Dann verschwand auch noch Hütehündin Lotte 

Nach Verstümmelung von Alpaka in Niedenstein: Züchterin will Fohlen behalten

+
Das Alpaka-Fohlen mit seiner Mutter Babette: Tierhalterin Annette Dönch aus Niedenstein fand das junge Tier vergangenen Donnerstag mit abgeschnittenen Ohrenspitzen vor.

Ein Fall von Tierquälerei in Niedenstein hat Entsetzen ausgelöst. Ein Unbekannter hatte einem einen Tag alten Alpaka-Fohlen die Ohrenspitzen abgeschnitten. 

Auf noch wackeligen Beinen stolpert das Alpaka-Fohlen hinter der Herde her, erkundet mit seinen dunklen Kulleraugen die Umgebung und trinkt gierig die Milch von Mutterstute Babette. Äußerlich war dem Alpaka-Fohlen aus Niedenstein nichts von den Strapazen anzumerken, die es in seinem kurzen Leben ertragen musste – bis auf ein Detail.

„Auf einmal fiel mir auf, dass die Ohrenspitzen nicht mehr da waren“, erinnert sich Tierhalterin Annette Dönch. Zunächst dachte sie, dass ein Tier das Fohlen angegriffen hätte. Entsetzen und Verständnislosigkeit machten sich breit, als klar wurde, dass ein Unbekannter das gerade mal einen Tag alte Fohlen verstümmelt hatte. Seitdem ist die Polizei auf der Suche nach dem Tierquäler.

Fohlen hat keine Schmerzen mehr

Es war Annette Dönchs Freund, dem schnell klar wurde, dass kein Tier diese Verletzungen verursacht haben konnte. „Dazu waren die Wunden zu gerade“, stellte auch Adolf Höhmann fest. Der befreundete Tierarzt versorgte das verletzte Fohlen gerade noch rechtzeitig. 

Mutterstute Babette wurde erst kurz vorher in Brandenburg gekauft und war aufgrund der ungewohnten Umgebung eingeschüchtert. 

„Es sieht danach aus, dass die Ohrenspitzen abgeschnitten wurden“, bestätigt auch Dr. Hans-Gerhard Heil vom Kreisveterinäramt. „Alpakas sind Fluchttiere, deshalb hat der Täter die großen nicht gekriegt“, erklärt Höhmann. Normalerweise schützen Muttertiere ihre Jungen. Doch die Tierhalterin hatte die trächtige Babette nur wenige Tage zuvor in Brandenburg gekauft. So war die Mutterstute aufgrund der ungewohnten Umgebung noch verunsichert.

„Ich konnte es nicht fassen“, Annette Dönch runzelt die Stirn, sucht nach Worten für das Unbegreifliche. Das Fohlen leide zwar keine Schmerzen mehr, doch „die Ohren wachsen eben nicht nach“.

Sieben Alpakas haben in ihrem Garten am Ortsrand von Niedenstein ein gemütliches Zuhause gefunden, bewacht von Herdenhündin Aura. Seit 2013 züchtet und verkauft die 53-Jährige die flauschigen Alpakas. Ihr weiches Fell isoliert gut, weshalb die Tiere ganzjährig draußen leben.

"Attacke kam aus dem Nichts"

„Die Attacke kam aus dem Nichts“, so die Tierhalterin. Vieles passe dabei nicht ins Bild. Wie konnte der Täter an Hündin Aura vorbeikommen? Ein Rätsel gab auch Hündin Lotte auf. Das Gelände ist komplett umzäunt, alle Tore waren abgeschlossen. Und trotzdem verschwand die zweite Hütehündin am Donnerstag spurlos. Annette Dönch kann sich darauf keinen Reim machen. 

Verschwand spurlos: Hütehündin Lotte verlässt die Herde normalerweise nicht, sagt Tierhalterin Annette Dönch. 

