Erster Prozesstag am Landgericht Kassel

Mordprozess um falsche Ärztin aus Kassel - Sie soll Hunderte Patienten behandelt haben

Prozessstart gegen Meike S.: Die Rechtsanwälte Thomas Herrmann und Sven Schoeller beraten sich vor Gericht. Meike S. soll als „falsche Ärztin“ am Fritzlarer Hospital gearbeitet haben und unter anderem für den Tod von fünf Menschen verantwortlich sein.
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Prozessstart gegen Meike S.: Die Rechtsanwälte Thomas Herrmann und Sven Schoeller beraten sich vor Gericht. Meike S. soll als „falsche Ärztin“ am Fritzlarer Hospital gearbeitet haben und unter anderem für den Tod von fünf Menschen verantwortlich sein.

Die Angeklagte im Mordprozess bleibt eine Erklärung schuldig. Sie hatte jahrelang als falsche Ärztin in einem Krankenhaus praktiziert.

Update vom Donnerstag, 28.01.2021, 18:28 Uhr: Das Hospital zum Heiligen Geist in Fritzlar stand am zweiten Verhandlungstag im Prozess um die mutmaßlich falsche Ärztin Meike S. im Mittelpunkt. Dort war die Angeklagte, der unter anderem fünffacher Mord und versuchter Mord in elf Fällen vorgeworfen wird, von 2015 bis 2018 als Medizinerin angestellt. Als Zeugen sagten am Donnerstag die Personalleiterin des Krankenhauses sowie der medizinische und der kaufmännische Geschäftsführer aus. Alles drehte sich um die Frage: Wie hat das Klinik-Team das berufliche Wirken der Angeklagten in Fritzlar wahrgenommen? Und: Gab es Gründe, an ihrer Fähigkeit als Ärztin zu zweifeln?

Die Antworten aller drei Zeugen liefen auf dasselbe Ergebnis hinaus. Weder habe man selbst bemerkt, noch sei von Dritten zugetragen worden, dass Meike S. gravierende Defizite bei ihrer Arbeit in den Abteilungen der Inneren Medizin, der Intensivmedizin und der Anästhesie sowie im Controlling aufwies. Im Gegenteil: „Ich hatte den Eindruck, dass sie sich gern in der Anästhesie einbrachte und ihre Profession gefunden hatte“, sagte Dr. Carsten Bismarck, medizinischer Geschäftsführer des Hospitals. Auch gegen ihn ermittelte die Staatsanwaltschaft anfangs im Zusammenhang mit dem Fall Meike S.. Die Ermittlungen wurden inzwischen eingestellt – mangels Tatverdachts.

Prozess um falsche Ärztin in Kassel: Angeklagte sei hoch engagiert gewesen

Sie sei hoch engagiert gewesen, habe an zahlreichen Fortbildungen teilgenommen, so Bismarck. Bei den 27 operativen Eingriffen, die er selbst in Zusammenarbeit mit Meike S. vorgenommen hatte, habe er zu keinem Zeitpunkt gedacht: „Hier ist etwas nicht richtig.“

Eine Rolle spielten am zweiten Verhandlungstag aber nicht ausschließlich die Arbeit der falschen Ärztin, sondern auch die Strukturen und Abläufe im Klinikalltag – vor allem in der Anästhesie. Wie eng werden Assistenzärzte dort betreut? Gab es Personalnot? Diese und viele weitere Fragen stellten Richter Volker Mütze, die Staatsanwaltschaft, die Verteidigung und die weiteren Beteiligten – auf der Suche nach Antworten. In den Fokus rückte hierbei vor allem eine Person: Der ehemalige Chefarzt der Anästhesie, mit dem das Hospital Ende 2018 einen Auflösungsvertrag unterzeichnete.

