Keine Nachfolger gefunden

36 Jahre lang eine Institution: Dorflädchen in Rengshausen schließt

Johanna Kraft steht an der Tür ihres Dorfladens in Rengshausen und winkt.
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Sagt adé: Johanna Kraft schließt ab morgen den Dorfladen mitten in Rengshausen.

Die Regale sind fast leer und die Abschiedsgeschenke stapeln sich auf dem Tresen. Ein Kunde nach dem anderen kommt in das Dorflädchen nach Rengshausen, um sich von Johanna Kraft zu verabschieden und noch die letzten Besorgungen vor Ort zu machen. Die Türen des Geschäftes bleiben für immer geschlossen. Die Einzelhändlerin gibt den Laden auf.

36 Jahre war sie eine feste Institution im Ort. Im Laden bekam man alles für den täglichen Bedarf. Die Bäckerei Jordan war von Beginn mit von der Partie, eine Fleischabteilung auch. Zuletzt belieferte die Metzgerei Ganß aus Dagobertshausen das Geschäft mit frischen Produkten. „Bis Corona gab es dort die leckersten belegten Brötchen“, sagt Ortsvorsteher Werner Knierim. Johanna Kraft stand Tag für Tag im Laden – orderte, sortierte, kassierte und sprach mit den Kunden. Die beiden Mitarbeiterinnen Iris Ellenberger und Michaela Genuit unterstützten sie dabei.

Ein Schicksalsschlag zu Beginn hatte den Start erschwert. Ende 1984 hatte das aus Kirchhain kommende Ehepaar Johanna und Horst Kraft das Haus in Rengshausen gekauft, um sich selbstständig zu machen. Kurze Zeit später verunglückte der Metzger Horst Kraft tödlich. Johanna Kraft stand mit einem Ladenkonzept und drei kleinen Kindern in einem für sie noch recht fremden Rengshausen allein da. Das sei ein Kraftakt gewesen, den sie zu bewältigen hatte. „Ich hätte damals wieder alles verkaufen und einen anderen Weg gehen können“, sagt sie. Doch sie verfolgte den gemeinsamen Plan alleine weiter. Der Laden wurde für sie zu einem wichtigen Platz in ihrem Leben. Und für die Rengshäuser war sie die Seele im Dorf-Mittelpunkt.

Bis in die 1990er-Jahre boomte der Tourismus. Rengshausen war ein lebendiger Ort. Feriengäste kauften Getränke, Obst und Zeitungen. Die Jungen vom Beiserhaus versorgten sich mit Süßigkeiten und Zigaretten. Lotto und Post waren lange Zeit fester Bestandteil. Zuletzt hat Johanna Kraft Bargeld über ein Cash-System ausgezahlt, weil beide Banken im Ort geschlossen wurden. Die Schüler der Grundschule kamen gern vorbei. „Das Sortiment habe ich immer den Bedürfnissen angepasst“, sagt sie. Edeka und Spar belieferten sie einst, in den letzten Jahren war der Laden unabhängig. „Ich hatte viele treue Stammkunden.“ Mancher, der auf seiner Tour zur Arbeit an Rengshausen vorbei fuhr, huschte schnell ins Lädchen, um sich zu verpflegen. Einer davon bezahlt gerade und bedauert die Ladenschließung sehr.

Nach einem Unfall der Eigentümerin war das Geschäft seit 2018 nur vormittags geöffnet. Daran hätten sich die Kunden gewöhnt. Jetzt aber müssen sie sich ganz umorientieren. Johann Kraft hat das Haus mit dem Laden verkauft. Der Nachfolger hätte zwar Interesse am Betrieb eines Ladens gezeigt, aber keine richtige Lösung gefunden. Kraft will in Rengshausen bleiben und hat sich eine Wohnung gemietet. Sie möchte ihr Leben nun ein bisschen mehr genießen.

„Der Laden wird uns fehlen“, sagt Ortsvorsteher Werner Knierim. Ob der Bürgerbus Rengshausen anfahren wird, müsse sich zeigen. Bisher gebe es viele Ältere, die noch Auto fahren könnten. Andere würde von Verwandten zum Einkaufen gefahren. (Christine Thiery)

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