Schulungen können helfen, Angst abzubauen

Kinder mit Diabetes finden schwer einen Kitaplatz

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Eingespieltes Team: Für Aleyna (3) machten die Erzieher der Kita Rasselbande in Niedenstein Katharina Ball und Robin Dickhaut eine zusätzliche Schulung. 

Niedenstein. Nicht alle Kitas im Kreis sind auf Kinder mit Diabetes eingestellt, dabei steigt die Zahl der Patienten in Deutschland. Eine Kita in Niedenstein will nun anderen Mut machen.

Nicht alle Kindertagesstätten im Kreis sind auf Kinder mit Diabetes eingestellt. Dabei ist das die häufigste Stoffwechselerkrankung bei Kindern. Laut der Arbeitsgemeinschaft Pädiatrische Diabetologie werden es jedes Jahr etwa vier Prozent mehr. „Für diabeteserkrankte Kinder ist es nicht selbstverständlich, ohne Probleme in eine Kita aufgenommen zu werden“, sagt Silvia Schulz, Leiterin der Kita Rasselbande in Niedenstein. Vor eineinhalb Jahren hat der Kindergarten das erste Kind mit Diabetes Typ 1 aufgenommen.

„Anfangs war die Unsicherheit im Team groß“, erzählt Schulz. Daher hätten alle Betreuer eine Schulung beim Klinikum in Kassel gemacht. Zusätzlich dazu haben zwei der Erzieher eine Fortbildung in einer Klinik in Sachsen-Anhalt absolviert, in der die betroffene Familie eine Kur gemacht hatte. Dort lernten sie beispielsweise den Umgang mit einer Notfallspritze.

„Es ist nicht selbstverständlich, dass sich alle Mitarbeiter einer Kita schulen lassen“, sagt Ulrike Wennde, Vorsitzende des Fördervereins für Kinder mit Diabetes in Kassel. Auch sie höre immer wieder, dass betroffene Familien es schwer haben, einen Kitaplatz zu bekommen. „Viele Betreuer sind nicht darauf vorbereitet.“ Das Engagement der Kita Rasselbande sei ein Vorzeigeprojekt. Grundsätzlich sind Kitas zur Aufnahme eines Kindes, auch mit Einschränkungen, verpflichtet – es sei denn, die Gruppenkapazität ist überschritten, heißt es von der Kreisverwaltung.

Um die Versorgung des Kindes sicherzustellen und die Kita zu entlasten, können Eltern beim Sozial- oder Jugendamt Förder- und Betreuungsbedarf beantragen. Im Fall der Niedensteiner Kita konnte ein weiterer Erzieher durch 15 zusätzliche Personalstunden eingestellt werden. Welche Medikamente verabreicht werden müssen, sollte schriftlich zwischen Eltern und Kita festgehalten werden. 

Nur individuelle Schulungen möglich

Sowohl Erzieher als auch die an Diabetes erkrankten Kinder sind laut der Unfallkasse Hessen gesetzlich versichert. Das gilt zum Beispiel für die fehlerhafte Gabe eines Medikaments, durch die ein Gesundheitsschaden entsteht. Zwar können sich Erzieher schulen lassen, das sei jedoch nicht so einfach, sagt Cornelia Lohmann. 

Die Diabetesberaterin der Kinder- und Jugenddiabetologie am Klinikum in Kassel leitet Fortbildungen, an der auch die Niedensteiner Erzieher teilgenommen haben. „Jedes Kind muss individuell betreut werden, da es anders auf die Krankheit reagiert.“ Daher seien die Schulungen stark auf das Kind zugeschnitten. Kitas könnten bei Interesse an Schulungen über die Eltern Kontakt zum Klinikum aufnehmen, aber auch nur, wenn das Kind dort auch als Patient in Behandlung ist.

Gegen Angst und Ablehnung: Kita in Niedenstein will Mut machen  

Erkrankt ein Kind an Diabetes, bleibt im Alltag nichts mehr so, wie es mal war. Doch nicht nur die Kinder und ihre Eltern, sondern auch Erzieher stehen plötzlich vor völlig neuen Herausforderungen. Deshalb ist es so schwer, einen Platz im Kindergarten zu bekommen, weiß Kristin Vössing aus eigener Erfahrung. „Man trifft auf viel Ablehnung und Ängste, doch wir hatten Glück“, sagt die Mutter der kleinen Aleyna. 