Prozess in Kassel: Defizite in puncto Struktur und Sicherheit

Es habe Defizite in puncto Struktur und Sicherheit gegeben, sagte zunächst Dr. Sven Ricks, kaufmännischer Geschäftsführer. Das bestätigte auch Bismarck. Dabei sei es unter anderem um eine adäquate Dienstplanung und das Sicherheitsgefühl von Mitarbeitern gegangen. Auch zwischenmenschlich habe es Probleme zwischen dem ehemaligen Chefarzt und seinem Team gegeben. Von einem „unangemessenen und robusten“ Umgangston war die Rede. Zwischenzeitlich habe es eine sehr hohe Fluktuation in der Anästhesie gegeben, sagten beide. Und das sei immer ein Warnsignal. Ricks beschrieb es so: Die Mitarbeiter seien „gar nicht so schnell vorne durch die Tür gekommen, wie sie hinten wieder rausgingen“. Man habe daraufhin eine „unglaubliche Energie aufgebracht, um den Klinikbetrieb aufrecht zu erhalten“. Dies sei durch den Einsatz von Honorarkräften gelungen. Doch habe man zwischenzeitlich auch Operationssäle geschlossen und die Leistungen der Klinik so runtergefahren, schilderte Bismarck.

Zweifel an den Fähigkeiten von Meike S. habe der damalige Chefarzt zu keinem Zeitpunkt geäußert. Im Gegenteil: Er habe sie exzellent beurteilt. Ricks sprach gar von einem möglichen „persönlichen Näheverhältnis“ der Angeklagten und ihrem Chef. Mehrfach betonte Bismarck gestern: „Die Entscheidung darüber, wie viel Verantwortung Assistenzärzte in der Anästhesie bekommt, liegt ausschließlich beim zuständigen Chefarzt.“ Dieser sei auch für den OP-Plan zuständig. Eventuelle Fehler würden zudem erst dem Chefarzt zugetragen, bevor sie die Geschäftsführung erreichten.

Prozess in Kassel: Beanstandungen nicht in Personalabteilung angekommen

Informationen über Beanstandungen irgendeiner Art in Bezug auf Meike S. seien auch nicht in der Personalabteilung gelandet, so deren Leiterin in ihrer Zeugenaussage. Sowohl Promotion als auch Approbation habe die Klinik vor Beginn des Arbeitsverhältnisses gesehen. „Im Schwerpunkt lassen wir uns das Original zeigen.“ Doch seien bei der Bewerbung von Meike S., die damals noch Meike W. hieß, keine Zweifel aufgekommen.

Die Angeklagte verfolgte auch den zweiten Verhandlungstag schweigend, doch diesmal wirkte sie deutlich gefasster und suchte phasenweise Blickkontakt zu den Zeugen – insbesondere zu Bismarck.

Zweiter Verhandlungstag im Prozess in Kassel

Update vom Donnerstag, 28.01.2021, 11.10 Uhr: Am zweiten Verhandlungstag im Prozess um die mutmaßlich falsche Ärztin, die auch am Fritzlarer Hospital zum Heiligen Geist gearbeitet hat, hat sich erneut die Verteidigung geäußert. Dabei berief sie sich auf die Aussagen der Polizei. Die Anwälte von Meike S. betonten, ihre Mandantin habe immer gute Bewertungen in ihrer Arbeitsleistung erhalten. Sie habe die Fähigkeiten besessen, die von einer Assistenzärztin zu erwarten seien. Auch die Klinikleitung des Hospitals zum Heiligen Geist in Fritzlar sei offenbar dieser Meinung gewesen, so die Verteidigung: Sie hatten Meike S. Fortbildungen angeboten und ihr Gehalt erhöht. Darüber hinaus hätte die Klinik sie unbedingt halten wollen, als eine Kündigung im Raum stand. „Wir gehen nicht davon aus, dass die Klinikleitung inkompetent ist“, äußerte die Verteidigung.

Am Vormittag des zweiten Verhandlungstages wurde darüber hinaus die Personalleiterin des Fritzlarer Hospitals angehört. Sie habe mit Meike S. nur wenige Gespräche auf dem Flur geführt, sich eher im Hintergrund gehalten.

Falsche Ärztin wird fünffacher Mord und versuchter Mord in elf Fällen vorgeworfen

Update vom Mittwoch, 27.01.2021, 18:40 Uhr: Fünffacher Mord und versuchter Mord in elf Fällen: Die Vorwürfe gegen Meike S. – trägt nach Heirat einen anderen Namen –, die sich am Fritzlarer Hospital zum Heiligen Geist eine Anstellung als Assistenzärztin erschlichen haben soll und dort von 2015 bis 2018 als Medizinerin beschäftigt war, ohne Ärztin zu sein, wiegen schwer.

