Interview zum Weiterbau der A 49

Sternfahrt-Organisator Werner Buthe zur Raddemo auf der A 49: „Es gibt immer Befürworter und Gegner“

Werner Buthe: Auf seinem T-Shirt sein Slogan „Ich bin an allem Schuld“. Die Shirts trägt er bei großen Sternfahrten, bei denen er die Leitung hat .
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Werner Buthe: Auf seinem T-Shirt sein Slogan „Ich bin an allem Schuld“. Die Shirts trägt er bei großen Sternfahrten, bei denen er die Leitung hat .

Auf der A 49 wird am Samstag erneut geradelt. Die A 49-Gegner hatten zuletzt Probleme ihr Vorhaben beim Regierungspräsidium Kassel durchzusetzen.

Kassel - Wir sprachen mit Werner Buthe, der die Vermittlung zwischen beide aufgenommen hat. Buthe organisierte schon viele Sternfahrten.

Sie wollten die A 49 zur Fahrradstraße machen. Für vier Samstage im Oktober lagen dem Regierungspräsidium (RP) Kassel Anmeldungen für Raddemos vor. Nach den ersten beiden erhielten die Aktivisten, die gegen den Weiterbau der A 49 kämpfen, einen Dämpfer vom RP. Geradelt wird am heutigen Samstag (31.10.2020) trotzdem auf der A 49.

Eine Verfügung kürzte ihnen die Demostrecke von 38 auf sechs Kilometer. Ein einfaches „weiter so“ lehnten sie ab und nahmen Hilfe an. Diese bekamen sie von Werner Buthe. Der Frankfurter Menschaktivist, wie er sich selbst nennt, sieht sich als Vermittler zwischen ihnen und den Behörden. Buthe hat schon viele Sternfahrten organisiert. Unter anderem die Sternfahrt zur IAA in Frankfurt mit 20.000 Menschen. Wir sprachen mit ihm im Interview.

