„Irrsinnig ausgebremst“

Schlagersänger und Friseur Dirk Schaller aus Homberg über seine drei Coronaphasen

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Hat mehr als nur einen Job: Dirk Schaller ist Friseurmeister und Sänger Reiner Irrsinn – aber nicht nur.

Dirk Schaller ist nicht nur in Homberg als Friseurmeister und Schlagersänger "Reiner Irrsinn" bekannt. Das Coronavirus hat den Tausendsassa ausgebremst. Er hat mit uns darüber gesprochen. 

Er ist Friseurmeister, betreibt zwei Salons und hat insgesamt 21 Mitarbeiter. Er plant die Erweiterung seines Angebots mit einem Zweithaarzentrum – für Menschen mit Haarausfall. Er füllt als Schlagersänger mit seiner Reiner-Irrsinn-Show die Festzelte der Region. Er ist der Chef der Eventagentur „schwarz-weizz“. Er ist der Kopf der Irrsinn-Reloaded Live-Band. Er ist Vorsitzender des Vereins Homberg Events und organisiert mit seinem Team Feste wie die Nachtmärkte und das Lichterfest in den Efzewiesen der Kreisstadt. Und: Er ist Familienvater, hat mit seiner Frau Anja drei schulpflichtige Töchter. All das ist Dirk Schaller.

Hat mehr als nur einen Job: Dirk Schaller ist Friseurmeister und Sänger Reiner Irrsinn – aber nicht nur. Fotos: Richard Kasiewicz

Wohl kaum jemand im Schwalm-Eder-Kreis wurde von der Coronakrise so ausgebremst, wie der Tausendsassa. Im HNA-Gespräch beschreibt Dirk Schaller seine (bislang) drei Coronaphasen:

Die Absage-Phase

„Als ich Ende Februar versucht habe, all meine Termine in dieses Jahr zu packen, hätte ich nie gedacht, das mich ein Virus mit dem Namen eines Bieres einfach so irrsinnig ausbremsen und aus der Bahn werfen würde“, sagt Schaller. Sein Kalender war bis zum Jahresende voll gepackt.

Und jetzt? Homeschooling der drei Töchter statt „Haareschneider“ sein, wie er es beschreibt. Die Friseurgeschäfte sind noch bis zum 4. Mai geschlossen. Alle Show- und Konzert-Auftritte bis Anfang September abgesagt. „Mein Terminbuch ist leer“, sagt Schaller. Und was die Konzerte betreffe, so bleibe das vermutlich länger so. „Das Oktoberfest wurde abgesagt, das ist ein deutliches Zeichen.“

Die stille Phase

„Nichts ist, wie es einmal war“, sagt Schaller und betont, dass das nicht nur ihm so gehe. „Das Kundenverhalten hatte sich gleich nach Beginn der Krise verändert. Plötzlich gab es keine Umarmung mehr von der über die Jahre liebgewonnenen Kundin, keinen Handschlag unter Männern.“ All das fehle ihm – und wird es auch in nächster Zeit nicht geben. Das ist ihm klar. Was er besonders vermisse, sei das Geräusch der laufenden Föne, das Brummen der Haarschneidemaschinen, die Unterhaltungen mit den Kunden – und sein Team.

„So still war es noch nie in meinem Leben“, sagt er. 27 Jahre betreibt er den Friseursalon in Homberg. „Trotz Umzugs, Umbaus, Krankheit und mehr waren wir immer zu den Öffnungszeiten da.“

Ein vertrautes Geräusch ist geblieben: das Klingeln des Telefons. „Erst waren es die Absagen der Veranstalter – Shows, Konzerte, das Lichterfest. Dann Kunden, die fragten, ob sie nicht trotz Corona-Schließung die Haare geschnitten und gefärbt bekommen könnten“, sagt Schaller. „Das ging natürlich nicht, auch wenn uns jeder Kunde wichtig ist. Verbot ist Verbot.“ Doch hat er – wie viele andere Menschen – nach Lösungen gesucht. „Wir haben versucht, uns und unsere Leute irgendwie zu retten.“ Unter anderem mit dem Versenden der Haarfarben an Kunden. Doch blieb letztlich nur, Kurzarbeit für seine Mitarbeiter anzumelden.

Die Lockerungs-Phase

„Ich habe gejubelt“, sagt Schaller, als er von den Corona-Lockerungen erfuhr. Ab dem 4. Mai darf er seine Läden in Homberg und Frielendorf wieder öffnen. Aber auch dann wird längst nicht alles so sein, wie es war: „Wir werden im Laden jeden zweiten Stuhl in die Garage schieben, um den Mindestabstand einzuhalten. Wir werden Mundschutz tragen und natürlich Hände, Flächen und mehr desinfizieren. Wir entfernen die Warteecke, verzichten auf das Schneiden der Bärte und das Zupfen der Augenbrauen – und auf die Umarmung am Eingang.“ Es werde einen Schichtbetrieb geben und die Öffnungszeiten verlängert.

Denn: Nach der Ankündigung der Corona-Lockerungen war es wieder da, dieses eine vertraute Geräusch: das Telefonklingeln. Diesmal waren Kunden dran, die Termine vereinbaren wollten. „Wir freuen uns darauf, endlich wieder Haare machen zu dürfen“, sagt Schaller.

Auch wenn das für den Tausendsassa nur einer von vielen Schritten zurück ist – in die sogenannte neue Normalität. „Alles braucht noch etwas Zeit“, sagt er und gibt zu, dass er trotz seiner optimistischen Grundhaltung jetzt etwas hat, was er vor diesem Virus mit dem Namen eines Bieres nicht kannte: „Angst vor der Ungewissheit.“

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