Protokoll: Die Stunde der Entscheidung

Ließ sich keine Hörner aufsetzen: Reinhold Koch, Bürgermeister, Max Uhlenspiegel, Narr.

Dann kam der Tag der Tat. Das Marktgericht wollte kurzen Prozess mit der Hexe machen, und dann ging’s richtig los. Acht schwarz gekleidete Frauen stellten sich im Halbkreis vor den Scheiterhaufen und hielt Protesttafeln in die Luft. Dazu sangen die mutigen Damen ohne Namen ein langgezogenes Aah und trafen den Nerv der Volksseele an der empfindlichsten Stelle. Die Zuschauermenge begann zu kochen. Es brodelte und zischte, und fast wäre es zu einer Massenschlägerei gekommen. Muskelmänner der mittelalterlichen Fahrensleute warfen sich todesmutig dazwischen und verhinderten im letzten Moment die Keilerei.

Sofort war die Polizei zur Stelle, um zu prüfen, ob es sich um eine nicht angemeldete Demonstration handele. Handelte es sich aber nicht. Die Frauen warfen ihre Plakate hinter sich auf den blanken Scheiterhaufen, und die Show war gelaufen.

Doch dann passierte etwas, was in Fritzlar noch nie passiert ist: Die tausendköpfige Menschenmenge fing an zu singen. „Hoch auf dem gelben Wagen“. Und die schwarz Gekleideten konterten mit ihrem monotonen Aaaaah.

„Schmeißt sie raus!“, brüllte eine wütende Zuschauerin. „Wir haben schließlich Eintritt bezahlt!“ Bürgermeister Reinhold Koch tat das, was ein guter Politiker immer tut: Er versuchte zu verhandeln. Klappte aber nicht. Auch der Vorschlag, aus der Hexe einen Hexer zu machen, brachte nichts ein. Und so entschieden die Mittelalterlichen, die Aktion abzubrechen.

Hoch auf dem gelben Wagen

... SANG DIE mENGE

Ein kluger Schachzug. Denn die Damen des Protestes zogen ab, und alles war gut.

Zwei Stunden später ging’s richtig zur Sache: Die immer noch in Weiß gekleidete Hexendarstellerin trat erneut an, sich verbrennen zu lassen. Nur ein einsamer Demonstrant warf sich auf den Scheiterhaufen und brüllte: „Passiver Widerstand“. Aktiv wurde er einfach beiseite getragen.

Der Rest ist schnell erzählt: Die Lady im langen Nachtgewand wurde günstig postiert, neben mir hockte ein dpa-Fotograf und hämmerte bestimmt ein Dutzend Filme durch seine Nikon F2 (Filme gab es früher, als die Digitalfotografie noch nicht erfunden war). Dann schritt der Henker zur Tat, das Haupt ordentlich verhüllt. Und ein Bote des Kaiser verkündete: Die Dame werde freigelassen, wenn sich ein Mann finde ließe, der sie auf der Stelle heiraten würde.

Da waren sie nicht zimperlich, die Herren. Aufgebot hin, Standesamt her: Einer sagte laut und deutlich „ja“, und das Mädel war gerettet.

Das letzte Wort hatten, wie so oft in der damaligen Zeit, die Grünen: Sie setzten eine Gegendarstellung in der Zeitung durch, weil sie sich nicht richtig zitiert gefühlt hatten.

Und die Kommentatorin der HNA kommentierte: „Gegen Instinktlosigkeit ist leider kein Kraut gewachsen“. Sie meinte nicht die Grünen.

Das Ende vom Lied: Nie wieder hat jemand in Fritzlar versucht, eine Hexe zu verbrennen.

* Karl-Wilhelm Lange ist seit 1994 Bürgermeister von Fritzlar

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