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Krieg in der Ukraine: Theologen über die Kraft des Gebets

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Von: Maja Yüce

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Ein Mensch faltet seine Hände zum Gebet
Ein Mensch faltet seine Hände zum Gebet © Jens Schulze

Der Krieg in der Ukraine erfüllt viele Menschen mit Angst und großer Sorge. Im Angesicht von Kriegen und Krisen Gebete zu sprechen – das beruhigt die Seele. Am 4. März ist Internationaler Weltgebetstag: Ein Gespräch über die Kraft des Gebets.

Fritzlar-Homberg – Von überall steigen in diesen Tagen Friedensgebete in den Himmel, kommen Mensch mit der Sehnsucht nach Frieden zusammen: Die evangelische Pfarrerin Doreen Göbel und der Dechant im Dekanat Fritzlar, Simon Graef, über den Glauben, Krisenzeiten und Hoffnungszeichen.

Schon kurz nach Ausbruch des Krieges haben die Kirchen Angebote zu Friedensgebeten gemacht. Warum wird gerade in Krisenzeiten gebetet?

Simon Graef: Beten verbindet Menschen aus allen Schichten der Gesellschaft. Beten heißt „Bitten“ und in jeder Krise hat jeder Mensch Sorgen, die er weitergeben möchte. Das Gebet ist ein Weg, das individuell, und auch besonders in Gemeinschaft zu tun. Im Übrigen ist Beten kein exklusives Recht der Christen, das kann jeder.

Doreen Göbel: In Krisenzeiten wird uns die eigene Hilflosigkeit und Handlungsunfähigkeit bewusster. Wir ringen um Worte, Angst lähmt uns. Da ist das erste oft ein Stoßgebet: „Oh Gott!“ Es eröffnet Raum für alle unsere Ängste, Wut, Verwirrung. Und hat sich mein Herz erst mal Luft gemacht, ist da auch wieder Platz für klare Gedanken. Für Zukunftsträume – Hoffnung.

Was möchten Sie den Menschen bei den Friedensgebeten mitgeben?

Graef: Du bist nicht allein. Wenn viele, möglichst alle, zusammen stehen, hat kein Aggressor dieser Welt eine Chance. Beten kann auch befreien. Ich muss nicht alles selbst tun, kann mich tragen lassen von Gott und den Gebetswünschen der anderen. Die Teilnahme hilft gegen das Gefühl der Machtlosigkeit. Wir sind nicht schutzlos, sondern stark in der Verbindung mit Gott. Göbel: Gottes Segen. Verbunden mit seiner Zusage des Friedens. Es verändert uns zu wissen, dass wir Gesegnete sind. Mit Gottes Kraft beschenkt. Mit Mut und Ideen in dieser Welt zu wirken. Vieles liegt nicht in unseren Händen, aber wo wir gemeinsam für das Gute einstehen, da wird es immer größer. Ganz sicher.

Was für ein Zeichen soll von Friedensgebeten ausgehen?

Göbel: Wir wollen Frieden! Darum beten wir. Dafür stehen wir gemeinsam ein. Von überall steigen Friedensgebete in den Himmel, kommen Mensch mit der Sehnsucht nach Frieden zusammen. Ich sehe Bilder von miteinander betenden Menschen in den U-Bahn-Stationen in Kiew. Ich weiß: Auch aus Russland steigen Gebete des Friedens zu Gott. Wir Friedensuchenden sind viele und nicht allein.

Gott weiß doch schon alles: Warum sollte man überhaupt beten?

Göbel: Mag sein, dass ich weiß, dass Krankheit, Kinderwunsch, Streit, mein Gegenüber belastet. Weil er oder sie oft davon redet. Dennoch: Wenn ich liebe, höre ich zu. Frage nach. Mein Gegenüber spürt: Ich sehe dich. Ich nehme deine Sorgen ernst. Ich bin für dich da. Für mich ist Gott genau dieser Freund, der mir gegenüber sitzt, lächelt und sagt: „Verliere nicht den Mut. Gemeinsam schaffen wir das.“ Graef: Es stimmt, der Allmächtige braucht unser Gebet nicht, aber wir Menschen brauchen das Gebet. Es ist ein Zeichen des Vertrauens, wir trauen Gott zu, dass er uns helfen kann und wird.

