Zusätzlich helfen 4500 Ehrenamtliche, den Alltag zu bewältigen 

6500 Menschen im Kreis werden gesetzlich betreut

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Seit 14 Jahren Berufsbetreuerin: Ute Karwatzki ist beim Awo-Betreuungsverein angestellt.

Schwalm-Eder. Häufig kümmern sie sich um Menschen mit Demenz, Sucht- oder psychischen Erkrankungen. Doch den Berufsbetreuern im Kreis fehlt die Zeit für persönlichen Kontakt. 

Miete zahlen, mit dem Einkommen haushalten oder sich mit Lebensmitteln versorgen – viele Menschen können ihren Alltag nicht allein bewältigen. Ist das der Fall, übernimmt ein Betreuer diese Aufgaben. Im Schwalm-Eder-Kreis werden derzeit 6516 Menschen gesetzlich betreut. Die Zahl der Betreuten im Landkreis bleibt damit konstant. Im vergangenen Jahr waren es knapp 6500 Menschen, teilt der Landkreis auf Anfrage mit.

Ein vom Gericht bestellter Betreuer übernimmt nur die Aufgaben, die der Betreute nicht mehr selbst erledigen kann. Dabei geht es um Geldangelegenheiten, um Gesundheitsfragen, sie helfen dabei, den Tag zu strukturieren oder kümmern sich um die Post. „Der Betreuer füllt aber nicht den Kühlschrank oder putzt die Treppe“, erklärt Ute Karwatzki, Berufsbetreuerin bei der Awo. „Wir sind keine sozialen Betreuer, sondern rechtliche.“

Etwa 4500 Betreuer im Landkreis sind ehrenamtlich tätig, weitere 275 sind Berufsbetreuer. Die stehen immer häufiger vor großen Problemen, sagt Karwatzki. Die Zahl der Stunden, die ein Berufsbetreuer für einen Betreuten aufbringen kann und für die er auch bezahlt wird, reichen nicht aus. Seit 2005 wurden die Stundensätze nicht erhöht. Für einen mittellosen Betreuten bleiben ab dem zweiten Betreuungsjahr nur noch dreieinhalb Stunden im Monat. Begleitet der Betreuer ihn aber etwa ins Krankenhaus, kann ein Besuch schnell mehrere Stunden dauern.

„Viele Betreuer haben wirtschaftliche Schwierigkeiten“, so Karwatzki. Um ausreichend zu verdienen, müssten Betreuer mehr Fälle annehmen. Nur so könnten sie die eigene Rentenversicherung, Fahrtkosten und Miete für ein Büro finanzieren. In der Regel sollte ein Betreuer alle vier Wochen persönlichen Kontakt zu den Betreuten haben. „Das schaffen wir heute gar nicht mehr“, sagt Karwatzki.      

Betreuung höchstens für sieben Jahre

Ist ein Mensch wegen Krankheit oder Behinderung nicht mehr selbst in der Lage, sich um seine Angelegenheiten zu kümmern, kann ein rechtlicher Betreuer wichtige Aufgaben für ihn übernehmen und ihn vertreten. 

Das kann ein Familienmitglied, ein ehrenamtlicher oder Berufsbetreuer sein. Hat die betroffene Person aber nicht festgelegt, wer sie im Ernstfall rechtlich betreuen soll, muss das Gericht über einen Betreuer entscheiden. 

Wie lange sich ein Betreuer um einen Menschen kümmert, ist individuell, sagt Ute Karwatzki. Einige würden oft nur ein Jahr betreut, etwa nach einem Schlaganfall, andere bis sie Aufgaben wieder allein übernehmen könnten oder bis zu deren Tod. Ein Gericht könne aber höchstens für sieben Jahre einen Betreuungsbeschluss geben. Danach müsse eine Betreuung neu geprüft werden.

