Ärztin gibt Praxis in Jesberg auf

Nach vier Jahrzehnten: Dr. Annegret Döring geht in den Ruhestand

Dr. Annegret Döring steht vor ihrer Praxis in Jesberg.
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Sie war vier Jahrzehnte eine gute Adresse für medizinische Fragen: Ärztin Dr. Annegret Döring geht in den Ruhestand.

Es gibt Entscheidungen, von denen man genau weiß, dass sie richtig sind. Die keinen Platz zum Zögern, Zaudern, Zweifeln lassen. Dr. Annegret Döring aus Jesberg hat einen solchen Entschluss getroffen.

Jesberg - Fast auf den Monat genau nach vier Jahrzehnten hat Dr. Annegret Döring ihre Hausarzttätigkeit beendet und ist in den Ruhestand gegangen.

Es war ein Abschied auf Raten, den die 67-Jährige genommen hat. 2020 hatte die bis dahin selbstständige Medizinerin ihre Praxis an die Hausarztgemeinschaft Waldeck-Wolfhager Land übergeben und als angestellte Ärztin weiter gearbeitet: „Das hat den Übergang für die Kollegen und die Patienten leichter gemacht“, sagt sie.

Viele kannte sie jahrzehntelang, manche Familien behandelte sie schon in der fünften Generation. „Ich habe meinen Beruf leidenschaftlich gern ausgeübt“, sagt sie. „Hausärztin zu sein, das war für mich kein Job, das war Berufung.“

Eigentlich hatte Annegret Döring, die aus Kassel stammt, Lehrerin werden wollen, sich dann aber doch für ein Medizinstudium entschieden: Nach einem Praktikum in einer Klinik und ersten Einblicken in die Medizin war für sie klar: „Das will ich machen, da gehöre ich hin.“

Doch ebenso klar war nach dem Examen an der Universität Marburg, dass der Klinik-Alltag oft nur schwer mit dem Familienleben vereinbar ist. Deshalb bewarb sich die Medizinerin, die mit Dieter Döring aus Jesberg ihre große Liebe und mit ihm und den vier Söhnen ein Zuhause im Kellerwald fand, um einen Hausarztsitz. Fast 40 Jahre ist das her: Am 1. Februar 1982 führte sie erst für vier Monate eine Praxis in Zimmersrode, bevor sie ihre eigene in Jesberg eröffnete.

Es gab viel zu tun, 60-Stunden-Wochen waren Alltag. Natürlich, sagt Annegret Döring, habe es auch harte Zeiten gegeben: Die große Familie, pflegebedürftige Eltern, viele Patienten – mancher Tag hatte zu wenige Stunden. Dennoch geriet sie nie ins Zweifeln: „Ich habe immer gewusst, dass das das Leben ist, das ich will, dass ich hier her gehöre. Wenn man das weiß, kann man viele Anstrengungen bewältigen.“

Wichtig sei auch, dass ihre Familie immer hinter ihr stand. „Wir schaffen das“, habe ihr Mann in anstrengenden Zeiten gesagt, der doch selbst ein Geschäft führte. In den letzten beiden Berufsjahren kam dann noch die Corona-Pandemie mit all ihren Herausforderungen hinzu: „Meine Familie hat mir auch in dieser Zeit so viel Kraft gegeben – ich fühle da eine große Dankbarkeit.“

Diese Dankbarkeit erfährt Döring nun selbst. Kaum ein Patient, der in den vergangenen Wochen nicht kam, um Tschüss zu sagen, eine Karte, eine Blume, Schokolade oder ein kleines Geschenk zu bringen. Im Wohnzimmer der Familie Döring wogt sozusagen ein Meer der Dankbarkeit. „Mit einer solchen Welle an Zuneigung habe ich nicht gerechnet“, sagt sie. „Ich habe so viele liebevolle Worte gehört – das berührt mich sehr, es braucht Zeit, um all das zu verarbeiten.“

Diese Zeit hat sie nun. Der Terminkalender von Annegret Döring ist bis ins nächste Jahr hinein leer. Zum ersten Mal in ihrem Leben hat die Medizinerin keine streng getakteten Tage, kann ihre Zeit spontan gestalten. In hektische Betriebsamkeit werde sie nicht verfallen. „Ich mache es wie Angela Merkel“, sagt sie und lacht: „Auch sie will ja erst mal zur Ruhe kommen und sich sortieren.“

Was aber bei allem Sortieren schon feststeht. Die Familie Döring bleibt in Jesberg. Dort ist sie zu Hause, dort leben zwei der vier Söhne, dort ist Dr. Annegret Döring längst Teil der Dorfgemeinschaft. Angst vor der neuen Lebensphase hat sie nicht: „Es war für mich genau der richtige Zeitpunkt, um zu gehen.“ Sie geht mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Und vor allem geht sie mit dem Wissen, dass alles genauso richtig war, wie es war. Die neue Zeit kann kommen. (Claudia Brandau)

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