Schaden von 100.000 Euro

Lange Haft für Reifendieb: Amtsgericht verurteilt 40-Jährigen

Kassel. Weil er geholfen haben soll, Reifen im Wert von über 100.000 Euro zu stehlen, ist am Dienstag ein Mann aus Polen in Kassel verurteilt worden.

Wegen Diebstahls in neun Fällen, darunter zwei Versuche, hat das Amtsgericht Kassel einen 40-jährigen polnischen Staatsangehörigen zu einer Gesamt-Freiheitsstrafe von drei Jahren und drei Monaten verurteilt. Der Haftbefehl vom Herbst vorigen Jahres bleibt bestehen. Der Verurteilte muss die Kosten des Verfahrens tragen.

Zwölf Fälle von Reifendiebstahl in großem Stil hatte die Staatsanwaltschaft angeklagt. Der 40-Jährige soll von Juni 2013 bis Oktober 2014 bei Autohäusern in Fritzlar, Melsungen, Kassel, Fuldatal und Witzenhausen Reifen-Komplettsätze im Gesamtwert von mehr als 100.000 Euro entwendet haben. Mit anderen, nicht ermittelten Tatbeteiligten soll er die Reifen zum Weiterverkauf nach Polen transportiert haben.

Nach vier Verhandlungstagen forderte Staatsanwältin Ingrid Richter vier Jahre Freiheitsstrafe, der Anwalt Christoph Röcher „wegen großer Zweifel” und fehlender Belege einen Freispruch.

Das Gericht hatte drei Beweisanträge des Anwalts abgelehnt, wonach die Mutter und ein Freund den Angeklagten entlasten sollten. Sie sollten bezeugen, dass er an Tat-Tagen seine kranke Tochter, die später verstarb, aus der Klinik geholt beziehungsweise das Grab gepflegt habe.

Staatsanwältin Richter wies gestern darauf hin, dass der Angeklagte auf einem Wagenheber und Handschuhen DNA-Spuren hinterlassen habe und die Ermittlungen der Polizei eindeutig zum Handy des Mannes geführt hätten, das er bei den Diebstählen benutzt habe. Belege, wonach er an den Tat-Tagen in Polen war, nannte die Staatsanwältin Gefälligkeits-Bescheinigungen. Es sei ihm nicht gelungen, ein Alibi zu beschaffen.

Weitere Mittäter seien leider nicht ermittelt worden, sagte die Staatsanwältin. An einem deutsch-polnischen Grenzübergang habe man im Auto des 40-Jährigen Reifen gefunden, die tags zuvor in Melsungen gestohlen worden waren. Da es sich um schwerwiegende Straftaten mit hohem Schaden handele, müsse die Gesamt-Freiheitsstrafe abschrecken.

„Es sind lediglich Indizien”, sagte Anwalt Röcher zu den Vorwürfen. Es gebe mehrere offene Fragen, auch andere Personen hätten DNA-Spuren hinterlassen. Relativ früh habe man sich ohne detaillierte Beweise auf seinen Mandaten eingeschossen, ohne zu beweisen, „wo die Summe von 100.000 Euro denn hingegangen ist”. Röcher kritisierte Polizei und Staatsanwaltschaft, die viele Fragen nicht geklärt und nichts Entlastendes für seinen Mandanten ermittelt hätten. Auch nach der Festnahme des Mannes seien die Diebstähle weitergegangen.

Das Gericht gehe von Mittätern aus, sehe aber keinen schweren Bandendiebstahl, sagte der Vorsitzende Richter. Der Täter sei rücksichtslos vorgegangen und „koordinierend und anleitend tätig gewesen”.

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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