Luft nach oben bei Radwegen

ADFC-Fahrradklimatest: So haben Fritzlar, Niedenstein und Gudensberg abgeschnitten

Besonders fahrradfreundlich sind die Städte Fritzlar, Niedenstein und Gudensberg nicht, so das Ergebnis des ADFC-Fahrradklimatests 2020, dessen Ergebnisse jetzt vorliegen.
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Besonders fahrradfreundlich sind die Städte Fritzlar, Niedenstein und Gudensberg nicht, so das Ergebnis des ADFC-Fahrradklimatests 2020, dessen Ergebnisse jetzt vorliegen.

Zum neunten Mal fand 2020 der ADFC-Fahrradklimatest statt. Nun ist die Auswertung da: Fritzlar und Niedenstein sind dabei erstmals bewertet worden – Gudensberg verbesserte sich leicht im Vergleich zum Jahr 2018.

Die Städte Gudensberg, Fritzlar und Niedenstein haben in Sachen Fahrradfreundlichkeit noch Nachholbedarf. Das zumindest sagen die aktuellen Bewertungen des Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) in seinem Fahrradklima-Test 2020. Gudensberg erreichte die Note 3,37, Niedenstein die Note 4,26 und Fritzlar schnitt mit der Note 4,3 ab. Bewertet wurde nach dem Schulsystem von Note 1 (sehr gut) bis 6 (ungenügend). Damit rücken die Kommunen bundesweit ins hintere Feld der getesteten Städte unter 20 000 Einwohnern.

Dabei ist die Aussagekraft des Tests diskutabel – wenige Menschen nahmen an dem Fahrradklimatest 2020 teil: In Gudensberg waren es 57, in Fritzlar 56 und in Niedenstein 66 Personen. Die ADFC-Ortsgruppe Chattengau übt dennoch scharfe Kritik und fordert vor allem für Fritzlar und Niedenstein den beschleunigten Ausbau des Radwegenetzes mit Fördergeld des Bundes, des Landes und des Landkreises. Ein Überblick.

ADFC-Fahrradklimatest 2020: So schneidet Gudensberg ab

Hessenweit steht Gudensberg deutlich besser da, als im bundesweiten Vergleich. Die Kommune landet landesweit auf Platz 6. Und schneidet damit deutlich besser ab als Niedenstein (Rang 49) und Fritzlar (Rang 51) von 57 teilnehmenden Kleinstädten und Gemeinden in Hessen.

Positiv bewertet wurden die Breite der Radwege, sowie das Sicherheitsgefühl der Radfahrer. Abstellanlagen und die Wegweisung für Radler wurden hingegen bemängelt. Die positivere Bewertung Gudensbergs komme nicht von ungefähr, weiß Ullrich Horstman, Sprecher der ADFC-Gruppe Chattengau. Einmalig für die Region sei beispielsweise der beidseitige Radschutzstreifen am Schwimmbadweg zwischen Gudensberg und Maden.

So einen Radschutzstreifen würde es auch an der Ederbrücke in Fritzlar geben. „Aber eben nur einseitig, was dort für Unsicherheit beim Radfahrer sorgt“, so Horstmann. Ein weiterer Vorteil in Gudensberg: „In den Stadtteilen gibt es einen Winterdienst – das macht Radfahren zu allen Jahreszeiten sicherer.“

Zu Loben sei außerdem, dass der Radweg von Gudensberg nach Obervorschütz (nähe Golfplatz) der Kreisstraße angepasst wurde – zuvor mussten Radfahrer ihr Rad eine Treppe hochschieben. „Diese wurde beseitig. Man merkt, die Stadt versucht einige Schwachstellen zu beseitigen“, so Horstmann.

Im Gudensberger Rathaus stößt die Bewertung auf Verständnis: „Das Gute ist: Unsere Stadtteile sind zum Teil mehrfach an das Radwegenetz angebunden und wir sind gerade dabei, die überregionale Radwegebindung zu verbessern. Ein Beispiel wäre der Radweg in Richtung Fritzlar“, sagt Gudensbergs Bürgermeister Frank Börner. Eine Verbindung nach Holzhausen wäre aus Sicht der Stadt ebenfalls wünschenswert. Nun gibt es aber auch Mängel, weiß auch Börner. „Wir arbeiten noch an der Verbesserung der Radwege in der Innenstadt“, sagt er. Das Verkehrskonzept der Stadt soll im Frühsommer vorliegen, eine inhaltliche Diskussion im Parlament ist dann in der zweiten Jahreshälfte geplant.