Zwar gingen auch Dr. Sven Schoeller und Thomas Hammer, Verteidiger von Meike S., beim Prozessauftakt vor dem Kasseler Landgericht am Mittwoch davon aus, dass am Ende der Beweisaufnahme „mit Wahrscheinlichkeit festgestellt werden kann, dass unsere Mandantin als falsche Ärztin am Hospital zum Heiligen Geist in Fritzlar tätig gewesen ist“, so Schoeller. Man gehe aber mit gleicher Wahrscheinlichkeit auch davon aus, dass die Anklage, ihre Mandantin habe mit Vorsatz im Rahmen ihrer Tätigkeit als Assistenzärztin in der Anästhesie Menschen getötet, von der Kammer nicht festgestellt werden könne.

Falsche Ärztin aus Kassel - Verteidiger von Meike S.: „Keine mehrfache Möderin“

Denn: In der Annahme, dass Meike S. mit Vorsatz getötet habe, liege der wunde Punkt der Anklage, so Schoeller nach dem ersten Verhandlungstag vor der sechsten Strafkammer. In dem Prozess, der von Richter Volker Mütze geleitet wird, sagte Schoeller, seine Mandantin sei keine mehrfache Mörderin. Sie habe auf ihre Fähigkeiten vertraut und darauf, dass der Tod bei keinem Patienten eintrete.

Zudem sei sie bei über 500 Operationen in der Fritzlarer Klinik für die Anästhesie zuständig gewesen – darunter sei kein Todesfall. Sie habe nie an ihren Leistungen gezweifelt, auch der Arbeitgeber nicht, so der Anwalt. Meike S. hörte schweigend zu. Sie werde sich nicht äußern, sagte Schoeller. Doch: Bei der Verlesung der massivsten Anklagepunkte – den Mordvorwürfen – schüttelte Meike S. mehrfach ihren gesenkten Kopf.

Die Staatsanwaltschaft sehe „einen kausalen Zusammenhang“ zwischen dem Tod der fünf Menschen und den gesundheitlichen Schäden sieben weiterer Personen und der von Meike S. vorgenommenen Anästhesie, sagte Staatsanwältin Josefine Köpf. Sie sagte, Meike S. habe aus hemmungsloser Eigensucht und Geltungsdrang gehandelt.

Erstmeldung: Prozess um falsche Ärztin aus Kassel

Erstmeldung vom Mittwoch, 27.01.2021, 13:17 Uhr: Fritzlar/Kassel - Trotz massiver Vorwürfe der Staatsanwalt äußerte sich die falsche Ärztin Meike S. beim Prozessauftakt am Mittwoch vor der sechsten Strafkammer des Landgerichts Kassel nicht.

Der Frau, die sich am Fritzlarer Hospital zum Heiligen Geist eine Anstellung als Assistenzärztin erschlichen haben soll und dort von 2015 bis 2018 als Medizinerin beschäftigt war, wird mehrfacher Mord und versuchter Mord in elf Fällen in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung vorgeworfen - in all diesen Fällen in Tateinheit mit unerlaubter Ausübung der Heilkunde.

Die Staatsanwaltschaft sieht „einen kausalen Zusammenhang“ zwischen dem Tod von fünf Menschen und gesundheitlichen Schäden von elf weiteren Menschen und der von Meike Sch. vorgenommenen Anästhesie und Behandlungen.

Mordanklage gegen falsche Ärztin aus Kassel: Über 500 Patienten behandelt

Dem Anwalt von Meike S. stellte sich das anders dar, er wies den Vorwurf, dass seine Mandantin eine mehrfache Mörderin sei, zurück.

Meike S. habe aufgrund ihres Könnens darauf vertraut, dass der Tod bei keinem Patienten eintrete. Zudem habe die falsche Ärztin in eineinhalb Jahren 500 Fälle erfolgreich behandelt. Sie habe nie an ihren Fähigkeiten und Leistungen gezweifelt, auch der Arbeitgeber nicht, so der Anwalt.

Sie habe aber aus „Hemmungsloser Eigensucht und aus Geltungsdrang“ ein Lügengebilde errichtet und in Kauf genommen, dass Menschen sterben oder verletzt werden, so die Staatsanwältin: Das allein aus dem Grunde, um ihren hohen Status nicht zu verlieren. Meike S. macht am Mittwoch keine Aussagen dazu. (Maja Yüce und Daria Neu)

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