Interview über Mobilität

Michael Schramek spricht über Carsharing im Schwalm-Eder-Kreis

Michael Schramek steht vor einem Carsharing-Auto. Der Geschäftsführer von Regio Mobil setzt sich für alternative Mobilitätskonzepte ein.
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Setzt auf neue Ideen und Konzepte für den Verkehr: Michael Schramek aus Jesberg.

Die Firma Regio Mobil in Jesberg ist vor vier Jahren angetreten, um die Mobilität besonders auf dem Land zu verbessern. Im Interview beantwortet Michael Schramek Fragen übers Vorankommen ohne Auto.

Herr Schramek, die A 49 wird diskutiert, viele Menschen fordern eine Verkehrswende. Das ist doch genau Ihr Ding.
Ja. Das ist es. Wir haben seit 2016 einen Carpool mit über 100 Autos im Land aufgebaut, auf den viele Städte zugreifen. Von Nürnberg über Pfaffenhofen und Ortenberg bis Homberg setzen immer mehr Städte und Gemeinden Fahrzeuge effektiver ein und senken so Kosten.
Für Behörden macht Carsharing ja Sinn.
Und warum soll das für Privatleute nicht genauso sinnvoll sein? Bei der Verkehrswende geht es doch nicht nur um betriebliche Mobilität. Auch viele Familien haben einen Fuhrpark vor der Tür.
Da wird aber mancher Autofan grantig, wenn Sie ihm den Wagen wegnehmen wollen, oder?
Klar, das Auto ist ein sensibles Thema. Aber es geht auch nicht ums Wegnehmen, sondern ums Überdenken: Wir reden auf dem Land ja nicht über das eine Auto im Haushalt. Sondern wir bieten Lösungen, um den Zweit- oder gar Drittwagen verzichtbar zu machen. Und das würden viele gerne tun, denn es wird immer klarer, dass das Auto nicht nur teuer, sondern auch ein Klimakiller ist. Der Wandel ist rasant und das kann man sehen: Die weltweite Zahl der Stürme und Brände steigt, die der Regentage und Gletscher sinkt.
Daran ist aber jetzt nicht nur das Auto schuld. Und auf dem Dorf ist man ohne Gefährt aufgeschmissen.
Genau für dieses Problem müssen wir intelligente Lösungen finden: Es geht darum, wie man auch kleine Orte gut anbinden kann.
Carsharing ist intelligent?
Auf jeden Fall. Und es ist bedarfsgerecht. Denn bei den meisten Menschen steht das Auto die meiste Zeit des Tages vor der Tür. Vor der eigenen oder der des Arbeitgebers. In Thüringen haben wir ein neues Projekt an den Start gebracht: Dort fahren Mitarbeiter des Onlinehändlers Zalando in Kleinbussen mit sieben oder neun Sitzen gemeinsam zur Arbeit – das ist nicht nur intelligent, sondern auch klimafreundlich.
Dennoch hat das eigene Auto für viele großen Symbolwert. Für Status, Freiheit, Flexibilität.
Und doch steht es gerade so sehr auf dem Prüfstand wie nie zuvor. Das hat nicht nur mit dem Klimawandel, sondern auch mit der Coronakrise zu tun: Die Menschen denken mehr darüber nach, wo sie Geld sparen können. Und davon bietet ein Auto jede Menge: Es kostet immer mehr, als die Leute glauben.
Warum?
Weil die meisten nur den Kaufpreis des Autos sehen, aber nicht die Kosten, die durch dessen Nutzung anfallen. Zum Sprit und Inspektionen kommt der Wertverlust. Und Steuern, Versicherung, TÜV etc. werden ganz ausgeblendet. Die Fixkosten liegen selbst bei einem günstigen Fahrzeug selten unter 2000 Euro pro Jahr, dazu kommen die variablen Kosten von 12-20 Cent je Kilometer. Unter 3000 Euro im Jahr geht es wirklich nur, wenn man kaum fährt.
Also sind Ideen zur Mobilität gefragt.
Nicht nur das: Es sind längst auch Ideen zum Vermeiden von Mobilität gefragt. Mit Corona haben wir gelernt, uns neu zu organisieren: Wir arbeiten öfter zu Hause, fahren seltener ins Büro. Es ist Zeit, dass wir unsere Wege überdenken. Es geht nicht ums Verzichten oder Kasteien. Es geht darum, die Wege zu verkürzen, regional einzukaufen, Dienstleister vor Ort zu unterstützen. Damit würden viele Fahrten überflüssig.
Sind denn die Menschen tatsächlich zu oft und ohne Grund unterwegs?
Ja. Vor noch 90 Jahren waren die individuelle Mobilität, wie wir sie heute haben, noch unvorstellbar. Die Menschen legten weniger Strecke zurück. Selbst für unsere Eltern war ein Auto noch nicht von Anfang an selbstverständlich. Die Gesellschaft ist nach dem Zweiten Weltkrieg in eine komplett neue Welt geschlittert. Es ging den Menschen mit dem wirtschaftlichen Aufschwung immer besser. Wir haben einen Status quo erreicht, der nur schwer zu verlassen ist. Auch beim Thema Auto.
Haben Sie eigentlich eins?
Ein Eigenes? Nein. Ich nutze das Carsharing und ein Elektrofaltrad, dazu hatte ich bislang eine Bahncard 100, die unbegrenzte Freifahrten bundesweit bietet. Jetzt habe ich die nicht mehr. Denn ich habe verblüfft gemerkt, dass man bei Freifahrten gar nicht mehr darüber nachdenkt, ob die Reise wirklich notwendig und sinnvoll ist.
Was brauchen wir, um umweltfreundlicher voranzukommen?
Wir brauchen eine Mischung aus weniger und anderer Mobilität. Firmen könnten ihren Betrieb so umbauen, dass weniger Reisen gefragt sind. Mit Corona haben wir bereits gelernt, dass Videokonferenzen so manches Treffen ersetzen können. Und wenn jeder sich fragt, ob er nicht doch das Fahrrad oder ein Carsharing-Angebot nutzen oder auf eine Fahrt mit dem Auto verzichten kann – dann wäre schon viel gewonnen.

(Claudia Brandau)

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