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Panikmache vor der Spritze: In Jesberg warnen mysteriöse Flyer vor der Coronaimpfung

Warnt vor der Coronaimpfung: Ein Flyer, der in Jesberg aufgetaucht ist.
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Warnt vor der Coronaimpfung: Ein Flyer, der in Jesberg aufgetaucht ist.

Antonia Behrenz ist sauer: Die Jesbergerin hat einen Flyer in ihrem Briefkasten gefunden, der vor der Coronaimpfung warnt. Angebliche Experten machen darauf aufmerksam, dass Impfungen oft schon „verheerende Folgen“ gehabt hätten.

Jesberg – Die 85-Jährige ist empört über diese Wurfsendung. „Es gibt so viele Menschen, die gerade verunsichert sind, was die Impfung angeht – solche Prospekte schüren das doch an weiter an.“ Die Broschüre landete vor allem in den Briefkästen von Senioren.

Der Flyer, den „Mediziner und Wissenschaftler für Gesundheit, Freiheit und Demokratie“ mit Sitz in Passau herausgeben, weist über vier Seiten auf Risiken und Nebenwirkungen der Impfung hin, stellt auch deren Notwendigkeit infrage. So heißt es da: „Es ist bekannt, dass die Wahrscheinlichkeit, an Covid-19 zu sterben, für die meisten gering ist.“

Das Zitat des Molekularbiologen Sucharit Bhakdi (73) stammt aus dem vorigen April. Damals hatte der Professor im Ruhestand vorhergesagt, dass man von „maximal 3000 Coronatoten in Deutschland“ ausgehen müsse. „Die Fehlprognosen eines überlasteten Gesundheitssystems sind als Begründung untauglich. Zumal Deutschland über eines der leistungsfähigsten Gesundheitssysteme der Welt verfügt.“

Zwischenzeitlich hat das Virus mehr als 50 000 Opfer gefordert. Dennoch sieht Bhakdi die Impfung nicht als den entscheidenden Weg aus der Pandemie: In Deutschland seien im Coronajahr 2020 weniger Menschen als im Grippejahr 2018 gestorben, heißt es im Flyer. Die Impfung berge viele Risiken: „Es unbekannt, welche Schäden die Impfung verursacht.“ Unter weiter: Der jetzige Lockdown sei „kollektiver Selbstmord“.

Der Text schürt die Angst mit einem völlig unsinnigen Vergleich weiter an: „Ältere erinnern sich noch an den Contergan-Skandal, als erst nach Jahren aufgedeckt wurde, dass dieses Schlafmittel zu Missbildungen bei Neugeborenen führte.“

Und er schürt den Ärger von Antonia Behrenz. Sie selber sei in der Lage, sich eine eigene Meinung zu bilden: „Ich bin politisch interessiert und lasse mich von so etwas ganz bestimmt nicht beeinflussen.“ Aber viele andere Senioren werden darauf anspringen und überlegen, ob sie sich impfen lassen, ist sie sich sicher. Was sie ganz besonders ärgert: Auf der letzten Seite ist in auffälliger Schrift ein Spendenkonto angegeben. „Das ist doch eine Unverschämtheit sondersgleichen“, sagt Antonia Behrenz. Den Flyer sieht sie als eine Hetze gegen die Vernunft und die Regierung. „So viele Menschen schimpfen auf die Regierung, dass so spät geimpft wird. Aber die Politiker haben richtig gehandelt und auf die Zulassung gewartet. Ihr Rat an alle, die eine solche Wurfsendung erhalten haben: Sich gut an anderer Stelle informieren.

Das sagt der Bürgermeister Heiko Manz

Bürgermeister Heiko Manz weiß von diesen Broschüren, die in der Jesberger Kerngemeinde verteilt wurden – ganz gezielt in die Briefkästen von Senioren. Das spreche dafür, dass sich jemand auskenne. Auch Manz reagiert mit großer Skepsis auf den Flyer. Dass darauf der Verband der „Mediziner und Wissenschaftler für Freiheit und Demokratie“ sein Spendenkonto nennt, findet er genauso befremdlich wie Antonia Behrenz. Auch Manz rät, sich umfassend, offen und gut zur Frage zu informieren, ob man sich impfen lassen sollte oder nicht. Und das funktioniere nicht über diesen Flyer. Manz selbst hat eine eindeutige Meinung: „Man muss den Menschen klar ans Herz legen, sich impfen zu lassen.“ 

Ärztesprecher: „Corona keine harmlose Grippe“

Der Flyer, der bei Antonia Behrenz landete, biete ein sehr einseitiges Informationsmaterial, sagt Dr. Axel Figge, Sprecher des Hausärzteverbands Schwalm-Eder aus Schwalmstadt.

Sein Tipp: Die Leser solcher Prospekte sollten sich nicht verunsichern lassen, sondern sich vielmehr fragen, ob das denn alles stimme und die Fakten prüfen. Was Figge vor allem stört: Der Flyer gebe weder Richtung noch eine Struktur vor, lasse die Leser vielmehr mit aufkommenden Zweifeln und Ängsten allein. „Statt Lösungen zu bieten, wie wir mit der Pandemie umgehen sollen, polarisiert er.“

Der Schwalmstädter Mediziner stellt klar: Bei Corona handele es sich keinesfalls nur um eine harmlose Grippe, sondern um eine Multisystemerkrankung: „Warum denn eine Impfung schwerer wiegen soll als eine schwere Erkrankung, die langwierige Folgen haben kann, ist mir ein Rätsel.“

Niemand wisse zur Zeit, wie die Impfung langfristig vertragen werde: „Aber wie schlimm die Verläufe von Covid-19 sein können, das weiß man doch nun ganz genau.“

Wer sich frage, ob eine Impfung für ihn in Frage komme, solle mit seinem Arzt sprechen.

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