Rückblick auf Denkmalpfleger Peer Zietz und sein Wirken

Peer Zietz aus Jesberg: Er war ein moderner Bewahrer

Professor Dr. Peer Zietz (Mitte) auf einer Baustelle in Homberg. Links Architekt Peter Grund aus Kassel, rechts Klaus Ganz aus Verna von der unteren Denkmalschutzbehörde des Landkreises.
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Interessierter und zugewandter Ansprechpartner: Professor Dr. Peer Zietz (Mitte) auf einer Baustelle in Homberg. Links Architekt Peter Grund aus Kassel, rechts Klaus Ganz aus Verna von der unteren Denkmalschutzbehörde des Landkreises.

Jesberg – An großen Auftritten lag ihm nichts. Dabei hätte Professor Dr. Peer Zietz als Bezirkskonservator beim hessischen Landesamt für Denkmalpflege viele Gelegenheiten gehabt, Aufheben um seine Person zu machen. Doch Zietz stand im Wortsinne eher hinter den Gebäuden, Häusern, Museen und Kirchen, die saniert wurden – er war jahrzehntelang der Fachmann und kompetente Ansprechpartner im Hintergrund.

Jetzt ist Peer Zietz Ende November völlig unerwartet im Alter von 64 Jahren an Herzversagen zu Hause in Densberg gestorben – ein Rückblick auf sein Wirken:

Was bleibt, ist die Erinnerung an einen Menschen, der dem Denkmalsschutz im Schwalm-Eder-Kreis und der Stadt Kassel eine neue Prägung gab. Zietz war kein Verfechter des puren Historismus, er war begeistert von der Moderne. Vielleicht lag es daran, dass er sich bei der Sanierung des Fritzlarer Hochzeitshauses den neuen Treppenturm gut vorstellen konnte, dass er bei der Neugestaltung des Klosters Haydau in Morschen neben der behutsamen Sanierung auch neue Akzente zuließ: Zietz wagte die Gratwanderung zwischen dem Bewahren der Tradition und den heutigen Ansprüchen wie Barrierefreiheit und Brandschutz.

Peer Zietz begeisterte junge Menschen für Denkmalpflege

Der Dozent und Honorarprofessor am Kunstgeschichtlichen Institut der Marburger Universität wollte Studierende, aber auch Bauherren für eine moderne, zeitgemäße, Denkmalpflege begeistern, hielt Vorträge, wollte zeigen, dass das Image der verstaubten Behörde längst veraltet und überholt ist.

Mit diesem Anspruch war der Beruf des Bezirkskonservators für den 64-Jährigen alles andere als ein ruhiger Schreibtischjob. 200 Kilometer auf dem Tacho waren am Ende eines Tages auf den Baustellen im Landkreis keine Seltenheit. Dabei gab es Projekte, deren Betreuung eine Dienstangelegenheit waren – und solche, die zur Herzenssache wurden. Das Besucherzentrum am Bergpark Herkules beispielsweise. Oder die Sanierung der Schirnen, der Engelapotheke und des Multifunktionshauses in Homberg oder des Hofgutes Baumbach in Großropperhausen. Auch das Wasserschloss in Nassenerfurth und die Villa am Rittergut in Malsfeld waren für ihn wichtige Projekte, sagt Klaus Ganz, früherer Kollege der Unteren Denkmalschutzbehörde.

Es gefiel ihm, wenn etwas Besonderes passierte. Wenn nicht nur die alte Fassade wieder in Ordnung gebracht, sondern das Haus mit Leben gefüllt wurde.

Beate Zietz

„Es gefiel ihm, wenn etwas Besonderes passierte“, sagt seine Frau Beate Zietz. „Wenn nicht nur die alte Fassade wieder in Ordnung gebracht, sondern das Haus mit Leben gefüllt wurde.“ Sein eigenes Leben war für Zietz, der 1957 in Osterode zur Welt kam, ein buntes, erfülltes. Seine Frau Beate hatte er früh durch einen Freund kennengelernt. Das Paar studierte – er Kunstgeschichte, sie Tiermedizin – und arbeitete in vielen Städten, fand dann in Densberg ein Zuhause für sich, für Tochter Constanze und für die Söhne Maximilian und Christoph. Alle drei sind heute erwachsen, leben in anderen Städten.

Doch auch wenn Densberg vielleicht nicht der Nabel der Welt ist, war es für Peer Zietz doch ein guter Ausgangspunkt, um diese Welt zu entdecken. Sehr gerne als Passagier auf einem der riesigen Containerschiffe, die über die Meere schippern. Aber auch beim Graben im heimischen Boden: Der archäologische Arbeitskreis Densberg war einer der wenigen Vereine, in denen der Kunsthistoriker als begeisterter Hobbyarchäologe mitarbeitete – neben Familie und Arbeit blieb nicht allzu viel Raum und Ruhe. Die fand er beim Angeln, Lesen und Lernen. Er hatte einen Englischkurs belegt, die amerikanische New York Times abonniert, sich damit die große weite Welt ins kleine Densberg geholt.

Ein einziges Mal hat er sich tatsächlich die große Bühne genommen, die ihm bei Empfängen, Einweihungen und Eröffnungen ungezählter Großprojekte geboten war – aber ohne Publikum. Bei der Sanierung des Staatstheaters Kassel nutzte er die Chance, einmal im Rampenlicht zu stehen, ohne gesehen zu werden: Er stieg auf die Bühne und rezitierte Goethes Gedicht „Über allen Wipfeln ist Ruh“ – vor leeren Rängen. Genau eine Woche vor seinem Tod hat er dort, im Staatstheater, mit seiner Frau Beate das Stück „Sein oder Nichtsein“ gesehen. Er war davon so begeistert, dass er sich die DVD im Internet bestellte. Der Film kam jetzt in Densberg an: Peer Zietz hat ihn nicht mehr gesehen.

Von Claudia Brandau

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