Kritik an ärztlichem Bereitschaftsdienst: Gebiet ist zu groß

Gute Versorgung, hoher Aufwand: Der Rettungsdienst wird immer häufiger gerufen, nicht immer handelt es sich tatsächlich um Notfälle. Archiv-Foto:  Malmus

Schwalm-Eder. Rettungswagen und Notärzte im Landkreis müssen immer häufiger ausrücken. Die Zahl der Notfalltransporte ist seit 2012 jährlich um 1000 Fälle gestiegen. 

Diese Entwicklung scheint anzuhalten. 2014 gab es 18.016 Einsätze, im ersten Quartal 2015 waren es 5000. Die Leitstelle des Landkreises koordiniert die Einsätze.

Für den Ersten Kreisbeigeordnete Winfried Becker ist für diese Entwicklung auch der neue Ärztliche Bereitschaftsdienst (ÄBD) verantwortlich. Für die medizinische Versorgung außerhalb der Sprechzeiten der niedergelassenen Ärzte sind Zentralen in Fritzlar, Melsungen und Schwalmstadt eingerichtet worden. Anrufe von Patienten unter der einheitlichen Nummer 116117 landen bei der Dispozentrale der Kassenärztlichen Vereinigung.

Wegen langer Wartezeiten beim ÄBD würden Patienten immer häufiger gleich die 112 für den Rettungsdienst anrufen, sagt Becker. Zu Notfällen müssten dann Rettungswagen von weiter her gerufen werden. Wie häufig das vorkommt, lässt sich mit Zahlen aber nicht belegen. Einen Zusammenhang zwischen längeren Wartezeiten bei den Ärztlichen Bereitschaftsdiensten und vermehrten Einsätzen des Rettungsdienstes sieht Petra Bendrich nicht. Sie ist Sprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung.

Die Zahl der Einsätze von Rettungswagen und bei den ärztlichen Notdiensten könnte verringert werden, wenn Patienten bei jedem Arztkontakt zahlen müssten. Das hatte kürzlich die Ärztevereinigung Hartmannbund angeregt.

Dieser Vorschlag bringe nichts, meint hingegen der Erste Kreisbeigeordnete Winfried Becker. Die Fallzahlen ließen sich dadurch nicht reduzieren, erklärte er gegenüber der HNA.

Erneut kritisierte er jedoch die Struktur des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes (ÄBD) und die Größe der gewählten Bereiche. Vor allem das Einzugsgebiet des ÄBD im Kreisteil Fritzlar-Homberg sei zu groß, meint Becker. „Mit der Situation bin ich unzufrieden“, fügte er hinzu.

Eine weitere ÄBD-Zentrale, beispielsweise in Homberg, wäre seiner Ansicht nach sinnvoll. Becker erneuerte auch seine Forderung, die eingehenden Anrufe der Patienten bei der Leitstelle Schwalm-Eder, statt bei der Dispozentrale des ÄBD auflaufen zu lassen. Auch in der Leitstelle stünden gut ausgebildete Rettungsassistenten zur Verfügung, die sich im Landkreis gut auskennen.

Veränderungen im Zuschnitt oder in der Struktur des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes schließt Petra Bendrich, Sprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung, derzeit aus.

Die Finanzierung der Rettungsleitstellen erfolge über die Kommunen und sei defizitär. Bendrich: „Daher würden sie sie gerne mit dem ÄBD zusammenlegen.“

Die Anzahl der Rettungsdienst-Einsätze sei zwar gestiegen, prozentual habe der Ärztliche Bereitschaftsdienst daran aber keinen höheren Anteil. Initiativen, um Fehl- oder Doppeleinsätze des Rettungsdienstes abzubauen, seien dringend erforderlich. Die Zahl der teuren Notarzteinsätze steige jährlich, weil die Vorgaben der Rettungsdienstleitstellen eine inflationäre Zahl von Begründungen für Blaulichteinsätze lieferten. Das führe bundesweit zu mehr Rettungsdiensteinsätzen, unabhängig von der Arztdichte oder der Organisation des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes.

Die Rettungsdiensteinsätze seien sehr teuer und bei minderschweren Erkrankungen absolut nicht sinnvoll, denn ein Notarzt behandele nicht, er stabilisiere und transportiere Patienten.

Die Krankenkassen, bei denen die ebenso steigenden Kosten auflaufen, sehen den demographischen Wandel als einen Treiber. Auch das Alarmierungsverhalten der Menschen spiele eine Rolle, erklärte Riyad Salhi, Sprecher der AOK Hessen. Es handele sich nicht immer um Notfälle.

Das Bereitstellen und der Einsatz eines Rettungswagens sind aufwändig und teuer. Damit das Fahrzeug rund um die Uhr starten kann, sind nach Angaben des Landkreises sieben Rettungsassistenten nötig.

Die Kosten schlüsseln sich wie folgt auf:

• 435,50 Euro für den Rettungswagen inclusive Leitstellengebühr.

• Rückt zusätzlich ein Notarzt mit aus, kostet das weitere 608,70 Euro. Davon entfallen 270 Euro auf den Arzt, 303 Euro auf das Vorhalten des Fahrzeugs sowie des Fahrers sowie 35,70 Euro auf die Leiststellengebühr.

Die Patienten bekommen davon nichts mit, weil die Krankenkassen direkt mit den Rettungsdiensten abrechnen.

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