Sollte Beten immer in der Kirche stattfinden?

Göbel: Gebete sind nie an Orte gebunden. Morgens im Schulbus, beim Spaziergang mit dem Hund, bevor ich an eine Tür klopfe, vor einem Gespräch, abends im Bett: Überall ist Platz für ein Gebet. Manchmal braucht es einen besonderen Rückzugsort. Für viele ist dies eine Kirche. Die Ruhe dort hilft mir, mich zu sammeln. Graef: Beten kann ich überall. Der Heilige Mönchsvater Benedikt geht sogar soweit, von einem durchbeteten Leben zu sprechen. Das bedeutet: Jedes Tun kann Gebet sein, wenn es in dem entsprechenden Geist geschieht. In meiner Zeit im Ausland habe ich gern auf den langen Rolltreppen gebetet. Man steht gefühlt zehn Minuten ungestört und kann so seine Gedanken vor Gott bringen. Oder im Wald, dort wird die Verbindung mit der Schöpfung und allem was lebt, besonders spürbar.

Wie wirken sich Krisen wie Corona und Krieg auf Glaube und Kirche aus?

Graef: In allen Lebensbereichen sind Krisen wie ein Brennglas: Sie bedrohen unser Leben unmittelbar. Krankheit, Naturkatastrophen und Kriege zeigen die Endlichkeit unseres Lebens schonungslos auf. Wo es gelingt, dass der Glaube und die Kirche helfen können mit der Gefahr umzugehen und Halt geben in einer Welt, die aus den Fugen geraten ist, wird Glaube stärker und Kirche wachsen. Dafür muss man nicht auf alles eine Antwort haben. Ehrlichkeit und Vertrauen auf Gott sind wichtig. Doch ein Glaube, der zu nichts nutzt, wird nutzlos.

Gemeinschaft zu leben ging während der Coronapandemie nicht immer.

Göbel: Da hat Corona uns vor besondere Herausforderungen gestellt. Aber auch da haben wir neue Wege entdeckt. Die tragen. Auch jetzt. Menschen rücken näher zusammen. Kirchen bieten dafür besonderen Raum. Gerade im gemeinsamen Gebet. Das wissen die Menschen sehr zu schätzen.

Es gibt den Spruch „Not lehrt beten“ – stellen Sie eine stärkere Zuwendung zu Glaubensinhalten fest?

Göbel: Ich merke, dass Gespräche in diesen Tagen viel mehr Raum brauchen. Ein älterer Herr sagte mir nach dem Gottesdienst: „Ich habe den Krieg als Kind erlebt und jetzt wieder…“ Mehr Worte brauchte es nicht. Auch Jugendliche sprechen offen über ihre Ängste mit mir. Ich denke, es gibt vor allem eine stärkere Suche nach einem Raum, wo dafür Platz ist. Und den finden Menschen in der Kirche und im Gebet. Graef: Not wirkt auf jeden Menschen anders. Manche Fragen sich „Wie kann Gott das zulassen?“ Dies kann zu einer völligen Abwendung und Ablehnung jedes Glaubens führen. Es kommt darauf an, wem man in einer Notsituation begegnet. Nimmt mein Gegenüber meine Sorgen ernst oder wird oberflächlich mehr Glaubensstärke eingefordert.

Kann Beten bei der Suche nach Lösungen helfen?

Graef: Wer im Gebet schnelle Lösungen erwartet, kann schnell enttäuscht werden. Beten ist ein Prozess, der Veränderung bewirkt und die beginnt, durch Gott bewirkt, bei mir selbst. Das muss ich als Betender zulassen und wollen, nur dann finde ich im Glauben Halt und Trost.

Was sagen Sie Menschen, die sagen, Gott antwortet gar nicht?

