Bürgermeisterkandidaten äußern sich auch zu Leerstand

HNA-Lesertreff: Wer wird Bürgermeister in Jesberg?

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Stellten sich dem Publikum: Die Bürgermeisterkandidaten Heiko Manz (rechts) und Wolfgang Bauer mit Ulrike Lange-Michael (rechts) und Claudia Brandau (hinten).

Der Bevölkerungsrückgang drückt auch kleine Gemeinden wie Jesberg. Wie diese Entwicklung zu stoppen ist, war unter anderem Thema beim HNA-Lesertreff zur Bürgermeisterwahl in der Kellerwaldhalle. 

In Jesberg sank die Einwohnerzahl vergangenen sechs Jahren von 2500 auf derzeit 2237. Das entspricht etwa der Einwohnerzahl des Ortsteils Reptich.

In einer lebhaften Diskussion bezogen am Dienstagabend die Bürgermeisterkandidaten Heiko Manz (34) und Wolfgang Bauer (50) dazu und zu den Fragen von 270 Gästen und den HNA-Redakteurinnen Claudia Brandau und Ulrike Lange-Michael Stellung.

Angesprochen auf den vor allem in der Kerngemeinde verbreiteten Leerstand, meinte Manz, die Immobilien seien häufig uninteressant, weil die Bebauung sehr eng sei. "Wenn man dort Gebäude zurückbaut und Platz für Gärten schafft, hat man schnell eine gute Lage", sagte er.

Wenn es sich um Schrottimmobilien handele, könnte man den Eigentümern den Abriss durch eine Förderung schmackhaft machen, schlug Bauer vor. Viel schwieriger sei es, wenn es keine Erben gebe. Dann sei die Allgemeinheit in der Pflicht.

"Wir sollten uns aber auch nicht selber schlecht machen", sagte Heiko Manz, der für die SPD ins Rennen geht. Edeka-Markt, Grundschule, Ärzte und Apotheke - Jesberg verfüge durchaus über eine gute Grundausstattung. Infrastruktur und Lebensqualität müssten weiter gestärkt werden, dann kämen die Leute auch wieder zurück nach Jesberg, sagte Manz.

"Das Leben hier muss so attraktiv sein, dass es sich lohnt zu pendeln", sagte Wolfgang Bauer, der in Borken für die CDU im Parlament sitzt, in Jesberg aber als unabhängiger Kandidat antritt. Bauer wünscht sich etwa eine Kinderbetreuung für Grundschüler auch am Nachmittag. "Es muss möglich sein, dass beide Elternteile arbeiten gehen", sagte er.

Jesberg soll attraktiver werden

Kleine Lockerungsübung zum Ende des Lesertreffs: Die Moderatorinnen Ulrike Lange-Michael und Claudia Brandau ließen abstimmen, wer sich nach der Diskussion auf einen Bewerber festgelegt hat. Wie das Bild zeigt, galt das für die meisten der 270 Gäste. 

Konfrontation sieht anders aus: Einträchtig nebeneinander begrüßten die Jesberger Bürgermeisterkandidaten Heiko Manz und Wolfgang Bauer alle Besucher des HNA-Lesertreffs am Eingang. Auch in der Diskussion gab es keine Schärfen. Hier einige Themen:

Tourismus

Der Tourismus hat aus Sicht von Heiko Manz großes Potenzial. „Der Campingplatz ist ein absoluter Glücksfall für Jesberg“, sagte er. Die 140 Stellplätze seien im Sommer sensationell ausgelastet, vor allem von Gästen aus Holland. In Densberg habe eine Familie ein ganzes Haus zu Ferienwohnungen umgebaut. Manz: „Das wird super angenommen.“

Die Gemeinde sollte sich stärker auf Wohnmobilisten einstellen, schlug Wolfgang Bauer vor. Die Verkaufszahlen für die Fahrzeuge stiegen ständig. Jesberg sollte einen eigenen Caravanplatz ausweisen, lautete sein Vorschlag.

Um den Waldlehrpfad wieder in Form zu bringen, habe er sich die Rückendeckung von Hessen-Forst gesichert, berichtete Wolfgang Bauer. Er habe mit Jesbergern gesprochen, die das Projekt ehrenamtlich in Gang bringen wollen. Außerdem schwebe ihm ein Angebot für Touristen vor, die ihren Urlaub in der Region mit ehrenamtlichen Waldarbeiten verbringen könnten.

