Kritik an Bewegungsjagd

Jäger: Eine "einzige Schlachterei"

Das Ergebnis einer Bewegungsjagd: Die Zahl der erlegten Tiere hänge von vielen Faktoren ab, sagt der Jesberger Forstamtsleiter Karl-Gerhard Nassauer. Auf keinen Fall aber widerspreche diese Jagdform dem Tierschutzgesetz. Das Foto entstand in Stendal. Foto:  dpa

Schwalm-Eder. Jäger Karl-Marin Bock aus Lohne erhebt schwere Vorwürfe: Die Bewegungsjagden, die regelmäßig im Landkreis veranstaltet werden, seien völlig unnötig, seien selten waidgerecht sondern vielmehr eine „einzige Schlachterei“.

Bei einer solchen Jagd passiere nichts außer Hatz und Hetze – dafür sorgten allein die Hunde, die das Wild ermüdeten.

Viele Jäger und Förster in der Region sehen das komplett anders. Der Jesberger Forstamtsleiter Karl-Gerhard Nassauer kennt die oft hitzig geführten Debatten: „Bewegungsjagden sind ein solch emotionales Thema, dass es schwierig ist, einen großen Konsens zu finden.“

„Jagdliche Verantwortung“

Deshalb sei das Thema auch ein Bereich, den man als Förster eher durchleide als durchlebe, sagt Nassauer. Er weist die Vorwürfe, dass die Jagdform nicht tiergerecht sei, zurück. Jedes Forstamt trage große jagdliche Verantwortung: „Wir jagen nicht nach Gutdünken, sondern nach klaren Vorgaben – und mit großer sachlicher Transparenz.“

Auch sein Kollege Christian-Peter Foet, Forstamtsleiter in Melsungen, steht vehement hinter der Bewegungsjagd als tierschutzgerechter Form: Sie bedeuteten deutlich weniger Stress fürs Wild als häufige Ansitzjagden. Bei einer Bewegungsjagd werde es nur einen einzigen Tag stark beunruhigt. „Besser, wir erlegen an einem Tag 80 Tiere als dass wir 80 Tage ein Tier jagen.“ Foet sieht keine Alternative zur eintägigen Bewegungsjagd, bei der auch die Nachsuche nach verletzten Tieren eine Rolle spiele. Keine einzige Bewegungsjagd dauere länger als bis 13 Uhr – das garantiere, dass die Jäger im Winter noch genügend Licht hätten, um verletzte Tiere zu suchen.

Kein Jagdstress

Auch die Qualität des Wildbrets werde vom Jagdstress nicht beeinträchtigt, betont Foet und widerspricht damit dem Vorwurf des Jägers Bock: Der sagt, dass durch die voran gegangene Hetze das Fleisch des Wildes entwertet und oft sogar auch das Fleischhygienegesetz verletzt werde.

Das hält Dr. Peter Urban für eine kühne Behauptung. Der Adrenalingehalt des Fleisches werde nicht gemessen, sagt der Leiter des Kreisgesundheitsamtes in Homberg. Die Jäger besäßen die Fachkundenachweise, die für die Jagd und das Ausweiden nötig seien. „Aus gesetzlicher Sicht ist das alles erlaubt und geregelt“, sagt Urban.

Das sieht auch Kreisjagdberater Werner Wittich so: „Die alten Bejagungsformen reichen nicht mehr aus, wenn wir die Vorgaben der Jagdbehörden erfüllen und die Bestände begrenzen wollen – die Jäger müssen sich auf veränderte Formen einstellen.“ Eine Bewegungsjagd sei viel effektiver als die Ansitzjagd: Zumindest dann, wenn sie sauber vorbereitet und Hunde und Treiber gut ausgebildet seien.

Karl-Martin Bock lässt all diese Argumente nicht gelten: Bewegungsjagden seien weder waid- noch tierschutzgerecht, sagt der Lohner. Eine wirklich saubere Jagd „ohne jedes Gedönse“ biete nur die Ansitzjagd, bei der der Jäger gezielt anlege. Bock ist nach wie vor überzeugt: „Jagden mit Meute und Treibern – das ist tiefstes Mittelalter.“

Von Claudia Brandau

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