Göbel: Gott antwortet. Vielleicht nicht immer so, wie du es dir wünschst. Nicht so klar, wie du es gerade erwartest. Manchmal zeigt sich Gottes Antwort erst im Rückblick oder in der Begegnung mit einem Menschen, der dir gutgetan hat oder indem du dich für einen Weg entscheidest. Augen und Ohren offenhalten: Gott hat schon immer wundersamste Wege gewählt, um uns zu antworten. Graef: Beten ist nicht wie im „Star Wars“-Film – die „Macht“ lässt die Kugel über den Tisch schweben oder die Ruinen des zerstörten Gebäudes fliegen von selbst zurück in die richtige Position. Gott antwortet oft anders, als ich es erwarte. Ein altes Sprichwort sagt: Wem Gott eine Tür zuschlägt, dem öffnet er ein Fenster. Im Bild gesprochen: Das Fenster ist an anderer Stelle als die Tür. Um hindurch zu kommen, muss ich etwas tun. Hochklettern, vielleicht die Scheiben putzen, um die Lösung zu sehen. Mit anderen Worten – offen und bereit für neue Wege sein.

Wie erklären Sie Kindern das Beten?

Göbel: Beten ist reden mit einem allerbesten Freund. Einer, der dich genau kennt und immer zuhört. Dem du wirklich alles sagen kannst und der Zeit für dich hat. Graef: Beten ist mit Gott zu telefonieren. Wie am Telefon kann ich ihn nicht sehen. Die Telefonnummer ist das Kreuz-Zeichen, damit beginnt mein Telefonat. Dann kann ich in Gedanken oder auch laut sagen, was mich bedrückt und wofür ich danken möchte. Wenn mir die Worte fehlen, kann ein fertiges Gebet helfen. Wenn ich fertig bin, lege ich auf – das zweite Kreuz-Zeichen ist sozusagen die Ende-Taste. Zugegeben, für Kinder, die mit Smartphone groß werden, stimmt das nicht mehr so ganz.

Können Sie auch unerfahrenen erwachsenen Betern eine Hilfe geben?

Göbel: Probier es aus. Du hast nichts zu verlieren. Vielleicht fehlen dir eigene Worte und du weißt nicht, wie du beginnen sollst. Dann leih sie dir von denen, die Worte gefunden haben. Der 23. Psalm „Der Herr ist mein Hirte“ hat viele Bilder, die Menschen Kraft geben. Das ‚Vater Unser’ ist das Gebet, das alle Christen verbindet. Graef: Sind wir nicht alle Gottes Kinder? Also gilt, wenn wir ehrlich sind, das gleiche wie für Kinder. Ich selbst mache es bis heute so. Es gibt kein richtig oder falsch. Man darf mit Gott schimpfen, ihm so richtig die Meinung sagen. Aber ebenso wichtig: Was war gut? Was ist gelungen? Für mich gehört das zusammen, denn mit nur einem Ruder dreht sich das Boot im Kreis.

Dann ist beten wie ein Gespräch mit Gott?

Göbel: Ja, ganz sicher. Es vertieft meine Beziehung zu Gott, weil ich mir bewusst Zeit nehme. Ein Moment des Innehaltens zwischen Gott und mir –das tut einfach gut. Auch, weil er noch Licht sieht, wo für mich scheinbar alles dunkel ist. Graef: Natürlich! Ich erzähle ihm von meinem Leben. Beten ist aber ebenso hören auf Gott. Zugegeben, das ist der schwierigere Teil und gelingt nicht immer. Denn Gott antwortet mit dem, was mir im Alltag begegnet und durch Menschen, die mir etwas sagen. Gott redet auch in der Stille, wir alle kennen Geistesblitze und gute Einfälle.

Verändert Sie das Beten?

Göbel: Beten hilft mir in Worte zu fassen, was mir durch den Kopf wirbelt und mich manchmal verrückt macht. Ich fange an mich auf das zu konzentrieren, was ich fassen kann. Ich spüre, wie ich innerlich zur Ruhe komme. Das ist wie ein Ausruhen der Seele. Kraftschöpfen. Ich fühle mich nicht mehr so hilflos, spüre: Ich werde getragen, komme was mag. Graef: Das wünsche ich mir. Im Gebet wird das eigene Leben reflektiert. Damit ändert sich die eigene Haltung und soll eine Offenheit für das wirkliche Leben entstehen. (Maja Yüce)

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