Die kleine und alte Hündin verlässt die Herde normalerweise nicht und es gab kein Schlupfloch in einem der Zäune. Erst gegen Abend tauchte die Hündin im Tierheim Beuern wieder auf. „Wir hatten schon befürchtet, dass jemand sie beseitigt oder verletzt hat.“ Ob das Verschwinden von Lotte mit der Tierquälerei zu tun hat, ermittelt die Polizei derzeit. Für die Züchterin steht aber fest: „Das muss miteinander zu tun haben.“

Das Fohlen gibt sie nicht mehr her

Durch die Verstümmelung ist das Fohlen nicht mehr zum Verkauf an Züchter geeignet, doch Annette Dönch will ihr noch namenloses „Kein-Ohr-Alpaka“ sowieso nicht mehr hergeben. „Den behalten wir“, das war spätestens nach der Attacke klar.

Sie hofft auf Aufklärung. „Ich will wissen, was passiert ist und warum“, sagt sie gefasst. Von dem Artikel erhofft sie sich, dass die Menschen aufmerksamer werden. „Ich will nicht, dass so etwas anderen Tierhaltern passiert.“

Alpakas spucken und treten bei Bedrohungen

Das verwundete Alpaka-Fohlen wurde nur wenige Stunden nach der Attacke gefunden. Wir sprachen mit dem behandelnden Tierarzt Adolf Höhmann über die Folgen der Verstümmelung. 

Welche Folgen hat der Angriff auf das Fohlen? 

„Die Verletzungen sind noch rechtzeitig bemerkt worden. Wäre es zu einer Infektion gekommen, hätte das auch tödlich enden können“, sagt Höhmann. Wärme und Feuchtigkeit sind ein idealer Nährboden für Keime, erklärt der Tierarzt. Er hat die verstümmelten Ohren mit einem antibiotikahaltigen fliegenabweisenden Wundspray behandelt. 

Dieses Wundspray muss jetzt regelmäßig aufgetragen werden, damit sich keine fleischfressenden Fliegen und Maden in die Wunden einnisten. Bei Neugeborenen komme es immer wieder zu Infektionen, weshalb das Wundspray auch zur Nabeldesinfektion genommen wird. „Die Wunden werden abheilen und es wird seinen Lebensweg gehen“, so Höhmann. 

Wie wirken sich die Schmerzen aus? 

Bei vor kurzem geborenen Jungtieren wie auch bei neugeborenen Kindern dämpfen körpereigene Opiate das Schmerzempfinden, erklärt Höhmann. Das sorgt dafür, dass sie es unbeschadet durch den engen Geburtskanal schaffen. „Ein ausgewachsenes Tier hätte daher größere Schmerzen gehabt.“ 

Wie wehren sich Alpakas normalerweise gegen Angreifer? 

Neben dem Schutz der Herde sorgt ein starker Beschützerinstinkt der Muttertiere für Sicherheit. „Normalerweise kommt man nicht ohne weiteres an neugeborene Fohlen heran“, sagt Höhmann. In diesem Fall sei die Stute jedoch aufgrund des Stallwechsels und der ungewohnten Umgebung eingeschüchtert gewesen. „Zur Verteidigung schlagen sie mit den Hufen aus und spucken, das kann schon mal unangenehm werden.“ Der Speichel habe einen üblen Geruch, da dieser aus dem fünften Magen der Wiederkäuer komme.

Der Fall gibt Rätsel auf: Wie konnte der Unbekannte an zwei Hunden vorbeikommen? Neben Lotte passt Hündin Aura (Foto) auf die Herde auf.  

Bis zu drei Jahre Haft für Tierquäler

Tierquälerei wird im deutschen Recht als Straftat eingestuft. Tätern drohen bis zu drei Jahre Haft oder eine Geldstrafe. Doch dass verurteilte Tierquäler tatsächlich eine Haftstrafe ohne Bewährung antreten müssen, kommt selten vor, sagt Dr. Ullrich Laabs, Rechtsanwalt aus Borken. 

„Es gibt extreme Fälle, bei denen die Tat wiederholt und besonders grausam ausgeführt wird, dann liegt es in dem Ermessen des Richters.“ Auch ein Versuch ist bereits strafbar sowie Tötung und Quälerei durch Unterlassen. Letzteres setzt allerdings voraus, dass die Person eine besondere Fürsorgepflicht (Garantenpflicht) für das Tier hat. Beispielsweise wenn ein Hundehalter seinen Hund verhungern lässt oder das Tier durch mangelnde Pflege erkrankt und an den Folgen stirbt. 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.