Neues Pilotprojekt: Mit Handicap hinter der Ladentheke

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Machen ihre Sache gut: Miriam Zulauf, Kundin Veronika Berger und Annika Müller (von links) an der Theke des Bäckerladens in Zimmersrode. Die Hephata-Behindertenhilfe kooperiert dort mit der Gilserberger Bäckerei Viehmeier.

Neuental. Die Bäckerei Viehmeier und die Hephata-Behindertenhilfe arbeiten in einem neuartigen Projekt zusammen.

Zweimal in der Woche muss Annika Müller richtig früh raus. Die 25-Jährige ist Klientin der Hephata-Behindertenhilfe. Sie lebt in einer Wohngruppe im Betreuten Wohnen in Treysa und arbeitet in der Hauswirtschaftsgruppe der Werkstätten für Menschen mit Behinderungen (WfbM). Montags und mittwochs steht sie um 4 Uhr auf, nimmt den Zug nach Zimmersrode und schließt um 6 Uhr den Verkaufsladen der Bäckerei Viehmeier auf. Um 6.30 Uhr kommen die ersten Kunden. Annika Müller ist eine von fünf WfbM-Beschäftigten, die dort an einem Pilotprojekt teilnehmen.

Für Annika Müller und ihre Kolleginnen hat die Arbeit im Laden viele neue Facetten: Frühes Aufstehen, das Anreisen mit öffentlichen Verkehrsmitteln, der Kontakt mit Kunden, der Umgang mit Ofen, Kasse und Geld - all das gehört dazu. Annika Müller gefällt das: „Es ist viel Verantwortung, aber es macht mir auch viel Spaß.“ Ihre Kollegin Miriam Zulauf (26) bringt es auf den Punkt: „Ich hätte mir das früher nie vorstellen können, dass ich mal in einer Bäckerei arbeite. Wir versuchen, unsere Sache gut zu machen. Freundlich sein ist am wichtigsten.“

Den kleinen Laden der Bäckerei Viehmeier gibt es in dem 1500 Einwohner zählenden Ort seit 15 Jahren. Aufgrund langjähriger Beziehungen zu Hephata als Lieferant und aufgrund positiver Erfahrungen mit zwei WfbM-Beschäftigten in der Backstube entstand vor vier Jahren die Idee, den Laden gemeinschaftlich zu betreiben: „Wir haben zuvor hervorragende Erfahrungen mit zwei Beschäftigten in der Backstube gemacht. Ich hätte im Vorfeld niemals geglaubt, dass sich die beiden so reibungslos in unseren Betrieb integrieren würden“, sagt Jürgen Viehmeier, Geschäftsführer der Bäckerei Viehmeier (Gilserberg). „Der Laden in Neuental ist ein weiterer Schritt. Ich sehe das als Teil meiner sozialgesellschaftlichen Verantwortung für die Region und deren Menschen.“

Claudia Bartsch-Perreten ist seit 20 Jahren für die Bäckerei Viehmeier tätig und wohnt im Ort. Sie steht Samstag und Sonntag mit im Laden und ist ansonsten für Notfälle telefonisch erreichbar. „Am Anfang hatte ich schon Bedenken. Jetzt kommen wir aber super klar. Ich bin die Anleiterin vor Ort, auf einer freundschaftlichen Ebene.“ Zudem ist Petra Lehmann, Gruppenhelferin der Hephata-Hauswirtschaft, regelmäßig im Laden: „Das ist schon toll, welche Entwicklung die Frauen genommen haben. Rechnen, Geld rausgeben, sagen können, welche Zutaten in welcher Ware sind, Brötchen backen. Es dauert vielleicht ein bisschen länger als in anderen Läden, aber die meisten Kunden nehmen das gerne in Kauf.“

Da ist Renate Bindhammer aus Zimmersrode: „Das sind sehr nette und zuvorkommende Damen. Ich finde es gut, dass sie hier so selbstständig arbeiten können. Man muss etwas Geduld haben, aber das stört mich nicht.“ Veronika Berger aus Waltersbrück zählt auch zu den Kunden: „Ich hatte selbst einen Unfall und habe ein Handicap zurück behalten. Jeder Mensch braucht eine Chance. Die Mädchen hier machen das super.“

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