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Chemie ist teuer und knapp: Klärwerken fehlen die Betriebsmittel

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Von: Claudia Brandau, Maja Yüce

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Fällmittel wie Eisen- oder Aluminiumsalze sind rar und im Vergleich zu den Vorjahren teuer. Bislang können die Klärwerke wie hier in Gudensberg-Maden die vorgeschriebenen Grenzwerte einhalten.
Fällmittel wie Eisen- oder Aluminiumsalze sind rar und im Vergleich zu den Vorjahren teuer. Bislang können die Klärwerke wie hier in Gudensberg-Maden die vorgeschriebenen Grenzwerte einhalten. © Cora Zinn

Klärwerken fehlen die Betriebsmittel. Lieferengpässe bereiten zunehmend Probleme in der Region. Im Schwalm-Eder-Kreis sieht es noch gut aus.

Schwalm-Eder – Vielen Klärwerken in der Region fehlt es an Fällmitteln – ohne diese Chemikalien aber, die zur chemischen Reinigung des Abwassers benötigt werden, können die Betriebe nicht laufen.

„Der Gesetzgeber verlangt, dass wir alle Richtwerte einhalten – ganz gleich wie“, sagt Benjamin Neidert, Betriebsleiter der Stadt Homberg. Die zentrale Kläranlage in Homberg verbraucht jährlich 110 Tonnen der Chemikalien. Doch auch wenn die Vorräte in den zwei großen Bunkern für Eisen- und Aluminiumsalze noch ausreichend seien, könnten diese Abfallprodukte aus der Industrie bald knapp werden.

Wegen der Energiekrise wird bereits seit Monaten weniger Salzsäure produziert

„Die Problematik trifft ja alle Kläranlagen“, sagt Neidert. Grund: Wegen der Energiekrise wird bereits seit Monaten weniger Salzsäure produziert. Die aber ist Grundlage für die Herstellung von Eisen- und Aluminiumsalzen. Ohne sie müssten die Kläranlagen ihre Abwasser mit deutlich höheren Belastungen in Gewässer einleiten.

Die Jesberger Kläranlage hat gerade eine Lieferung Fällmittel erhalten und verfügt über einen Vorrat für vier Monate. „Auch wenn die Marktsituation nun eine andere ist: Wir sind optimistisch, weiter gute Werte liefern zu können,“ sagt Jesbergs Bürgermeister Heiko Manz.

Eine der größten Kläranlagen im Landkreis ist die Fritzlarer. Sie hat eine Ausbaugröße von über 20 000 Einwohnerwerten. „Die bisherigen Fällmittel können nicht mehr geliefert werden, da sie aus Russland kamen“, sagt Fritzlars Bürgermeister Hartmut Spogat. Stattdessen werde nun ein Alternativprodukt angeboten, das aber etwa 45 Prozent teurer sei. „Der Jahresverbrauch liegt bei 150 Tonnen. Somit ist zu erwarten, dass hier jährlich statt 31 000 Euro etwa 44 000 Euro gezahlt werden müssen“, so Spogat. Aber: „Lieferengpässe gibt es nicht.“

Bislang habe noch keine Kläranlage im Schwalm-Eder-Kreis die Zugabe der Fällmittel aufgrund des aktuellen Mangels einstellen müssen

Die Lage sei angespannt, sagt Umweltdezernent Jürgen Kaufmann. Doch habe bislang noch keine Kläranlage im Landkreis die Zugabe der Fällmittel aufgrund des aktuellen Mangels einstellen müssen. Und: Bislang wurden von den Kläranlagenbetreibern auch noch keine Anträge an den Landkreis gestellt, um das Abwasser gegebenenfalls mit höheren Werten einleiten zu können.

Das Nachbarbundesland Niedersachsen hat auf den Fällmittel-Mangel bereits reagiert und Klärwerken schon eine Ausnahmegenehmigung in Aussicht gestellt.

Die Lage sei angespannt, sagt Umweltdezernent Jürgen Kaufmann. Doch musste bislang noch keine Kläranlage im Landkreis die Zugabe der Fällmittel aufgrund des aktuellen Mangels einstellen. Und: Bislang wurden von den Kläranlagenbetreibern auch noch keine Anträge an den Landkreis und die Arbeitsgruppe „Wasser und Bodenschutz“ (Untere Wasserbehörde) gestellt, um das Abwasser gegebenenfalls einleiten zu können, ohne dass die Grenzwerte eingehalten würden.

Untere Wasserbehörde des Schwalm-Eder-Kreises ist für 65 Kläranlagen im Landkreis zuständig

Die Untere Wasserbehörde des Schwalm-Eder-Kreises ist für 65 Kläranlagen im Landkreis zuständig, von denen vier eine Ausbaugröße von über 10 000 Einwohnerwerte haben. Dies sind die Kläranlagen in Gudensberg-Maden, Borken-Großenenglis, Homberg und Felsberg.

Vier weitere Kläranlagen haben eine Ausbaugröße von über 20 000 Einwohnerwerten – für sie ist das Regierungspräsidium in Kassel zuständig. Dabei handelt es sich um die Anlagen für Fritzlar, Schwalmstadt, Melsungen und Guxhagen.

„Die meisten Kläranlagen im Kreis sind kleine Anlagen, die dementsprechend Fällmittel in vergleichbar kleinen Mengen verbrauchen“, erklärt Umweltdezernent Jürgen Kaufmann. Viele Betreiber hätten Vorräte von bis zu sechs Monaten und sind von dem Mangel an Fällmitteln nicht unmittelbar betroffen.

Es gibt bei den einzelnen Substanzen große Unterschiede bezüglich der Lieferzeiten

Dennoch: Der Mangel an Fällmitteln sorgt auch in den Klärwerken im Landkreis für längere Lieferzeiten. „Die Betreiber der Klärwerke müssen das Bevorraten der notwendigen Klärmittel sorgfältig überwachen und Nachbestellungen deutlich früher aufgeben“, erklärt Kaufmann.

Dabei gebe es bei den einzelnen Substanzen große Unterschiede bezüglich der Lieferzeiten. „Beim Eisen(III)-chlorid sind die Lieferzeiten deutlich höher als bei den Aluminiumchloridlösungen.“ Hinzu komme, dass sich die Preise für die Fällmittel im Vergleich zum Jahr 2021 verdoppelt bis sogar vervierfacht hätten.

Sofern ein bisher eingesetztes Produkt nicht mehr lieferbar sei, sei aber der Umstieg auf ein alternatives Produkt problematisch. Grund dafür: Die bisherigen Lagertanks müssten komplett gereinigt werden, bevor dort ein anderes Produkt eingelagert werden könne.

Zudem müssten beim Einsatz von anderen Klärmitteln die Dosierungen neu austariert und die Einhaltung der erforderlichen Grenzwerte genau beobachtet werden. (Maja Yüce, Claudia Brandau)

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