Coronakrise ist eine Belastung für Flüchtlinge 

Ein kleines Stück Normalität: Flüchtlinge lenken sich mit Gartenarbeit ab

Sind froh über den kleinen Garten: Abdulkader Jaber baut mit seiner Familie Gemüse auf der kleinen Gartenparzelle hinter dem Feuerwehrhaus an. Betreut werden sie von der Integrationsbeauftragten Ute Kollmann.
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Sind froh über den kleinen Garten: Abdulkader Jaber baut mit seiner Familie Gemüse auf der kleinen Gartenparzelle hinter dem Feuerwehrhaus an. Betreut werden sie von der Integrationsbeauftragten Ute Kollmann.

Pässe, die beantragt werden müssen, Duldungen, die auslaufen, Deutschkurse, die nicht statt- finden und nicht einmal ein kleines Fleckchen, auf dem sie sich zurückziehen können: Die Liste der Dinge, die Geflüchteten in der Coronazeit das Leben noch ein wenig schwerer machen, ist lang.

In Niedenstein bemühen sich Stadt und Ehrenamtliche, den Flüchtlingen das Leben ein wenig zu erleichtern.

Entspannt steht Abdulkader Jaber inmitten der kleinen Gartenparzelle hinter dem Niedensteiner Feuerwehrhaus. Dort gibt es für den 18-Jährigen, seine Familie und fünf weitere Flüchtlingsfamilien Platz, um Gemüse anzubauen. „Wir haben Salat, Gurken, Zucchini, Paprika, Radieschen und Kräuter“, zählt der Syrer stolz auf. Vor fünf Jahren kam Abdulkader mit seinem Onkel und einem Cousin nach Deutschland. Vor wenigen Wochen hat er seinen Realschulabschluss gemacht. Er würde gerne eine Ausbildung zum Bauzeichner oder Vermessungstechniker absolvieren. „Aber ich muss mich jetzt anders orientieren“, sagt er.

Es werden keine Auszubildenden eingestellt 

Durch die Coronapandemie stellen viele Betriebe in diesem Jahr keine Auszubildenden ein. Ein Problem für Deutsche wie für Geflüchtete. Letztere trifft die Krise stark: „Ich habe jetzt viel Zeit“, berichtet der 18-Jährige. Von der Schule seien die Abschlussschüler freigestellt, Fußball dürften sie nicht spielen, mit Freunden könne er sich nicht einfach so treffen. „Deswegen sind wir so froh über unseren Garten.“

Deutschkurse liegen auf Eis 

Ein Problem, das Ute Kollmann, Integrationsbeauftragter der Stadt Niedenstein, bekannt ist: „Die Coronakrise ist eine Riesenherausforderung für diese Familien.“ Viele lebten in Gemeinschaftsunterkünften, hätten weder Balkon noch Garten. Integrations- und Deutschkurse liegen auf Eis. „Das wirft die Menschen stark zurück“, sagt Kollmann. Onlinekurse, etwa über die Volkshochschule, könnten nur die in Anspruch nehmen, die bereits gute Sprachkenntnisse hätten. „Das fängt ja schon beim Einwählen ins Programm an.“

Aus Angst vor dem Virus nicht mehr vor die Tür

Zu all dem kämen Existenzängste. Nur langsam öffnen Behörden nach dem Lockdown wieder für Besucher. Wer als Flüchtling seinen Pass nicht verlängern kann, verliert einen Anspruch auf finanzielle Unterstützung, so Kollmann. „Die Schmerzgrenze der Menschen ist so dünn wie Papier.“ Viele seien durch Flucht und Vertreibung ohnehin psychisch belastet. Viele agierten nun emotional zurückhaltend. Einige hätten sich gar abgeschottet, gingen aus Angst vor dem Virus nicht mehr ins Freie. Dennoch seien die Flüchtlinge in Niedenstein untereinander vernetzt. „Es ist toll, wie sie miteinander umgehen. Bei uns helfen sich auch Menschen, deren Länder sich schwer bekriegen.“

Im Gemeinschaftsgarten kann man sich wieder treffen 

Kollmann versucht, mit ihnen in Kontakt zu bleiben. Das funktioniert über WhatsApp. Und über den kleinen Gemeinschaftsgarten. Seit einigen Wochen dürfen die Familien wieder dorthin zurück. Wer den Garten besuche, schreibe das in die gemeinsame WhatsApp-Gruppe – und melde sich dort ab. Dann darf die nächste Familie zu ihrem Beet. Arbeitsgeräte würden anschließend desinfiziert. Ein kleiner Beitrag, den die Stadt leistet. Aber einer, der die Geflüchteten glücklich macht: „Sie freuen sich total, im Garten arbeiten zu können“, sagt Kollmann.

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