Fragen und Antworten zu Berufsbetreuern 

Im Landkreis werden 6500 Menschen gesetzlich betreut – durch Ehrenamtliche und Berufsbetreuer. Wir beantworten mit Hilfe der Berufsbetreuerin Ute Karwatzki vom Awo-Betreuungsverein die wichtigsten Fragen zum Thema Betreuung.

Wann wird ein rechtlicher Betreuer eingesetzt?

Eine Betreuung kann für einen Menschen eingesetzt werden, der bestimmte Dinge in seinem Alltag nicht mehr selbst erledigen kann. Kann sich eine Person beispielsweise nicht mehr ernähren, weil es ihr nicht gelingt, einzukaufen, kann ein Betreuer die Angelegenheiten regeln und etwa für ein Essen auf Rädern sorgen. Häufig kümmern sich Betreuer um Menschen mit Demenz, Sucht- oder psychischen Erkrankungen. „Ein Mensch muss Defizite haben oder eine psychische Erkrankung, sodass er zeitweise oder dauerhaft nicht für sich sorgen kann“, sagt Karwatzki.

Welche Aufgaben hat ein Betreuer?

Betreuer benötigen eine breite Allgemeinbildung. Ist ein Betreuer für das Vermögen eines Menschen eingesetzt, übernimmt er Bankangelegenheiten, die Kommunikation mit Rentenkasse und Versicherungen. Hat er die Gesundheitssorge, begleitet er einen Menschen zu Ärzten und spricht mit Krankenkassen, kümmert sich um Behörden- und Postangelegenheiten. Er macht Steuererklärungen, beauftragt Pflegedienste und muss auch in Operationen einwilligen – oder eben nicht.

Welche Rechte und Pflichten hat ein Betreuer?

Ein Betreuer soll für Betroffene eine Hilfe sein und ihn unterstützen. Es soll nicht so sein, dass dem Betreutem etwas übergestülpt wird, erklärt, Ute Karwatzki. Ein Betreuer soll Angelegenheiten immer mit dem Betreuten besprechen. „Als Betreuer muss man abwägen und immer nur dann eingreifen, wenn der Betreute etwas selbst nicht kann“, sagt Ute Karwatzki. Bei einer Betreuung geht es also immer um ein gemeinschaftliches Entscheiden.

Was verdient ein gesetzlicher Betreuer? 

Der Verdienst eines Betreuers hängt sowohl von der Anzahl seiner Fälle als auch seiner Ausbildung ab. Ein studierter Betreuer mit für den Beruf verwertbaren Kenntnissen, etwa ein Jurist oder Sozialpädagoge, verdient 44 Euro pro Stunde, ein Betreuer, der eine Ausbildung hat, erhält eine Vergütung von 33,50 Euro. 

Betreuern ohne verwertbare Kenntnisse wird ein Stundenlohn von 27 Euro gezahlt, sagt Karwatzki. Berufsbetreuer müssen sich davon selbst versichern, sie tragen außerdem die Fahrtkosten zu den Betroffenen selbst. In der Betreuervergütung ist festgelegt, wie viele Stunden für einen Betroffenen monatlich abgerechnet werden können. Ehrenamtliche Betreuer erhalten laut Karwatzki eine Aufwandsentschädigung von 399 Euro im Jahr.

Wo beantragt man eine Betreuung? 

Zuständig für alle Fragen rund um das Thema gesetzliche Betreuung ist die Betreuungsbehörde des Landkreises. Amtsgerichte stellen dort Anträge zur Betreuung eines Betroffenen. Die Betreuungsbehörde wiederum prüft in einem ärztlichen Gutachten, ob eine Betreuung nötig ist. 

Dann kann eine Vorsorgevollmacht ausgestellt werden. In der Regel wird vorrangig ein Familienangehöriger durch das Gericht zum Betreuer bestellt, der dann ehrenamtlich tätig ist. Ein Berufsbetreuer wird dann eingesetzt, wenn der Aufwand für ein Familienmitglied „unangemessen hoch“ ist, sagt Karwatzki.

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