Digital sicher kommunizieren

Pilotprojekt ermöglicht im Kreis verschlüsselten Mailverkehr

Der Marktplatz in Homberg.
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Der Marktplatz in Homberg.

Homberg ist mit Knüllwald, Frielendorf und Schwarzenborn bundesweiter Vorreiter in Sachen digitale Verwaltung. Ende Oktober startet ein Pilotprojekt.

Homberg – In der Kreisstadt und den Kommunen, mit denen sie interkommunal zusammenarbeitet, wird es ab Ende Oktober zum ersten Mal für eine breite Masse in Deutschland die Möglichkeit geben, mit Ämtern, Behörden und Gerichten auch digital zu kommunizieren.

Bisher war das nicht möglich, weil Nutzer sich per E-Mail nicht eindeutig identifizieren konnten.

Künftig können Steuerbescheide und Kopien der Geburtsurkunde per Mausklick von zu Hause angefordert, das Auto ganz ohne lästiges Warten an- und umgemeldet werden, erklärt Jörg Jessen, Experte für Cybersicherheit, der das Projekt mit der Stadt Homberg umsetzt.

Pilotprojekt: Volksverschlüsselung gilt als besonders sicher

Wer sich einmal an einem der neuen Bürgerterminals mit seinem Personalausweis registriert hat, kann eine neue E-Mailadresse generieren lassen, die mit dem Ausweis verbunden wird. Entwickelt wurde das Verschlüsselungsverfahren, die sogenannte Volksverschlüsselung vom Fraunhofer Institut für Sichere Informationstechnologie. Die Technik ist Ende zu Ende verschlüsselt und gilt als besonders sicher.

„Digitalisierung lebt davon, dass Kommunikation rechtssicher funktioniert“, sagt Bürgermeister Dr. Nico Ritz. Das neue Angebot sei ein wichtiger Schritt von der analogen zur digitalen Kommunikation. Der Rathauschef sieht klare Mehrwerte für Bürger wie Unternehmen in der Stadt. Dass Homberg nun voranschreitet, sei ein „schöner Nebeneffekt“.

Freude über die neue Nutzung herrscht auch beim Fraunhofer Institut: Die Arbeit an der sogenannten Volksverschlüsselung begann bereits 2014. „Bisher war sie aber nur großen Unternehmen vorbehalten“, sagt Pressereferent Oliver Küch.

Durch Corona habe verschlüsselte digitale Kommunikation aber einen neuen Schwung erhalten. Nun werde sie für Privatleute und eine breitere Masse nutzbar. Wichtig dabei: Möglich ist die verschlüsselte Kommunikation nur dann, wenn auch der Angeschriebene diese Technik nutzt, erklärt Küch.

Pilotprojekt: Mitlesen kann niemand mehr

„Wir testen nicht, wir führen ein“, sagt Jörg Jessen, der Experte für Cybersicherheit ist. Mit dem Projekt „Sichere E-Mail-Stadt“ nimmt die Stadt Homberg eine bundesweite Vorreiterrolle ein. Der Gang zu Behörde, Gericht oder Verwaltung wird damit bald der Vergangenheit angehören.

Für Jessen ist die Möglichkeit, über eine gesicherte Verbindung E-Mails zu versenden ein wahrer Pluspunkt. Besonders weniger mobilen Menschen würden Behördengänge so enorm erleichtert. Die Sorge, man könne bald nicht mehr zum Bürgerbüro gehen, zerstreut der Experte für Internetsicherheit: „Der Staat muss allen Menschen eine Möglichkeit zur Teilhabe geben. Bürgerbüros wird es immer geben.“

Projekt „Sichere E-Mail-Stadt“ dank Onlinezugangsgesetz (OZG)

Ohne das Onlinezugangsgesetz (OZG), das alle Kommunen bis 2023 einführen müssen, würde es das Projekt „Sichere E-Mail-Stadt“ wohl nicht geben: Ab Ende Oktober starten Homberg und seine interkommunalen Partner „OZG2to“. In allen vier Kommunen werden in den Bürgerbüros Bürgerterminals mit Kartenlesegeräten eingerichtet.

Bürger, die ihren Ausweis aktualisieren wollen, können sich dort ein Bürgerkonto eröffnen, erhalten Nutzername und Passwort und können so auch von zu Hause aus Dienstleistungen in Anspruch nehmen. Sie sind dann digital mit allen Behörden verbunden.

Einmal im Bürgerterminal eingerichtet und im digitalen Personalausweis hinterlegt, lässt sich die E-Mail für offiziellen Schriftverkehr nutzen. Durch die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung sei sie besonders sicher. Alles was dazu nötig ist, ist eine Mail-Software – etwa Thunderbird oder Outlook.

Pilotprojekt: Identifizierung für sichere Kommunikation

Über den Browser lässt sich die Verschlüsselung nicht nutzen, erklärt Oliver Küch, Pressereferent vom Fraunhofer Institut für Sichere Informationstechnologie. „Wir geben zum Beispiel Outlook den Schlüssel, damit Outlook die Mails anschließend verschlüsseln kann.“ An einer mobilen Version werde derzeit gearbeitet.

Damit die Kommunikation wirklich sicher ist, braucht es eine Identifizierung. Diese erfolgt über den Personalausweis, der mit der Mailadresse gekoppelt wird. Mit ihm erhält man einen Registrierungscode. „Das wird jetzt in Homberg eingeführt“, sagt Küch. Dabei hätte laut Jessen eine Unistadt dieses Projekt als erstes umsetzen sollen. „Wir wollten aber zeigen, dass eine Kreisstadt mit guter Infrastruktur und nachhaltigem Bewusstsein das mindestens genauso gut kann.“

Niemand soll Zugang zu den verschlüsselten Mails haben

Nutzer könnten sich sicher sein, dass niemand Zugang zu den verschlüsselten Mails hat – auch im Falle einer Cyberattacke auf das Fraunhofer Institut. „Wir haben die Schlüssel nicht. Sie bleiben immer beim Nutzer.“ Denn der Schlüssel wird auf dem persönlichen Rechner eines jeden Einzelnen abgelegt. Deshalb empfiehlt der Pressereferent auch unbedingt eine Sicherheitskopie. Alternativ könne der Code auch ausgedruckt und abgeheftet werden.

Anlass für diese Entwicklung sei Edward Snowden gewesen, der 2013 das Ausmaß der Überwachungspraktiken von Geheimdiensten öffentlich machte. Der Gedanke laut Küch: Es muss so einfach sein, dass jeder seine Kommunikation verschlüsseln kann.

Über eine App erzeugt die Technik nun kryptografisch einen Schlüssel und platziert diesen auf den Rechnern von Nutzern. Nutze man diese Technik könne man allerdings auch weiterhin unverschlüsselte Mails verschicken. „Nutzer haben die Wahl.“ (Chantal Müller)

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