Herr Buthe, die Sternfahrten in Berlin, Köln, Hamburg oder Frankfurt kennt man. Nun, also eine große Fahrt über die B 3 und A 49, um den Dannenröder Wald zu retten?
Naja, allein das kann und sollte es nicht sein. Meine Generation hat in den vergangen 60 bis 80 Jahren viel falsch gemacht. Wir haben Wissenschaftler nicht ernst genommen und langsam wird das für jeden erkennbar, dass das ein Fehler war, denn die Natur reagiert. Jetzt nehmen junge Menschen ihre Zukunft in die Hand und werden die nächsten 60 bis 80 Jahre bestimmen. Sie rebellieren, weil sie noch nicht so in der Maschinerie des Geldverdienens drin sind und andere Ziele prioritär in den Blick nehmen. Meine Generation sollte diese Generation beim Denken und Entscheiden unterstützen, denn die Weitsicht in der Bevölkerung für globale Zusammenhänge fehlt zuweilen. Tatsächlich ist dies normal, aber eben nicht immer glücklich.
Sie wollen mit der Demo also die Verkehrswende mitvorantreiben?
Aus dem, was ich eben sagte, ergibt sich ja die Notwenigkeit, Energie, Verkehr und Mobilität völlig anders zu denken. Blickt man in die Zukunft, dann kann das Auto in der Form und in der Menge nicht die Lösung sein, sondern es ist das Problem. Namhafte Wissenschaftler kommen da mehrheitlich weltweit zu keinem anderen Ergebnis. Ich bin nicht gegen motorisierten Individualverkehr, sondern gegen die Menge. China beispielsweise hat kein Problem mit Autos, sondern mit ganz, ganz vielen Autos, denn die Menge macht das Gift, wie man so schön sagt. Wir haben den Güterverkehr über die Bahn fast abgeschafft und brauchen plötzlich mehr Straßen für Lastwagen.
Und die Radfahrer kommen wieder zu kurz?
Wir geben viel zu wenig für den ÖPNV und Radverkehr aus, und lassen den Menschen damit keine Wahl, in den unversorgten Gebieten vom Auto wegzukommen. Der Weg zu einer Verbesserung ist mühsam, aber die Mobilität in den nächsten 20 Jahren muss eine völlig andere sein und da Veränderung schmerzhaft ist, befinden wir uns in einem ebenso schmerzhaften Umbruch.
Wie kam es, dass Sie die Position des Vermittlers zwischen Behörde und Initiative eingenommen haben?
Die Initiative ist auf mich zugekommen, nachdem sie auf Widerstände bei den Behörden stieß und ihrerseits eine reflektorische Betrachtung ihres Verhaltens zuließ.
Und diese Reflektion funktionierte?
Ja. Ich erlebte Zuhören, Kopf schräg legen, Verhaltens-Check und Denkveränderung in der Vorgehensweise hin zur einer guten Konzilianz.
Sie kommen bei Vermittlungen in solchen Dingen relativ oft ins Spiel?
Nur bei sehr großen oder sehr verfahrenen Dingen, daher wäre oft das falsche Wort. Die Behörden und die Polizei akzeptieren mich und die Initiativen ebenfalls. Man kennt mich von den großen Sternfahrten, zuletzt die IAA-Sternfahrt 2019 in Frankfurt und großen anderen Einzel-Radkorsos in ganz Deutschland, die ich konzipiere, leite oder begleite. Und gerade bei Autobahn- und Schnellstraßen Befahrungen kann es schnell zu unterschiedlichen Sichtweisen kommen, was „die Interessen Dritter“ anbelangt, die bei Demonstrationen regelmäßig den Interessen von Anmeldern gegenüber stehen.
Wie sieht so eine Vermittlung aus?
Ich bin in schwierigen Fällen oft Mediator, der im Gegensatz zum Moderator nicht unparteiisch, sondern „allparteilich“ ist. Ich werde praktisch zur einen Partei, wenn ich mit der anderen spreche. Dabei hilft es mir auf der einen Seite, dass ich in solchen Fällen weiß, um was es sachlich geht und „wie“ es geht, weil ich eben langjährige Erfahrung mit diesem schwierigen Thema habe. Und spreche fließend behördisch, polizeisch und auch initiativisch. Das ist ein weiterer Vorteil und so werde ich im Idealfall von allen soweit akzeptiert, dass man mir wenigstens zuhört.
Wie gehen Sie vor?
Die drei „K“ sind wichtig, denn Kommunikation führt früh zur Kooperation und vermeidet Konfrontation. Wenn Einschränkungen oder Verbote drohen, muss darüber gesprochen werden können. Den Satz „Radler gehören nicht auf die „Autobahn“ habe ich oft gehört, verstehe auch diese vordergründige Sichtweise, erinnere aber da gerne an das Versammlungsrecht, das auch in bestimmten Fällen auch hier anwendbar ist. Gleichzeitig informiere ich die Parteien darüber, wo da die Grenzen sein könnten. Im vorliegenden Fall ging es beispielsweise auch um die Befahrung der A 5 und da würde es dann schon einer ganz anderen Teilnehmeranzahl bedürfen, um eine Relevanzgröße zu erreichen. Von diesem Vorhaben habe ich daher abgeraten und stattdessen vorgeschlagen, eine Demonstration von zwei Orten aus zu machen und dafür auf die A5 zu verzichten. Am 31. Oktober haben daher beide Züge Autobahnbeteiligung auf der A 485 und A 49, weil dieser Bezug zum aktuellen Problem „Autobahn“ ganz klar da ist.
Gab es jetzt bei der Vermittlung Probleme?
