1. Startseite
  2. Lokales
  3. Fritzlar-Homberg
  4. Niedenstein

Nackt sein ist gar nicht so schlimm: Mein erstes Mal im FKK-Camp

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Matthias Lohr

Kommentare

null
Unser Autor: Er findet, dass er nackt ziemlich bescheuert aussieht. Ausgezogen hat er sich trotzdem. © Archivfoto: Hoffmann/nh

Niedenstein. FKK ist ziemlich peinlich. Das dachte bislang auch unser Autor. Dann hat er einen Nachmittag im Naturisten-Camp in Niedenstein verbracht - und dabei fast vergessen, dass er nackt ist.

Kurz vor meinem ersten Mal denke ich, dass mich die anderen gleich auslachen werden. Ich stehe am Eingang zum Feriengelände des Naturistensportbunds in Niedenstein und soll einen Nachmittag nackt unter FFK-Anhängern verbringen. Eine Kollegin hatte in der Redaktionskonferenz den Vorschlag gemacht: Es wäre doch spannend zu lesen, wie man sich da so fühlt, nackt unter lauter Penissen und - darf man Muschis schreiben?

Jedenfalls habe ich gesagt: Ich mache es. Andere Journalisten reisen in den Kongo und schreiben Kriegsreportagen. Da will ich wenigstens unter Nackten an der Front sein. Dabei konnte ich bislang Günther Jauch ganz gut verstehen, der einmal gestand, dass er zwei Sachen wirklich peinlich findet: "Das eine ist FKK und das andere ist, wenn erwachsene Menschen zum Ententanz tanzen.“

Enten gibt es hier sicher auch mitten im Habichtswald. Immer wenn ich bislang mit dem Mountainbike von Elmshagen Richtung Niedenstein fuhr und den Wegweiser "Naturistensportbund" sah, fragte ich mich: Was sind das eigentlich für Menschen, die dort ihre Freizeit im Wohnwagen verbringen? Als ich nun am Eingang klingele, macht mir Udo Pfeiffer auf. Nackt. Der 49-Jährige aus Melsungen ist Fleischer und nebenbei zweiter Vorsitzender des Naturistensportbundes.

Den Verein gibt es seit 1958. Heute machen auf der 30.000 Quadratmeter großen Anlage FKK-Fans aus ganz Deutschland Urlaub. Viele Besucher kommen aus den Niederlanden. Wenn man vom Hang aus nach Süden in Richtung Kellerwald schaut, sieht es aus wie im Paradies. Dort waren Adam und Eva bekanntlich auch nackt. Also nichts wie raus aus den Klamotten bei 28 Grad und Sonnenschein.

"Wir sind ungezwungen", sagt mein Gastgeber. "Hier gibt es keine Statussymbole. Ob Arbeiter oder Abteilungsleiter - hier sind alle gleich." Der Sozialismus hat in der FKK-Bewegung überlebt. Trotzdem möchte ich jetzt nicht unbedingt meinem Chef begegnen. Naturisten sind unkompliziert und duzen sich. Mein Gastgeber ist ab jetzt nur noch der Udo. Neben ihm sitzen seine Frau Ulrike, der erste Vereinsvorsitzende Eckhard Summek (71), also der Eckhard, und seine Frau Sigrid.

null
Ulrike und Udo im Öko-Schwimmteich © Hoffmann

Sie haben zwei wichtige Tipps für mich. Erstens: Das Handtuch gehört zur Grundausstattung eines FKKlers. Aus hygienischen Gründen setzt man sich nicht nackt in den Stuhl seines Nachbarn, sondern aufs Handtuch. Zweitens: Buttermilch hilft bei Sonnenbrand an den empfindlichsten Stellen.

Alle Informationen zum Naturistensportbund im Habichtswald gibt es hier

Eckhard und Sigrid haben da schmerzhafte Erfahrungen gemacht. 1972 waren sie beim Ostseeurlaub in Gammeldamm das erste Mal im FKK-Bereich. Am Anfang lagen sie dort nur auf dem Bauch - aus Scham. Seitdem haben sie fast alle Ferien nackt verbracht. Die meisten Wochenenden sind sie in Niedenstein. So eine Freizeitgestaltung liegt außerhalb meiner Vorstellungskraft. Aber nach einer Viertelstunde denke ich immerhin nicht mehr ständig daran, dass ich nichts anhabe. Es ist die Nackidisierung des Unterbewusstseins. Apropos Unterbewusstsein: Ulrike erzählt, dass manche männlichen FKK-Anhänger vor dem ersten Mal Angst vor einer Erektion hätten. Udo sagt: "Seriösen FKKlern ist das noch nicht passiert." Ich will natürlich kein unseriöser FKKler sein. Für den Fall der Fälle empfiehlt Ulrike, dem anderen einfach in die Augen zu schauen.

