Umweltschützer protestieren erneut gegen A49-Lückenschluss

Proteste gegen A49-Weiterbau: Aktivist seilt sich von Kran ab - Camp von Polizei geräumt

Mit Protestaktionen versuchen Demonstranten weiter, den Bau der A 49 zu erschweren: In Neuental-Bischhausen hat die Polizei am Montagabend damit begonnen, ein Aktivistencamp zu räumen.
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Mit Protestaktionen versuchen Demonstranten weiter, den Bau der A 49 zu erschweren: In Neuental-Bischhausen hat die Polizei am Montagabend damit begonnen, ein Aktivistencamp zu räumen.

Die Proteste gegen den Weiterbau der A49 und die Rodung des Dannenröder Wald gehen weiter. Die Polizei ging gegen ein Aktivisten-Camp vor. Ein Aktivist brachte sich und andere mit einer Abseil-Aktion in Gefahr. 

Barrikaden, Mahnwache und fallende Bäume: Der Konflikt um die Rodungen für den Weiterbau der Autobahn 49 in Mittelhessen hat sich am Montag auch im Schwalm-Eder-Kreis fortgesetzt. Die Polizei hat mit einem Team des Sondereinsatzkommandos am frühen Montagabend damit begonnen, das Aktivistencamp an der Baustelle der A 49 bei Neuental-Bischhausen (Schwalm-Eder-Kreis) zu räumen.

Die Aktivisten leisteten erneut passiven Widerstand, sangen Lieder und riefen Parolen. Ein Polizeisprecher sprach von einem weitgehend friedlichen Verlauf. Erneut waren zahlreiche Beamte im Einsatz. Die Beamten rückten zunächst am Nachmittag an, nachdem alle Versuche, die Demonstranten von der Baustelle zu entfernen, vor allem aber auch um sie aus gefährlichen Situationen zu befreien, gescheitert waren: Ein Aktivist hatte sich laut Polizei auf dem neuen Trassenbereich in großer Höhe freischwebend von einem Kran abgeseilt.

Wegen des starken Windes, der am Montag herrschte, habe sich der Mensch in ernste Gefahr gebracht, so Polizeisprecher Frank Siebert vom Polizeipräsidium Nordhessen in Kassel. Ein Höheninterventionsteam habe dafür gesorgt, dass der Aktivist wieder festen Boden unter den Füßen hatte.

Alle Versuche, die Demonstranten mit direkter Ansprache und damit auf kommunikativem Weg vom Verlassen des Camps zu überzeugen, seien im Vorfeld gescheitert, sagte Siebert. Niemand habe auf die Gesprächsangebote reagiert, betonte er. Am frühen Abend rückte dann neben dem Sondereinsatzkommando der Polizei auch ein Rettungswagen zur Baustelle und somit zum Aktivistencamp vor.

Die Polizisten räumten die Barrikaden ab, begleiteten dann fünf der Aktivisten, die Bauwagen besetzt hatten, von der Baustelle. Später wurden deren Personalien aufgenommen. Die Polizei habe in direkter Verbindung zur Staatsanwaltschaft gestanden, um das Vorgehen abzustimmen.

Polizeieinsatz bei Neuental-Bischhausen: Die Polizei löst mit einem Großaufgebot das Protestlager der Demonstranten auf.

Auch in Berlin gab es am Montag Proteste gegen den Weiterbau der A 49, die einmal Kassel und Gießen besser miteinander verbinden soll. Aktivisten der Gruppe Extinction Rebellion blockierten die Seiteneingänge des Bundesverkehrsministeriums. An der Aktion seien rund 80 Menschen beteiligt, sagte eine Sprecherin. „Wir fordern Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer auf, die Rodungen für den Dannenröder Wald in Hessen zu stoppen.“
Von Linett Hanert, Maja Yüce Und Claudia Brandau

Polizeieinsatz bei Neuental-Bischhausen: Die Polizei löst mit einem Großaufgebot das Protestlager der Demonstranten auf.

Baustellenbesetzer bei Neuental hoffen, dass A 49 nicht weitergebaut wird 

Sie haben sich verbarrikadiert, hängen in Seilen und haben sich an Bauwagen gekettet: Die Demonstranten auf der Baustelle bei Neuental wollen den Weiterbau der A 49 erschweren.

