Im Schwalm-Eder-Kreis entstehen gerade viele Büros auf Zeit

Satellitenbüros sollen die Arbeitswelt nach Corona verändern

Eine Frau sitzt im Vordergrund konzentriert an einem Laptop im Hintergrund blättert ein Mann in einem Aktenordner
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Die Zeiten des eigenen Schreibtisches im Großraumbüro könnten gezählt sein: Mit der Coronakrise und dem Arbeiten von zu Hause könnte sich die Idee von gemeinschaftlich genutzten Satellitenbüros durchsetzen.

Die Coronakrise beschleunigt die Digitalisierung. Der Jesberger Mobilitätsberater Michael Schramek ist sich sicher, dass immer weniger Firmen große Räume am Firmensitz vorhalten werden – die Zeit sei reif für Satellitenbüros.

Schwalm-Eder – Die Arbeitswelt nach Corona wird eine ganz andere als vor der Krise sein. Davon ist Mobilitätsberater Michael Schramek aus Jesberg überzeugt. Denn: Die Pandemie habe viele Unternehmer und Mitarbeiter gelehrt, dass altes Denken überholt, neue (Arbeits-)Wege gefragt seien. „2020 könnte das Jahr werden, in dem ein Gegentrend zum Pendeln hervorgerufen wird“, sagt der 54-Jährige aus Jesberg.

Sein Mobilitätsberatungsunternehmen Eco Libro hat zusammen mit vier weiteren Partnern ein Projekt auf den Weg gebracht, mit dem er sich gerade beim landesweiten Wettbewerb „Mobilwandel 2035“ bewirbt: Im gesamten Landkreis, so die Idee, sollen so genannte Satellitenbüros entstehen. Diese vielen kleinen und größeren Mietbüros sollen Pendlern lange Wege zur Arbeit, hohe Fahrkosten und viel Lebenszeit im Auto ersparen.

Denn viele Arbeitnehmer müssten dann nicht – wie bisher üblich – weite Wege zum Firmenstandort zurücklegen, sondern könnten, ganz im Gegenteil, sehr kurze Strecken ins nächst gelegene Satellitenbüro in ihrem direkten Umfeld ansteuern. Das ist der Vorteil für den Arbeitnehmer. Der Vorteil für den Arbeitgeber: Firmen können dort Schreibtische und Arbeitsräume auf Zeit mieten, statt sie ganzjährig vorzuhalten.

„Was zu Jahresanfang für viele unvorstellbar war, ist heute längst selbstverständlicher Alltag und Realität“, sagt Michael Schramek. Seit dem Lockdown im März arbeiten so viele Menschen wie nie zuvor im Homeoffice, erledigen also Aufgaben und Besprechungen von zu Hause per Computer, Telefon und Video. Ohne dabei den Anschluss an Firma, Chefs und Kollegen zu verlieren.

Doch für eine gute Arbeit ist auch eine gute Arbeitsatmosphäre wichtig – und die ist im eigenen Zuhause oft nicht immer gewährleistet, nicht jeder Arbeitnehmer verfügt daheim über die entsprechende technische Ausstattung, ein stabiles schnelles Internet und noch dazu über Räume, in denen man über Stunden hinweg ungestört und konzentriert arbeiten kann.

All diese Ansprüche könnten sogenannte Satellitenbüros erfüllen: gemeinschaftlich genutzte Räume, die in leeren oder kaum genutzten Gebäuden in vielen Orten im ganzen Landkreis entstehen sollen.

Michael Schramek sieht darin ein ganzes Bündel von Vorteilen. Kurze Arbeitswege, weniger Pendlerströme, ein deutlich geringerer Schadstoffausstoß, Belebung vieler Orte, neue Nutzung von alten Immobilien wie leer stehenden Bankgebäuden. „Früher ist man wegen seines Jobs in die Stadt gezogen, heute nimmt man den Job dahin mit, wo man lebt. Ganz gleich, wo das ist“, sagt Schramek.

Die Satellitenbüros können von Investoren, Städten und Gemeinden errichtet und vermietet werden. Viele Kommunen reagierten sehr positiv auf das Projekt, das helfen soll, die Arbeitswelt auf innovative, intelligente und noch dazu klimaschonende Art umzukrempeln.

Zehn Städte und Gemeinden und drei Leader-Regionen hätten bereits die Absichtserklärung unterzeichnet, dass sie die Idee der Satellitenbüros unterstützen und weiterentwickeln werden. Die sollen, wenn es gut fürs Projekt läuft, und es sogar einen guten Platz im Wettbewerb belegt, irgendwann dicht gestreut sein. So dicht, dass diejenigen, die sich dann per App einen Schreibtischplatz im nächst gelegenen Büro sichern, den mit dem Fahrrad, zu Fuß oder auch mit einem Carsharingauto ansteuern können.

Michael Schrameks Mobilitätskonzepte setzen auf viele Faktoren – aber ganz bestimmt nicht auf den eigenen Wagen.

Das sind die Projektpartner

Fürs Projekt der Satellitenbüros hat Michael Schramek mehrere Partner ins Boot geholt: Neben der Mobilitätsberatung Eco Libro sind auch der Carsharing Experte Regio Mobil aus Jesberg, das Regionalmanagement Nordhessen und die Uni Kassel als wissenschaftlicher Partner beteiligt. Außerdem dabei ist die 2019 gegründete Genossenschaft CoWorkLand: Sie unterstützt bei der Gründung von gemeinschaftlich genutzten Büros im ländlichen Raum und schafft eine Buchungs- und Abrechnungsplattform. 

Von Claudia Brandau

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