Ist vielleicht auch besser so. Nackt sehe ich ziemlich bescheuert aus. Die Radlerhosen haben auf meinen Oberschenkeln einen Rand hinterlassen. Meine Beine sehen aus wie Würstchen, die nur halb auf dem Grill lagen. Aber auch als semiprofessionell gebräunter Mensch muss man sich hier nicht schämen. "FKKler sind viel offener und toleranter als andere Menschen", sagt Ulrike. "Die Leute nehmen einen, wie man ist."

Es ist eigentlich alles ziemlich prima hier. Trotzdem leidet der Naturistensportbund unter Nachwuchsmangel. Die meisten der knapp 60 Mitglieder sind zwischen 50 und 60 Jahre alt. "Die gesamte Terrasse da drüben ist ausgestorben", sagt der ehemalige EDV-Berater Eckhard und zeigt auf einen Hang mit leeren Stellplätzen.

Dabei sind die Deutschen laut Umfragen beim FKK Weltspitze. Nur die Österreicher liegen noch öfter nackt am Strand. Allerdings gilt dies nur im Urlaub, wo einen die anderen nicht kennen. In der Heimat bleibt man lieber angezogen, damit der Nachbar nicht über einen tuschelt. Die Globalisierung hat aber auch aus der Tourismus-Welt ein Dorf gemacht. Einmal waren Eckhardt und Sigrid auf Gran Canaria, als sie eine Arbeitskollegin nackt am Strand trafen. Dann hätten ja alle gleich in Niedenstein Urlaub machen können.

null
Heißer als eine Saune: Udo und Eckhard in der Schwitzhütte © Hoffmann

Und dann gibt es noch das Vorurteil, FKK sei irgendwie Pornografie. "Manche glauben, wir hätten den ganzen Tag Sex", hat Udo festgestellt. "Dabei machen wir nichts anderes als andere Leute auch." Wenn es abends kühler wird, sitzen Udo und die anderen im Pulli am Grill. Naturisten sind ja keine Masochisten.

Das Wort "Sport" tragen die Niedensteiner Naturisten vor allem wegen der Gemeinnützigkeit im Vereinsnamen. Aber Sport kann man auf ihrem Gelände auch machen. Es gibt ein Beachvolleyballfeld, Tischtennisplatten und einen Schwimmteich mit Quellwasser, in den man nur nackt darf. Badeanzüge wären zu viel Chemie für diesen Öko-Pool. Das Wasser ist frisch und glasklar und die Furcht, dass Fische und Kaulquappen einem da unten etwas abbeißen könnten, unbegründet. Nachher lässt man sich von der Sonne trocknen oder geht in die Schwitzhütte, die besser sein soll als jede Sauna.

Mein erstes Mal unter Nackten war gar nicht so schlimm. Die Menschen hier sind ganz normal und beißen nicht. Trotzdem werde ich wohl nicht zum FKKler. Es ist einfach etwas unpraktisch, nackt Sport zu treiben - nicht nur Radfahren. Ständig ein Handtuch mitschleppen zu müssen, weil man sich womöglich irgendwo hinsetzen möchte, ist auch etwas lästig.

Vielleicht ist es in unserer übersexualisierten Gesellschaft, in der uns nicht nur in der Werbung überall Nackte begegnen, besser, angezogen zu sein. Der Musiker Peter Licht singt: "Bedeckte Körper sind in Ordnung, Kleidung ist in Ordnung!" Den Satz finde ich nach einigen Stunden in Niedenstein zustimmungswürdiger als den von Günther Jauch. Am Ende verspricht mir Udo, dass ich bei der nächsten Mountainbike-Tour gern klingeln könnte, um nackt im See zu schwimmen. Wir sehen uns - so wie Gott (oder wer auch immer) uns erschaffen hat.

Dieser Artikel erschien erstmals 2017 bei HNA7.

Übrigens: Es gibt tatsächlich einen Welt-Nackt-Radel-Tag.

Auch interessant

Kommentare