ADFC-Fahrradklimatest 2020: So schneidet Niedenstein ab

Weniger gut sehe es in Niedenstein aus. Dort sei wenig bis gar nichts in den vergangenen Jahren passiert, kritisiert Horstmann. Das ist auch das Ergebnis des Klimatests: Die Teilnehmer bemängeln dort vor allem die fehlende Fahrradförderung. Der ADFC hat im Winter ein Radverkehrskonzept für Niedenstein entwickelt, motiviert durch die Initiative Radentscheid Niedenstein. Diese Initiative sammle gerade noch Unterschriften für den Radentscheid. „Und unser Konzept soll bald übergeben werden. Eventuell geschieht dies vor einer der nächsten Sitzungen der Stadtverordneten“, so Horstmann weiter.

Wichtig sei aus Sicht des ADFC vor allem ein Radweg nach Gudensberg durch einen Lückenschluss bei Metze. Das könne durch einen Wirtschaftswegeausbau und ein kurzes Stück Radwegeneubau an der Landesstraße 3220 realisiert werden, erklärt Horstmann. Auch eine Verbindung zwischen Wichdorf und Kirchberg sei eine Forderung aus der Bevölkerung, die das Konzept mit auf den Weg gebracht habe. Dafür müssten Wirtschaftswege ausgebaut und ein Wegstück angelegt werden.

ADFC-Fahrradklimatest 2020: So schneidet Fritzlar ab

Für die Domstadt existiert bereits ein Radverkehrskonzept. Das ist 2019 vom ADFC mit Bürgern erarbeitet und im Mai 2020 dem Bürgermeister und den Fraktionen übergeben worden, erklärt Horstmann. Doch konkrete Initiativen seien nicht erwachsen. Dabei sind die Forderungen konkret definiert. Wünschenswert sei vor allem eine bessere Anbindung an die Innenstadt – das ist auch negativ im Fahrradklimatest bemerkt worden.

Weitere Forderungen seien: Der vorhandene Weg an den Landesstraßen 3424/3150 und dem Wohngebiet Roter Rain soll durchgängig auf 2,5 Meter ausgebaut und als Radweg ausgewiesen werden. Außerdem: In der Kasseler Straße sollte das Radfahren auf dem Gehweg erlaubt sein, genau wie am Hospital.

Kontakt: Ullrich Horstmann, uhorstmann@adfc-hrse.de.

ADFC kritisiert Städte bei der Umsetzung – Hessen Mobil berechnet für Radwegebau mindestens zwei Jahre

Die Verantwortung für den Radwegebau liegt zum Großteil bei den Städten und Gemeinden selbst – oft in Absprache mit der Verkehrsbehörde Hessen Mobil. Darüber hinaus ist Hessen Mobil aber für die Radwege an Bundes- und Landesstraßen zuständig.

Ein Radwegebau erfordert Geld, Planung und Baurecht. Zwar fördert das Land den Radwegebau finanziell über die Förderrichtlinie Nahmobilität, doch das hilft nicht allein. Denn die Planung eines neuen Radwegs kann unter Berücksichtigung des notwendigen Baurechts zwei bis sechs Jahre dauern. Deshalb ist eine zügige Umsetzung eines Radverkehrskonzept, wie es der ADFC in Fritzlar beispielsweise wünscht, nicht immer möglich. „Selbst bei günstigen Voraussetzungen und einem vereinfachten Baurechtsverfahren ist erfahrungsgemäß für den Planungs- und Genehmigungsprozess eines Radweges von nicht weniger als zwei Jahren auszugehen. Sofern ein Planfeststellungsverfahren zur Erlangung des Baurechtes erforderlich wird, muss mit einem Zeitraum von mindestens fünf Jahren gerechnet werden“, heißt es dazu von Hessen Mobil.