Der Großteil von ihnen war schon im Dannenröder Forst aktiv. Den Begriff Berufsprotestler hören sie nicht gerne, aber es ist offensichtlich, dass sie schon viele Monate im Dannenröder Forst aktiv waren und nun die Baustelle in Neuental besetzt haben. Mit einem Handy halten sie Kontakt zu den Demonstranten im Herrenwald und im Dannenröder Forst. „So unterstützen wir uns gegenseitig und halten uns auf dem Laufenden“, sagt ein Aktivist.

Polizeieinsatz bei Neuental-Bischhausen: Die Polizei löst mit einem Großaufgebot das Protestlager der Demonstranten auf.

Mit den Aktionen an verschiedenen Schauplätzen an der A 49 erhoffen sie sich den Stopp des Weiterbaus. Auch im Gewerbegebiet in Stadtallendorf haben Aktivisten eine Sitzblockade eingerichtet.

Ein vermummter Aktivist will seinen Namen gegenüber der HNA nicht nennen. Über die Aktion und die Belange will er trotzdem reden. Aus der Region kommt er nicht. „Aber der Ausbau betrifft mich schon – ich meine, das Trinkwasser betrifft uns doch alle, oder?“, fragt er. Am Sonntagabend sei die Gruppe ins Gespräch gekommen mit einigen Anwohnern aus Bischhausen, die ebenfalls gegen den Ausbau seien, erzählt er. „Die haben jahrelang dafür gekämpft, dass der Ausbau nicht kommt und jetzt sind ihnen die Grünen in den Rücken gefallen“, sagt er. Das Großprojekt A 49 hält er für Irrsinn. „Die Idylle wird zerstört“, sagt er.

Mit Protestaktionen versuchen Demonstranten, den Bau der A 49 zu erschweren: In Neuental-Bischhausen haben sie sich unter anderem an einen Bauwagen gekettet.

Der Meinung ist auch Timo Schotter, wie er sich nennt. „Wir sitzen hier, umgeben von grünen Wiesen und dann wird dieses Asphaltmonster gebaut – das fühlt sich so dystopisch an“, sagt er. Mit der Besetzung hoffen sie zumindest auf eine Bauunterbrechung. „Wir binden Ressourcen – die Einsätzkräfte, die wir beschäftigen, tragen zu unserem Ziel bei“, sagt er. Vier von ihnen haben sich mit Seilen an einen Kran gehangen, später war es laut Polizei noch einer. „Zurzeit prüft die Polizei, ob er wegen des starken Windes zu Boden begleitet werden muss.“

Empathie für die Anwohner an der B 3 empfinden sie nach eigenen Aussagen auch. „Gerade im Dannenröder Forst haben wir mitbekommen, wie sehr der Lärm die Anwohner belastet – da fahren ja im Minutentakt Lastwagen vorbei“, schildert der junge Mann seine Eindrücke.

Aber das werde sich in seinen Augen mit dem Ausbau der A 49 nicht verbessern. „Die ganzen Logistikzentren, die sich dann ansiedeln werden, werden noch mehr Lärm verursachen“, ist er sich sicher. Ein weiterer Aktivist namens Conti schlägt den betroffenen Anwohnern, beispielsweise an der B 3, vor, ihre Straßen vor der Tür zu blockieren, „damit endlich eine vernünftige Lösung gefunden wird – ich helfe gerne“, sagt er. Ein schlechtes Gewissen gegenüber den Bauarbeitern, haben sie nur zum Teil. „Wir sind friedlich und tun ihnen nichts, wir wollen nur den Entscheidungstreffern deutlich machen, wie viele Menschen doch gegen den Ausbau sind“, sagt Conti.

Sitzprotest: Bei Neuental haben sich Aktivisten zum Teil verbarrikadiert, sie haben auf der Baustelle auch Feuer gelegt.

Am Nachmittag begann die Polizei mit der Räumung, die sich bis in den Abend fortsetze. Die Demonstranten kündigten an, nicht einfach gehen zu wollen. Laut Hessen Mobil laufen die Arbeiten vor Ort eingeschränkt weiter.

von Linett Hanert

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