Die Dreijährige hat einen Platz in der Kita Rasselbande in Niedenstein erhalten. Sie ist das erste Kind in der Kita mit Diabetes Typ 1. Voraussetzung für die Aufnahme von Aleyna war, sie auch in den Kindergarten integrieren zu können, sagt Erzieher Robin Dickhaut und schildert seine anfänglichen Sorgen: „Ein Horrorszenario war, dass das Kind bei einer Unterzuckerung umkippt oder wir die Notfallspritze einsetzen müssen.“ 

In Notfällen handeln können 

Rutschen die Blutzuckerwerte bei Menschen mit Diabetes besonders dramatisch ab, kann es zu einer schweren Unterzuckerung kommen. Die kann zu Bewusstseinsstörungen und Kontrollverlust führen. Die Notfallspritze könne für einen kurzen Zeitraum den Restzucker in der Leber aktivieren. Die Spritze sei jedoch noch nie nötig gewesen, erklärt Dickhaut. Zusammen mit Kollegin Katharina Ball lernte er bei einer Fortbildung in einer Klinik in Sachsen-Anhalt, wie das Insulin mit einer Pumpe verabreicht wird, die Körperfunktionen gemessen werden und was in Notfällen zu tun ist. 

Auf die Ernährung müssen sie besonders achten. „Es ist viel Rechnerei, etwa wenn es Kuchen an Kindergeburtstagen gibt“, sagt Katharina Ball. Meist übernehme das Aleynas Mutter. Bei jeder Mahlzeit muss ausgerechnet werden, wie viele Kohlehydrateinheiten in den Lebensmitteln stecken. Davon hängt die Menge an Insulin ab, die Aleyna braucht. Das wird über eine Pumpe durch einen Katheter verabreicht, der über eine hauchdünne Nadel mit dem Körper verbunden ist. 

Selbstständigkeit fördern 

„Diabetes war komplettes Neuland für mich, aber je mehr man darüber lernt, desto sicherer wird man“, sagt Katharina Ball. „Das Ziel ist vor allem, Aleyna in ihrer Selbstständigkeit zu fördern.“ 

Beispielsweise, wie sie ihren Blutzuckerwert messen kann. Dafür ist ein Tropfen Blut von ihrem Finger notwendig. „Ich habe kein Problem mit Blut“, sagt die Dreijährige, während sie routiniert ihr pinkes, mit Glitzer verziertes Täschchen auspackt. Darin befinden sich neben Traubenzucker viel medizinisches Zubehör. „Die Tasche muss Aleyna immer bei sich haben“, wissen auch ihre Freunde. Die Kinder waren anfangs neugierig, gehen aber sehr entspannt damit um, sagt Kitaleiterin Schulz. Ihr Resümee und Empfehlung an andere Kitas: „Trau

Unterschied zwischen Diabetes Typ 1 und Typ 2

Bei Diabetes dreht sich alles ums Insulin. Das Hormon regelt den Blutzucker. Bei Diabetes Typ 1 ist nicht genug Insulin im Körper vorhanden. 

Die Autoimmunerkrankung tritt vor allem in der Kindheit und Jugend auf, kann aber auch im Erwachsenenalter vorkommen. Hier greift das Immunsystem die insulinproduzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse an und zerstört sie. Daher kommt es zu einem Insulinmangel. Es gebe zwar eine erbliche Komponente, die Ursache sei aber immer noch Gegenstand der Forschung, sagt Dr. Ralf Weber, Facharzt für Innere Medizin, Endokrinologe und Diabetologe vom Asklepios Klinikum in Schwalmstadt. 

Bei Diabetes Typ 2 produziert der Körper zwar Insulin, die Körperzellen sprechen aber schlechter darauf an. Die Folge ist eine Insulinresistenz, es kann nicht mehr ausreichend Zucker aus dem Blut in die Zellen weitergeleitet werden.

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