Grundsätzlich stoße ich bei meiner Arbeit immer auf Befürworter und Gegner, die mir die Arbeit erschweren oder erleichtern und beides habe ich momentan. Zusätzlich vereinfacht die Gesamtlage „Danni/A49“ und die daraus entstehende Personallage bei den Genehmigungs-Behörden und der Polizei meine Arbeit nicht, denn bei einigen Beteiligten liegen in den Behörden bereits Absolut-Positionen vor, die für mich als Vermittler herausfordend sind, wenn „Bewegung“ aufeinander die Richtung zur Lösung wäre.  Hier merke ich, dass Erfahrungen, die ich bundesweit bei diesem Thema habe, nicht ausreichend in die Entscheidungen einfließen. Ob man etwas bestimmtes tut, beispielsweise Autobahnbefahrung und in der Folge wie man etwas tut (beispielsweise Absicherung, Absprachen mit der Polizei, Ablaufstrategie, Streckenplanung) - hier kann ich nur als Berater oder als Vermittler fungieren. Beides wird unterschiedlich genutzt. Gerade das RP Gießen stand noch nie vor so einer Herausforderung eine Raddemo mit Autobahnbeteiligung zu genehmigen und zum aktuellen Zeitraum sehe ich dort mehr Wolken als Sonne. 
Mit wie vielen Radfahrern rechnen Sie am 31. Oktober?
Ich rechne mit 250 bis 500 Teilnehmern zu Beginn an beiden Startorten, es können aber bei diesem Thema auch mehr werden. Weitere 250, die in Marburg dazu stoßen, wenn das reicht, denn in Marburg wird Raddemo gerne genommen, flapsig ausgedrückt. Wegen der Corona-Pandemie möchte ich vermeiden, dass an den Startorten viele Teilnehmer lange zusammen stehen, deshalb sollten sie nach Möglichkeit nicht nur an den Startorten einsteigen, sondern auch auf der Strecke dazu fahren. Ich rechne natürlich nicht mit diesen großen Zahlen wie in Frankfurt bei der IAA-Sternfahrt, aber vierstellig gesamthaft kann das schon werden.
Was ist bei der Organisation einer solchen Fahrt mit so vielen Menschen alles zu beachten?
Bei einer Fahrraddemo sind die Teilnehmer natürlich schneller unterwegs, als bei einer fußläufigen Versammlung. Die Gefährdungslage ist durch die Bewegung höher und erfordert andere Vorbereitungen. Es muss beispielsweise darauf geachtet werden, dass der Gegenverkehr bei kritischen Punkten ebenfalls gestoppt oder ganz herausgenommen wird, wenn keine bauliche Trennung vorhanden ist. Auf einer Autobahn gibt es diese bauliche Trennung (Mittelstreifen), aber da gibt es andere Herausforderungen. Bei der großen Sternfahrt in Berlin nehmen wir beispielsweise auf beiden betroffenen Autobahnen die Gegenverkehre auch heraus, weil die Befahrung lange dauert, aber bei den „kleineren“ Korsos von „nur“ um die 10000 bis 20000 Teilnehmern dauert das ja nicht ganz so lange. Die Begleitung eines Radkorsos ist daher durch die Bewegung und die Größe aufwendiger zu schützen, auch in der Stadt.
Konkret heißt das?
Grundsätzlich übernimmt die Polizei die sogenannte Außensicherung, denn dazu ist sie bei einer Demonstration verpflichtet. Hier arbeiten wir mit Bedarfssperrungen, was bedeutet, dass die Polizei vor dem Zug eine Kreuzung vorsperrt, das Passieren ermöglicht und die Kreuzung sofort wieder freigibt. Die Absicherung einer Kreuzung während des Passierens vor allem größerer Züge bindet Kräfte und daher biete ich bei meinen Korsos gerne Hilfe durch Ordner an, so gut es geht und diese wird Deutschlandweit unterschiedlich angenommen. Bei der aktuell hohen Belastung der Einsatzkräfte wegen des Themas A 49 habe ich das auch zur Überlegung gestellt.
Gibt es in ihren Augen noch Hoffnung, dass der Weiterbau gestoppt wird?
Hoffnung ist solange da, solange noch die Beweglichkeit in den Köpfen da ist und man eben nicht in Absolutpositionen alternativlos eingerastet ist. Die Klage des BUND war zuletzt zwar nicht erfolgreich, doch die Begründungen des Gerichtes machen deutlich, dass eine solche Baumaßnahme nach heutigem Recht wohl nicht mehr genehmigungsfähig wäre. Soweit das rechtliche. In so vielen Köpfen wie möglich muss aber die Richtigkeit auf das Beharren dieses Vorhabens insgesamt hinsichtlich der neuen Lage überprüft werden, denn unsere Umwelt macht gerade selbst mit Dürre auf der ganzen Welt im Allgemeinen und mit Wassernotständen selbst in Deutschland im Besonderen auf sich aufmerksam. Die Herausforderungen, denen wir uns nun unaufhaltsam stellen müssen, ob wir wollen oder nicht, erfordert die Weisheit vieler, wenn nicht gar aller und nicht das permanente Befriedigen von Partikular-Interessen einzelner wie in der Vergangenheit. Nicht die vergangene, sondern die kommende Generation hat es in der Hand, ihre Welt so zu verändern, dass wir befriedigende Zustände erreichen oder behalten. Dabei gilt: Wer aus der Vergangenheit nichts lernt und die Gegenwart nicht nutzt, hat in der Zukunft nichts zu erwarten!
Wie stehen Sie zu den zum Teil auch ausartenden Protesten?
Nicht jede Demo zum Thema „Danni“ mag glücklich durchgeführt werden, aber der Protest insgesamt muss als das wahrgenommen, was er letztlich bedeutet: Für ein „Weiter so“ gibt es immer weniger Befürworter und ich kann nur hoffen, dass dies breit wahrgenommen wird und mag daher zur „Kommunikation“ darüber auffordern. (Von Linett Hanert)

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