Heiko Manz merkte an, dass das Projekt Waldlehrpfad in der Vergangenheit an Vorschriften wie der Verkehrssicherungspflicht gescheitert war. Wenn feststehe, wer diese Pflicht übernehme, wäre eine Kooperation mit Hessen-Forst zu begrüßen. 

Fragesteller: Heinz-Georg Müller, Jesberg

Gemeinschaftshäuser

Obwohl die DGH laut einer Erhebung von den Einwohnern als sehr wichtig eingestuft wurden, werden sie Heiko Manz zufolge zu wenig genutzt. Um dies zu ändern, könne man pro Haushalt und pro Jahr eine kostenreduzierte Veranstaltung einplanen. „Veranstaltungen werden oft auch aus logistischen Gründen zunehmend in Gaststätten statt in die DGH verlegt“, sagte Wolfgang Bauer. Den Vorschlag von Heiko Manz könnte er unterstützen, wenn es Wunsch des Parlaments sei.

Fragesteller: Martin Gössel, Densberg

Kindergarten

Wolfgang Bauer blickte auf die Nachbargemeinden und stellte heraus, dass die Kindergärten und Schulen ein großer Faktor bei der Entscheidung, ob man nach Jesberg umziehen möchte, spiele. Zertifikate für einen Bewegungskindergarten würden den Wohnstandort Jesberg attraktiver machen. Heiko Manz setzte die Sprachförderung in den Mittelpunkt, denn für einen Bewegungskindergarten fehlten geeignete Räume. Dringenden Handlungsbedarf sehe er bei der Betreuung von Kindern unter drei Jahren. 

Fragesteller: Petra Drüsedau, Jesberg

Kellerwaldschule

Die Zukunft der Jesberger Grundschule sehe Heiko Manz gesichert. Mit einem höheren Lehrerkontingent wäre der Schule aber viel geholfen, denn Leistungen wie eine pädagogische Hausaufgabenbetreuung seien bislang nicht möglich. Es sei eine höhere Verbindlichkeit von Fachkräften nötig. Wolfgang Bauer stimmte zu, dass es zum Teil schwierig sei, Grundschullehrer nach Jesberg zu bekommen. Man könne nur hoffen, dass die Zuteilung künftig ein Regelmaß findet.

Kinderbetreuung Wolfgang Bauer forderte den Landkreis auf, sich für das Programm des Landes Hessen, „Pakt für den Nachmittag“ anzumelden. Teilnehmende Landkreise erhalten eine Betreuung durch qualifizierte Fachkräfte bis 14.30 Uhr, seitens der Kommune werde eine weitere Betreuung bis 16 Uhr organisiert. Zum Programm gehöre auch eine Kinderbetreuung in den Ferien. 

Fragesteller: Daniela Möller

Schnelles Internet erst 2020

Bürgermeisterkandidaten, von links: Wolfgang Bauer, Heiko Manz

Wolfgang Bauer erklärte zum schnellen Internet, dass Jesberg im letzten Anbindungsgebiet in der Breitband Nordhessen GmbH liege. Schnelles Internet werde es nicht vor 2020 geben. Andere Lösungen sollten gesucht und Gespräche mit der Telekom geführt werden. Heiko Manz erwiderte, dass Lösungen, die auf Kosten der Gemeinde gehen, etwa 400 000 Euro kosten würden. Das lohne sich nicht. Man müsse daher in den sauren Apfel beißen und lieber warten. 

Fragesteller: Heinrich Thiel, Densberg

Gewerbeansiedlung Jeder Arbeitsplatz, sagte Wolfgang Bauer, sei wichtig. Daher begrüße er jede Neugründung, die man dann auch fördern wolle. Manz macht deutlich: Die große Industrie wird nicht nach Jesberg kommen. Stattdessen solle man kleinere und mittlere Betriebe sowie Start-Ups holen. 

K. Wiegand, Hundshausen

Jugendarbeit 

In den Ortsteilen gebe es Jugendräume, „ob sich darüber hinaus eine qualifizierte Jugendbetreuung anbieten lässt, wage ich zu bezweifeln“, erklärte Bauer. Es gebe eine tolle Jugendarbeit der Vereine, denen man keine Konkurrenz machen sollte. „Wa die Vereine leisten, ist Wahnsinn“, sagte Heiko Manz. Es gebe in Jesberg eine Jugendarbeit der Kirche. Hier könne man möglicherweise zusammenarbeiten. Manz ist beim Religionspädagogischen Institut der Ev. Kirche in Marburg beschäftigt.