Zur Umsetzung des Radverkehrskonzept in Fritzlar heißt es vom ADFC-Chattengau: „Die Corona-Zeit hat viele Menschen neu auf das Rad gelockt – und wir wollen, dass sich auch die Neuaufsteiger auf dem Rad wohl und sicher fühlen.“ Leider sei das im nördlichen Landkreisteil nicht immer der Fall. Insgesamt werde dem Radverkehr ein zu geringer Stellenwert beigemessen, so dass Wege für Radfahrer ganz fehlen, eine zu geringe Breite oder eine schlechte Oberfläche haben.

Dabei ließe sich teilweise schon mit kleineren Maßnahmen im Bereich der Änderung von Beschilderungen, die Ergänzung der Wegweisung und das Aufstellen sicherer Abstellanlagen die Situation deutlich verbessern. Beispiele wären die konsequente Ahndung von Falschparkern auf Radwegen oder mehr Tempo 30, so Horstmann. Der Bund und das Land hätten mit dem Sonderprogramm „Stadt und Land“ beziehungsweise dem Programm „Nahmobilität“ ausreichend Mittel dafür zur Verfügung gestellt, so Horstmann.

Rund 230 000 Radler aus über 1000 Kommunen stimmten mit ab

Der ADFC-Fahrradklima-Test ist eine der größten Befragung zur Zufriedenheit der Radfahrenden weltweit. Initiator ist der Fahrradclub ADFC, der den Test alle zwei Jahre mit Unterstützung des Bundesverkehrsministeriums erstellt. Im Jahr 2020 fand der Test zum neunten Mal statt. Rund 230 000 Radfahrer in über 1000 Städten und Gemeinden haben bei diesem Durchgang abgestimmt. Allein in Hessen 108 Kommunen mit weniger als 20 000 Menschen, davon waren 15 Prozent ADFC-Mitglieder. Bei den insgesamt 27 Fragen ging es unter anderem darum, ob man sich auf dem Rad sicher fühlt, wie gut die Radwege sind und ob die Stadt während der Corona-Pandemie das Fahrradfahren besonders fördert. Damit fundierte Ergebnisse erzielt wurden, mussten in kleineren Kommunen mindestens 50 Abstimmungsergebnisse vorliegen. Die Ergebnisse des Tests hätten durch „die breite Bürgerbeteiligung hohe Aussagekraft und können Kommunen helfen, das Angebot für Radfahrende gezielt zu verbessern“, heißt es dazu vom ADFC. Die detaillierten Ergebnisse des Tests 2020 sind zu finden unter: fahrradklima-test.adfc.de. 

Das sagen Fritzlars und Niedensteins Bürgermeister zu den Bewertungen des ADFC-Klimatests

Die Topografie Niedensteins fordere nicht gerade zum Fahrradfahren auf, sagt Bürgermeister Frank Grunewald. Besonders die Ortslagen von Ermetheis und Niedenstein seien schwierig zu erschließen. Dennoch ist der Niedensteiner Bürgermeister froh, dass es – auch durch einen möglichen Radentscheid – Bewegung gibt in Sachen Ausbau der Radinfrastruktur. „Es ist ein Thema und es wird ein Thema bleiben“, sagt Grunewald über das Erschließen von Radwegen. Die Stadt beschäftige sich intensiv damit. Um ein tragfähiges Radverkehrskonzept zu erarbeiten, gelte es nun aber vorerst die Unterschriftenaktion für den Radentscheid und die darin enthaltenen Forderungen abzuwarten.

Fritzlars Bürgermeister Hartmut Spogat seien die Defizite wohlbekannt: „Ich fahre täglich mit dem Pedelec zum Rathaus – ich weiß, wo noch Nachholbedarf ist.“ Oftmals sei die Planung vom Grunderwerb und den Bauträgern (HessenMobil) stark abhängig – das stelle sich oft schwierig dar. Verbessern wolle die Stadt die Anbindung zum Roten Rain und Obermöllrich. Innerstädtisch laufen die Planungen für die Sanierung der B 450. Dabei soll auch der Schutzstreifen für Fahrradfahrer bedacht werden. Der Nahmobiltätscheck konnte coronabedingt nicht komplett abgeschlossen werden. Das Aufstellen einer Reparatursäule am Busbahnhof sei aber ein Beweis für die angestrebte Fahrradfreundlichkeit. 

Von Linett Hanert

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