Tradition wird zum Hobby 

Familie leitet seit 118 Jahren den heute letzten Gasthof in Metze

Helfen einander in dem Familienbetrieb: Sohn Thorsten Hahn (links) ist aktuell der Betreiber. Neben ihm an der Zapfsäule: Vater Edmund und Tochter Tanja Hahn. Für sie ist die Gaststätte ein Hobby, das sie gerne machen.Geschäftsjubiläum.
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Helfen einander in dem Familienbetrieb: Sohn Thorsten Hahn (links) ist aktuell der Betreiber. Neben ihm an der Zapfsäule: Vater Edmund und Tochter Tanja Hahn. Für sie ist die Gaststätte ein Hobby, das sie gerne machen.

In die Glaskugel schauen möchte Edmund Hahn nicht. Er weiß nicht, ob es das 1901 von seinem Großvater gegründete Metzer Gasthaus in Zukunft noch geben wird. Für ihn zählt die Gegenwart.

Das Gasthaus Hahn ist eine der letzten traditionsreichen Gaststätten in Niedenstein. In Metze gibt es keine weitere mehr. Die meisten wurden vom Gaststättensterben verschlungen. 

„Sie konnten es nicht mehr stemmen“, sagt Edmund Hahn, und es klingt bedauernd. Auch für seine Familie ist es nicht immer leicht, den Betrieb aufrecht zu erhalten. Sie machen trotzdem weiter. Schließlich ist ihr Gasthaus nicht nur an das Wohnhaus angebaut – es ist nach wie vor ein selbstverständlicher Teil der Familie.

Es ist ein Hobby

Der 80-jährige Edmund Hahn und seine Kinder Tanja, 42, und Thorsten Hahn, 44, sitzen an einem Rundtisch in der kleinen, aber gemütlichen Dorfkneipe. Holzmöbel und herbstliche Dekoration zieren den Raum. Thorsten Hahn trägt seit 2006 die Verantwortung für das Gasthaus. Dieses ist seit jeher vor allem eines: ein Hobby. 

„Ich mache das nebenher. Sich mit den Gästen zu unterhalten, macht Spaß“, sagt er. Wie zuvor schon sein Vater verdient der Sohn sein Brot bei dem Volkswagen-Konzern in Baunatal. Tanja Hahn arbeitet als Verkäuferin. Für sie und ihren Bruder gehört der Gasthof schon seit der Kindheit dazu. „Es ist immer interessant, was es hier zu sehen und zu hören gibt.“ Als Jugendliche halfen sie beim Bedienen.

Früher lief der Betrieb gut

Denn in den 1970er und 80ern lief der Betrieb gut, berichtet Edmund Hahn. Schleichend änderte sich das. Mittlerweile öffnet die Familie noch an drei Abenden in der Woche ihre Kneipe. Vor allem Stammgäste schauen noch vorbei. Wenn niemand kommt, machen sie den Ausschank eher zu. „Dann ist hier Schicht im Schacht“, sagt Edmund Hahn trocken.

Heimatverbundenheit: Über der Tür zum Saal steht dieser Spruch in Metzer Mundart. 

Früher hatten Gäste auf Vorbestellung zum Beispiel deftige Rouladen oder Schnitzel serviert bekommen. Damit war vor zwanzig Jahren Schluss: Nach Ärger mit dem Finanzamt um Vorschriften für einen Restaurant-Betrieb schloss die Familie die Küche des Gasthofs.

Leitung von der Mutter übernommen 

Edmund Hahn übernahm die Leitung von seiner Mutter. Nachdenklich wird er, wenn er auf die Zeit während des Zweiten Weltkriegs zurückblickt. Als Zwangsarbeiter mussten Polen und Franzosen auf landwirtschaftlichen Betrieben in Deutschland aushelfen – so auch in Metze. Abends saßen sie manchmal in der Gaststätte und tranken ein Bier miteinander. 

Als die Amerikaner Metze erreichten, parkte ein Panzer direkt vor der Tür des Gasthauses. Der damals sechsjährige Edmund lief hinaus. Er erinnert sich, wie die Soldaten ihn begrüßten.

Hier erfährt man die Dorfpolitik

In den vergangenen 118 Jahren hat die Wirtschaft vieles gesehen. Ein Ort, an dem „man die Dorfpolitik erfährt“, erzählt Tanja Hahn. Im Tanzsaal trat eine Theatergruppe auf. Nur noch selten finden hier Vereinssitzungen und Trauerfeiernstatt. Allerdings gibt es seit einiger Zeit einen Biergarten.

Für die Familie gehört das Gasthaus noch zum Alltag. Thorsten Hahn ist sich sicher: „Solange es sich mit den Arbeitszeiten vereinbaren lässt und ein Plus auf der Rechnung ist, mache ich weiter.“

Kommentar: Zeiten ändern sich, doch Heimat gehört dazu

Ob in Schleswig-Holstein, Baden-Württemberg oder Hessen: Überall in Deutschland haben es Traditionsgasthäuser auf den Dörfern nicht leicht. Nicht umsonst hat sich der Begriff „Gaststättensterben“ längst etabliert. 

Gründe gibt es viele: Neben steigenden Kosten mehren sich Vorschriften seitens der Behörden. Für große Betriebe mit Steuerberatern und Buchhaltern kein Problem – für eine kleine Familienkneipe aber schon. 

Junge Leute gehen lieber Cocktails in der Stadt trinken, ältere machen Ausflüge zu weiter entfernten Cafés. Sportler und Feuerwehren treffen sich in den eigenen Räumen, der Polterabend wird eher im Dorfgemeinschaftshaus gefeiert.

Genügend Nachwuchs-Wirte in Deutschland wollen die zusätzlichen Sorgen nicht mehr und schließen das Familienunternehmen. Thorsten Hahn und seine Schwester hingegen verbringen regelmäßig ihren Feierabend in der Gaststätte – als Hobby. Auf Abruf bereit, falls ein Gast ein Bier trinken möchte. Die Räume müssen sauber gehalten, Getränke besorgt werden. Viel Arbeit für wenig Ertrag. Einfach, weil es ihnen Spaß macht und sie mit ihrem loyalen Einsatz versuchen, den 118-jährigen Familienbetrieb zu erhalten. Das verdient Anerkennung. 

Ist die Kneipe auf dem Land ein Auslaufmodell? Man muss akzeptieren, wenn sich die Zeiten ändern. Andererseits ist ein Gasthaus ein Ort, der die Menschen zusammenbringt. Hier können sich die Sportler mit den Feuerwehrleuten über den Polterabend unterhalten. Ein Stück Heimat, das schon immer dazugehört.

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