Bauer: Werde vorerst weiter in Borken wohnen

Er werde seinen Wohnort kurzfristig nicht nach Jesberg verlegen, wenn er zum Bürgermeister gewählt werden sollte, erklärte Wolfgang Bauer. Er lebt mit seiner Familie in Borken. „Wir haben dort ein Eigenheim“, sagte er. „Es spielt aber keine Rolle, wo ich meinen Wohnsitz habe, ich werde für Sie da sein“, fügte er hinzu. 

Fragesteller: Günther Noll

Windräder haben keine Priorität

Zu meinen Vorstellungen, Jesberg voran zu bringen, gehören keine Windkraftanlagen“, sagte Wolfgang Bauer. In der Prioritätenliste von Hessen-Forst stehe die Fläche bei Jesberg derzeit ganz unten, sie werde nicht aktiv vermarktet. Der 50-Jährige arbeitet im Forstamt Jesberg. Die Akzeptanz wäre größer, wenn ein Teil der Erlöse an die Gemeinden ginge. Heiko Manz schloss sich dieser Einschätzung an. Inzwischen gebe es sogar so viele Windkraftanlagen, dass sie bei Volllast abgestellt werden müssten.

Radweg muss dringend gebaut werden

Dringend sollte ein Radweg von Jesberg nach Oberurff gebaut werden, erklärte Wolfgang Bauer. Die B 3 sei zum Radfahren zu gefährlich. Der hessische Staatssekretär Mark Weinmeister habe sich bei einem Besuch überrascht gezeigt, dass dieses Problem noch immer nicht gelöst ist, und seine Unterstützung zugesagt. „Es klingt gut, wenn wir Unterstützung erhalten“, sagte Heiko Manz. Die Gemeinde habe schon längst alle Vorleistungen erbracht. Es gebe sogar eine Planung.

Bundesstraße 3

Die B 3 – ein Fluch oder ein Segen? Die Geschäfte in der Gemeinde profitierten laut Heiko Manz von der Bundesstraße. Der Ausbau der A 49 könne zu weniger Lärm beitragen, dann müsse aber auch über ein Lkw-Verbot für die B3 nachgedacht werden. Wolfgang Bauer erklärte, dass eine spürbare Lösung für die Jesberger, die an der B3 wohnen, erst eintrete werde, wenn Lkw im großen Maße wegfallen. Gegen die Lärmbelästigung wollte er ein Tempolimit erlangen. 

Fragesteller: Karin Derx, Jesberg

Skepsis bei dem Thema Gemeindefusion

Ich bin kein Freund von Fusionen“, sagte Heiko Manz auf die Frage von Moderatorin Ulrike Lange-Michael, ob eine Fusion mit einer Nachbargemeinde nicht effektiver wäre. Aus zwei kranken Gemeinden werde noch lange nicht eine gesunde. Auch Wolfgang Bauer war in Sachen Fusion eher skeptisch. „Ich würde nur dafür plädieren, wenn es tatsächlich ein Gewinn für die Menschen wäre und wenn es zuvor eine Bürgerbefragung gegeben hätte“, sagte er.

Zusammenarbeit Einen Ausbau der interkommunalen Zusammenarbeit können sich bei Kandidaten gut vorstellen. Im Bereich des Bauhofs könnte man mit Gilserberg kooperieren, regte Heiko Manz an. „Ich bin ein großer Freund solcher Allianzen“, sagte Wolfgang Bauer. Sie seien notwendig, um kleine Gemeinden existenzfähig zu erhalten. 

Fragesteller: Gerd Wehnes

Hintergrund: 1987 Jesberger dürfen wählen

Günter Schlemmer (SPD) stand 24 Jahre an der Spitze der Gemeinde Jesberg. Seine Amtszeit endet am 30. Juni 2017. Aus Altersgründen tritt der 62-Jährige nicht zur Wiederwahl an. Am Sonntag, 12. März, wählen die Jesberger einen Nachfolger. Es gibt 1987 Wahlberechtigte. Die Wahllokale sind am Sonntag von 8 bis 18 Uhr geöffnet.

259 Bürger haben bereits Briefwahlunterlagen beantragt. Die Briefwahl ist weiterhin möglich. Noch bis Sonntag, 15 Uhr, können die Unterlagen im Rathaus abgeholt werden. Bis 18 Uhr müssen sie allerdings wieder im Rathaus oder einem der Wahllokale abgegeben werden, damit sie gewertet werden können.

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