820.000 Euro Umsatzsteuer hinterzogen

In Tränen: Prozess um dubiose Geschäfte mit Autos unterbrochen

Kassel. Als ihm während seiner Aussage offenbar die eigene Naivität und Dummheit bewusst wurde, brach der Angeklagte in Tränen aus.

Die Folge: Die Verhandlung vor der Wirtschaftsstrafkammer des Kasseler Landgerichtes musste unterbrochen werden. Dort muss sich der 50-jährige Mann aus dem nördlichen Schwalm-Eder-Kreis seit gestern verantworten, weil er im Vorjahr bei Autogeschäften 820.000 Euro Umsatzsteuer hinterzogen haben soll.

Das „Geschäftsmodell“ des Angeklagten basierte auf den enormen Preisunterschieden von zumeist Skoda-, Seat- und VW-Modellen, die in Tschechien seinen Worten nach um bis zu 10.000 Euro billiger zu haben sind als in Deutschland.

Seine tschechische Freundin kaufte die Autos dort, er brachte sie nach Deutschland und verkaufte sie an Autohäuser in der heimischen Region, in Bayern und in den neuen Bundesländern.

Für jedes der rund 250 Autos, die er auf diesem Weg nach Deutschland gebracht haben will, beanspruchte er als Provision zwischen 400 und 700 Euro, manchmal kassierte er auch die fällige Mehrwertsteuer, ohne sie beim Finanzamt zu deklarieren.

Meistens aber begnügte er sich mit seiner Provision, während die Autohäuser die Rechnungen schrieben und sich dafür die Vorsteuer von 19 Prozent vom Finanzamt erstatten ließen.

Eine Zeugin, Beamtin beim Kasseler Finanzamt, konnte nur den Kopf schütteln: „Er hat sich von den Autohäusern über den Tisch ziehen lassen. Das hätte ihm klar sein müssen, dass das irgendwann auffliegt.“

Hätte der Angeklagte die Käufe ordnungsgemäß versteuert, hätte er bei jedem Geschäft einen Verlust von mehreren hundert Euro gemacht, rechnete die Beamtin vor: „Das Geschäft haben die Abnehmer der Autos gemacht, weil die die Umsatzsteuer als Gewinn eingesackt haben.“

Beim Autoverkauf müssen große Geldbeträge den Besitzer gewechselt haben, denn alle Geschäfte wurden bar abgewickelt. Auf den Konten des Angeklagten fanden die Steuerfahnder daher auch kaum Geldbewegungen. Tatsächlich habe er sogar noch „Außenstände“ von über 70.000 Euro, weil die Abnehmer offenbar selbst knapp bei Kasse waren. Der größte „Kunde“ des Angeklagten kann nicht mehr haftbar gemacht werden. „Der hat sich aufgehangen“, beschrieb der 50-Jährige den Suizid seines Abnehmers.

Pluspunkte könnte der Angeklagte bei der für den heutigen Freitag erwarteten Urteilsverkündung sammeln, weil er nach seiner Festnahme uneingeschränkt mit den Finanzbeamten zusammengearbeitet hat und auch am Donnerstag voll geständig war.

Von den 820.000 Euro Umsatzsteuer, die der mittellose Mann jetzt theoretisch nachzahlen müsste, hat er jedenfalls so gut wie nichts gesehen.

• Der Prozess wird am Freitag, 5. Dezember, um 10.30 Uhr fortgesetzt.

Von Thomas Stier

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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