Erzieher haben komisches Gefühl

Sorge vor Corona: Viele Eltern im Kreisteil Fritzar-Homberg bringen ihre Kinder trotz Appells in die Kitas

Die Garderobe hängt voll: Viele Eltern bringen ihre Kinder trotz des Appells des Landes in die Kindertagesstätten. In Wabern etwa liegt die Betreuungsquote in vielen Kitas bei rund 50 Prozent.  
Archivfoto: Peter Zerhau
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Die Garderobe hängt voll: Viele Eltern bringen ihre Kinder trotz des Appells des Landes in die Kindertagesstätten. In Wabern etwa liegt die Betreuungsquote in vielen Kitas bei rund 50 Prozent.

Anders als Schulen bleiben Kindertagesstätten weiterhin geöffnet – versehen mit dem Appell, Eltern mögen ihre Kinder zu Hause betreuen, wenn es ihnen möglich ist. Das scheint ungehört zu verhallen.

Fritzlar-Homberg – Eltern stehen derzeit vor einer schwierigen Entscheidung. Kann ich mein Kind zu Hause betreuen oder kann ich es in die Kita schicken? In Niedenstein etwa entscheidet sich eine große Zahl für Letzteres. Von 153 Kindern der zwei städtischen Kitas werden derzeit 56 weiter in der Einrichtung betreut. In der vergangenen Woche waren es noch 35. Die Stadt will jedem, der eine Betreuung benötigt, diese auch bieten. Vor Problemen steht sie trotzdem.

Das Ziel, so viele Kinder wie möglich zu Hause zu betreuen, werde durch den Appell des Landes nicht erreicht, sagt der Niedensteiner Bürgermeister Frank Grunewald. Er bittet daher alle Eltern, über ihre Betreuungssituation noch einmal nachzudenken. Denn: „Sobald nur ein Kind aus einer Gruppe in die Kita geschickt wird, muss diese Gruppe aufrechterhalten werden.“ Gruppen zusammenzulegen, ist nicht erlaubt – das verbieten die Vorgaben des Landes. Das heißt auch für alle Erzieherinnen: weiterhin vor Ort sein.

Eltern müsse die Entscheidung, ihr Kind zu Hause zu versorgen, leichter gemacht werden, fordert Grunewald. Ein Betretungsverbot ist für ihn keine Lösung: „Wir wollen den Eltern nicht verwehren, ihre Kinder in die Kita zu bringen.“ Ein weiteres Problem: Erzieher müssen weiterhin in den Einrichtungen arbeiten, werden bei der Impfrangfolge aber nicht so hoch priorisiert wie Lehrer. Das müsse sich ändern. „Die Sorge unserer Erzieherinnen vor einer Infektion wächst“, sagt der Rathauschef. Niedenstein plant, den Monatsbeitrag im Januar nicht zu erheben, sollten Eltern ihre Kinder zu Hause betreuen. Damit verzichtet die Stadt laut Grunewald auf 10 000 Euro. Der Magistrat hat sich bereits dafür ausgesprochen, die Entscheidung der Stadtverordneten steht noch aus.

Dem Appell Grunewalds schließt sich der Waberner Bürgermeister Claus Steinmetz an. „Eine Prüfung, welche Eltern die Betreuung wirklich benötigen, können und wollen wir aber nicht machen.“ Daher sei man auf Vertrauen angewiesen. Steinmetz wisse um die Belastung in den Kindertagesstätten, habe jedoch auch Verständnis für die Eltern. Im Frühjahr sei das Lockdown-Ende absehbar gewesen. „Diesmal ist die Dauer unklar.“ Deshalb sei es schwierig, langfristig eine eigene Betreuung zu organisieren. Die Kita Schatzkiste in Wabern werde derzeit von 51 Kindern besucht. Im Normalfall sind dort 103 Kinder angemeldet. 22 von normalerweise 51 Kindern besuchen die Kita in Falkenberg. In der „Storchenwiese“ sind zurzeit 74 von 122 Kindern. In einer kleinen Gruppe in Harle werden neun Kinder von im Normalfall 14 betreut.

Appell: Eltern sollen Kinder möglichst nicht in die Kita bringen

In einem Elternbrief hat das Hessische Ministerium für Soziales und Integration Eltern gebeten, ihre Kinder möglichst zu Hause zu betreuen. Wer allerdings dringend eine Betreuung in der Kita benötige, werde diese auch erhalten. Darin ist aber auch eine Ausnahme der derzeit geltenden Kontaktbeschränkungen festgehalten: „Familien, die ihre sozialen Kontakte nach Möglichkeit reduzieren, können Betreuungsgemeinschaften von bis zu drei Familien bilden, in denen sie ihre Kinder gegenseitig betreuen“, heißt es.

Trägern von Kitas wird empfohlen, den Betrieb in „konstanten Gruppen“ zu organisieren, um die Zahl der Kontakte auch in der Betreuung zu minimieren. Darüber hinaus hat das Land seine Hygieneempfehlungen für Kitas angepasst. Sie können eine Einschränkung der Betreuung zur Folge haben.

Erzieher haben komisches Gefühl

Wie angespannt die Situation in den Kindertagesstätten tatsächlich ist, können am besten die Erzieher vor Ort bewerten. Kerstin Stielitz von der Kita Schatzkiste in Wabern sagt: „Wir sind auf die Freiwilligkeit der Eltern angewiesen, ihre Kinder zuhause zu lassen.“ Diesbezüglich hätten sie und ihr Team sich klarere Regeln seitens des Landes Hessen gewünscht.

„Natürlich sind wir für die Kinder da, wenn sie unsere Betreuung benötigen.“ Dies sei vor allem bei denjenigen, deren Eltern berufstätig sind, der Fall. Dass jedoch tatsächlich mehr als die Hälfte der Kindergartenkinder die Schatzkiste auch in Coronahochzeiten besuchen, sorge schon für Unsicherheit.

Viele Kontakte im beruflichen Kontext seien die Erzieher gewohnt, „aber es ist schon ein komisches Gefühl, dass wir zuhause nur eine Person treffen dürfen, im Job jedoch zahlreiche Kontakte haben.“

Auch Manuela Heimbuch, Leiterin der Kita Amselnetz in Edermünde-Besse berichtet, dass momentan die Hälfte der Kinder weiterhin in der Einrichtung betreut werden. Dass es nicht mehr sind, liege daran, dass viele Eltern momentan versuchen, dem Appell des Landes zu folgen. „Aber auf Dauer schaffen sie das nicht“, sagt Heimbuch. Politiker würden mit ihren unklaren Vorgaben – geöffnete Kitas, aber Betreuung zu Hause erwünscht – die Verantwortung auf Träger und Kita-Leitungen abwälzen und die Eltern verunsichern.

Sie versuche, nun mit den Eltern zu klären, inwieweit sie eine Kinderbetreuung im jeweiligen Fall brauchen. Grundsätzlich gelte: „Wir sind für jedes Kind da.“ Denn auch Eltern, die im Homeoffice sind, würden arbeiten: „Man kann von ihnen nicht erwarten nebenher auf ein 1,5 Jahre altes Kind aufzupassen“, sagt Heimbuch. (Chantal Müller, Daria Neu und Christina Zapf)

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