Wachsende Kundenzahl - Immer mehr Kinder

Schwalm-Eder-Kreis: Tafeln in der Krise besonders wichtig

Nicht nur zum Essen: Peter Laukner zeigt, dass Spenden bunt sein können – wie hier die frischen Blumen.
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Nicht nur zum Essen: Peter Laukner zeigt, dass Spenden bunt sein können – wie hier die frischen Blumen.

Steigende Arbeitslosigkeit und zunehmend mehr Menschen unter der Armutsgrenze – die direkten Folgen der Corona-Pandemie werden immer deutlicher. Gerade in diesen Zeiten ist das Angebot der Tafeln im Schwalm-Eder-Kreis besonders wichtig.

Schwalm-Eder – „Nach dem ersten Lockdown im Frühjahr 2020 blieb die Zahl unserer Kunden ziemlich stabil, zum Jahresende kamen dann aber immer mehr Anfragen“, sagt Petra Schwermann, Leiterin des Diakonischen Werkes Schwalm-Eder. Dieses ist Träger der vier Tafeln in Homberg, Fritzlar, Melsungen und Schwalmstadt-Ziegenhain.

Besonders beunruhigend: Laut Schwermann ist der Anteil von Kindern und Jugendlichen in den Tafeln von 30 auf rund 40 Prozent gestiegen. „Während es 2020 wie im Vorjahr im Schnitt circa 2100 Kunden gab, ist der Anteil junger Menschen in den Tafeln spürbar gestiegen.“ Deswegen seien die Tafeln gerade jetzt von besonderer gesellschaftlicher Bedeutung. Es gebe derzeit nur noch wenige freie Plätze: 33 in Melsungen, einige wenige in Homberg und Fritzlar. In Schwalmstadt sind aktuell alle Kundenkarten vergeben.

Die Zahl der Mitarbeiter – fast ausschließlich Ehrenamtliche – hat von 280 in 2019 auf derzeit 224 aktive abgenommen. „Die meisten unserer Mitarbeiter sind Senioren und gehören damit zur Risikogruppe“, erklärt Schwermann. Deswegen würden einige von ihnen nun ganz oder phasenweise pausieren. Alle Tafeln, mit Ausnahme von Schwalmstadt, seien auf der Suche nach Nachwuchs. Gesucht sind freiwillige Helfer, gerne jüngere Rentner oder andere jüngere Personen, die längerfristig Zeit zur Mitarbeit haben. Möglich ist ein Einsatz in den Fahrerteams, im Sortierdienst oder in der Ausgabe.

„Die Spendenbereitschaft indes steigt wieder“, berichtet Schwermann. Zunächst noch rückläufig, seien die Spenden am Ende des Jahres wieder deutlich gestiegen. Dennoch ist die Tafel auf weitere Hilfe angewiesen. Benötigt werden immer Lebensmittel, aktuell auch Geldspenden zur Aufrechterhaltung des Betriebs unter den Hygieneregeln. In Homberg wird auch ein neues Fahrzeug gebraucht.

Keine Nachteile für Kunden

Mehr Personen – vor allem Kinder und Jugendliche – sind 2020 unter die Armutsgrenze gefallen. Das bekamen auch die Tafeln im Schwalm-Eder-Kreis zu spüren. Die wachsende Anzahl der Kunden und der zunehmende Anteil junger Menschen waren Anzeichen.

„Die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Corona-Pandemie und der damit verbundenen Maßnahmen sind nun deutlich wahrnehmbar“, sagt Peter Laukner, Koordinator der Homberger Tafel. Momentan steige stetig die Nachfrage an Kundenkarten. Das war im vergangenen Jahr nicht immer so. „Gerade nach dem ersten Lockdown kamen deutlich weniger Kunden zu den Nahrungsmittelausgaben.“ Einige von ihnen wären in der Zwischenzeit umgezogen, andere hätten schlicht die Wiedereröffnung der Tafel nicht mitbekommen. Das habe sich jedoch im Laufe des Jahres stabilisiert. Nun müsse er sogar Termine für Neuanmeldungen vergeben – den Interessierten werden Datum und Uhrzeit genannt, an dem sie sich anmelden können. Das diene auch der Einhaltung gängiger Abstandsregeln. Voraussetzung für die Anmeldung ist ein Nachweis, Sozialleistungen zu empfangen.

Immer mit Maske und auf Abstand: Mitarbeiterin Ursula Bock reicht die Lebensmittel an die Kunden.

Laukner ist froh über das Angebot, das die Homberger Tafel der Stadt und Umgebung momentan trotz strenger Kontaktbeschränkungen und Hygieneregeln anbieten kann. Immerhin habe die Tafel Insellage und sei für Homberg, Knüllwald und Borken zuständig. „Für unsere Kunden hat sich wenig geändert“, betont der 84-Jährige. So müssen sie zwar vor dem Eingang der Tafel Schlange stehen – nur zwei Kunden dürfen sich gleichzeitig in dem Einladen aufhalten – jedoch sei das Angebot an Lebensmitteln nahezu unverändert. „Es ist uns wichtig, dass in diesen schwierigen Zeiten keine Nachteile für unsere Kunden entstehen.“ Das würde man bisher auch erfolgreich hinbekommen – lediglich Molkereiprodukte und Wurstwaren seien von Zeit zu Zeit knapp, so Laukner.

Petra Schwermann, Leiterin des Diakonischen Werkes Schwalm-Eder, ergänzt, dass man zur Aufrechterhaltung der vier Tafeln im Kreis gerade jetzt auf weitere Spenden angewiesen sei. „Abstandsgebote, Hygienemaßnahmen und Luftfilterung führen zu erhöhtem Aufwand.“ Im Tafelbetrieb fielen täglich Masken, in einigen Fällen sogar Umbauarbeiten und zusätzliche technische Geräte an. Auch benötige die Tafel Homberg ein neues Fahrzeug. „Das nutzen wir häufig und sehr intensiv“, erklärt Laukner. Es diene dem Transport von Nahrungsmitteln vom Spender hin zum Lager im Einladen. „Toll wäre auch, frischen Nachwuchs zu bekommen“, so der Koordinator. „Viele unserer Mitarbeiter sind seit der Gründung der Tafel 2005 dabei.“ Die meisten von ihnen seien Rentner, in Einzelfällen auch Sozialpraktikanten und Jugendsozialarbeiter. Weiterzumachen und sich und die anderen dabei trotzdem zu schützen sei die große Herausforderung der Stunde, sagt Laukner.

Der wachsende Anteil an höheren Spenden zum Jahresende hin zeige das Bewusstsein der Menschen für die aktuell schwierige Lage vieler, betont Schwermann. Sie bedankt sich bei allen Spendern, Mitarbeitern und Kunden für ihr großes Engagement unter den zurzeit schwierigen Bedingungen in der Krise. (Raphael Digiacomo)

Ehrenamtliche holen ab und verteilen 

An den Tafeln in Homberg, Fritzlar, Melsungen und Schwalmstadt-Ziegenhain erhalten Inhaber einer Kundenkarte alle zwei Wochen an je zwei Tagen Nahrungsmittel, die von Geschäften gespendet und von ehrenamtlichen Mitarbeitern abgeholt, sortiert und verteilt werden. Um eine Kundenkarte zu erhalten, müssen Sozialleistungen erhalten und nachgewiesen werden. Erwachsene zahlen zwei mal je zwei Euro im Monat, für Minderjährige ist das Angebot kostenlos.

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