf alles sagen. Aber bitte auch so, dass auch alle, und nicht nur manche gemeint sind. Aber dass da viele den Kopf schütteln, ist normal. Gesellschaftliche Veränderungen haben schon immer für Aufregung gesorgt.

Beispielsweise, als vor bald 50 Jahren die Altkreise Fritzlar, Homberg, Melsungen und Schwalmstadt zum Schwalm-Eder-Kreis zusammen gelegt wurden. Was herrschte da für eine Aufregung! Heute ist der „neue“ Landkreis für alle Einwohner völlig selbstverständlich. Und das ist zugleich ein Beweis dafür, dass Veränderungen einfach ihre Zeit brauchen.

Trotzdem erstaunlich, mit welcher Wucht die Debatte ums Gendersternchen geführt wird.

Lange: Für mich ist das nicht erstaunlich. Veränderung macht ja auch vielen Menschen Angst. Und Machtverlust macht noch größere Angst. So große, dass sie auch in Wut umschlagen kann. Und die sorgt dafür, dass man Dinge ins Lächerliche zieht. Da ist neuerdings scherzhaft die Rede von „Bundeskanzlerin Olaf Scholz“.

Das ist doch erbärmlich! Angela Merkel hat einen guten Job gemacht. Allein eine solche Aussage zeigt, wie man mit Frauen umgeht. Selbst wenn sie im Job Enormes leisten.

Mal abgesehen von Angst oder Wut: Viele sagen ja, dass die langen Pluralformen wie Lehrer und Lehrerinnen oder das Gender-sternchen einen Verlust der Sprachschönheit bedeutet.

Lange: Tja. Das würde ich wohl auch behaupten, wenn jahrhundertelang immer nur von „Lehrerinnen“ gesprochen worden wäre und plötzlich verlangt würde, dass man doch bitte nun auch die männlichen Kollegen sprachlich einbezieht. So ein bisschen nach dem Motto: „Ist doch ohnehin klar, dass es auch Männer unter den Lehrerinnen gibt.“

Hahahaha! Das ist lustig.

Spohr: Nein, das ist NICHT lustig. Denn genauso ist es ja: Wenn wir immer nur von Lehrern sprechen, sehen alle nur Männer in Klassenräumen vor ihrem inneren Auge. Aber wir sehen bestimmt keine Frauen in Klassenräumen vor uns – denn von denen ist ja tatsächlich auch keine Rede, wenn wir nur im männlichen Plural sprechen.

Man meint mit dem Wort „Lehrer“ vielleicht auch Frauen – aber man denkt sie nicht mit. Sprache spiegelt eben wider, wie wir die Welt wahrnehmen.

Ist das so?

Spohr: Ja, Sprache formt Gedanken, schafft Bilder und Realitäten. Und sie transportiert Wertvorstellungen. Wer nur von Männern spricht, sieht keine Frauen. Und deshalb sollten Frauen den Genderverweigerern die Stirn bieten.

Damit was passiert?

Lange: Damit sich die Dinge ändern. Als erstes, indem sie uns bewusst werden. Und das ist ja das Wichtigste: Veränderungen muss man anstoßen. Man muss auf Missstände aufmerksam machen, es muss sich rumsprechen, dass es nicht okay ist: nur so ändert sich was.

Das klingt nach einem beschwerlichen langen Weg.

Lange: Ist es auch. Es hat ja auch beispielsweise viele Jahrzehnte gedauert, bis auch der Letzte begriffen hat, dass der Satz „Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Neger“, den Bundespräsident Heinrich Lübcke 1962 bei einer Afrikareise gesagt haben soll, tatsächlich alles andere als witzig ist.

Darüber werden sich aber damals vielleicht nur wenige Menschen aufgeregt haben. Es herrschte ein anderes Bewusstsein für Ungerechtigkeit und Diskriminierung, auch in der Sprache. Heute, 60 Jahre später, schlägt man bei einer solchen Anrede die Hände überm Kopf zusammen. Das meinen wir: Veränderung beginnt in der Sprache.

Das heißt....

Spohr: Das heißt, dass wir uns beim Sprechen einfach nur fragen müssen, wen wir im Blick haben. Alle? Oder nur manche? Und man muss auch nicht das Gendersternchen nutzen, wenn einem das zu blöd ist. Denn es gibt unendlich viele kreative Möglichkeiten und sogar einen Genderduden im Internet.

Da findet man dann neutrale Begriffe wie Studierende, Pflegende, Teilnehmende. Es funktioniert, Sprache lässt sich verändern. Man muss nur ein bisschen offen für Veränderungen sein. Und auch bereit sein, Kompromisse einzugehen. (Claudia Brandau)

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